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05. Dezember 2012, 13:54 Uhr

Muster bei der Partnerwahl

Die kenn ich doch!

Von Daniel Haas

Männer haben ein bewährtes Beuteschema: Sie werden glücklich mit Frauen, die ihren Müttern ähneln. Das behauptet zumindest eine Studie. Wohin aber führt das, wenn man das Prinzip historisch zu Ende denkt?

Das Jahr geht zu Ende. Weihnachten kommt, wer jetzt allein ist, kann sich warm anziehen, emotional gesehen. Besser noch mal richtig ranklotzen bei Parship oder elitepartner. Aber machen wir uns nichts vor: zu viel Auswahl, zu viel Angebot, zu viele Nieten. Man ist womöglich selber eine, für die andern eben. "Ich dachte, du stehst auf Sport", sagt sie beim ersten Date, und spätestens jetzt fliegt auf, dass für dich ein Spaziergang, der länger als 30 Minuten dauert, schon Zirkeltraining ist.

Die Zeit läuft, diese Woche ist schon Nikolaus, und vielleicht ist das die Rettung: Der Philosoph Christian Thiel (neues Buch: "Wer passt zu mir?") rät, bei der Partnerwahl auf die eigenen Eltern zu schauen. Zitiert wird eine Studie, der zufolge Männer am ehesten mit einer Frau glücklich werden, die sie an die eigene Mutter erinnert.

Das macht die Sache einfach: Ich suche von nun an nur noch Frauen, die Twinsets tragen, süchtig Wiederholungen von "Denver Clan" anschauen und aus dem Effeff einen Hölderlin-Vers zitieren können. Wenn sie dann noch sagt: "O ja, ich liebe Pop, von Glenn Miller kann ich nicht genug kriegen!", dann bin ich restlos zufrieden.

Die Sache hat einen Haken. Zum einen ist es schwierig, Frauen zwischen 35 und 45 zu finden, die nicht mit Schwangerschaft, Twittern, Twittern über ihre Schwangerschaft oder einer Zweit- bzw. Drittkarriere beschäftigt sind. Natürlich ist das alles legitim, fortschrittlich und gesamtgesellschaftlich gesehen sicher wünschenswert.

Aber ich suche ja wie gesagt meine Mutter, also eine Frau, die mit 40 Erich Fromms "Die Kunst des Liebens" für ein umstürzlerisches Meisterwerk hielt, Gloria von Thurn und Taxis als "dieses verrückte Ding!" bezeichnet und nie, nie, niemals eine Modemarke namens Acne (sprich: Akne) akzeptieren würde.

Paradiesische Wahl

Und dann das Konzept selbst - die Wahl der Partnerin nach dem Vorbild der Erzeugerin. Wenn man die Sache ordentlich durchdenkt, kann einem schwindelig werden. Ich wähle eine Frau, die meiner Mutter ähnlich ist. Die Frau, die meiner Mutter ähnelt, entspricht nun jener Frau, die offensichtlich mein Vater gewählt hat. Weil nun mein Vater bereits ein smarter Knabe war, hat er auch schon nach einer Frau gesucht, die seiner Mutter ähnlich war. Die wiederum ähnelte der Frau seines Vaters, der in seiner Gattin wiederum die Mutter gefunden hatte.

Was folgt, ist ein potentiell unendlicher Regress, in dem alle Männer am Ende dieselbe Frau begehren (bei Christen wäre das Eva, bei allen anderen irgendein ungewaschener Schimpanse). "Du bist wie DEINE Mutter!": Dieser Satz wird in Beziehungsstreitereien weiterhin als schlimmste Schmähung gelten. "Du bist wie MEINE Mutter!" aber ist von nun an das größte Kompliment. Denn es heißt: Du bist die Frau, hinter der bereits 75 Generationen Männer her sind.

Therapeuten schlagen nun Alarm: So ein ausgelebter Ödipuskomplex führt bestenfalls zu Woody-Allen-Filmen, schlimmstenfalls in die Katastrophe. Den Vater, also das Über-Ich, entsorgen und an Mami geistig-seelisch kleben bleiben - auf diese Weise entstehen kaputte Typen. Männer, über die Frauen twittern: "Erstes Date. Dreimal rief Mami an. Loser."

Die 68er hatten es einfacher. Sie haben den Generationenvertrag komplett aufgekündigt, hassten Väter wie Mütter gleichermaßen und suchten nach Frauen, die aussahen wie Uschi Obermaier und sich benahmen wie eine in marxistischer Theorie geschulte Pornodarstellerin auf LSD.

Meine Mutter ist übrigens eine 68erin, aber die Zeit ist ideologisch fast spurlos an ihr vorübergegangen. Sie bleibt den vorhergehenden Generationen verbunden, was sie heute paradoxerweise modern erscheinen lässt. Sie freut sich, dass Kinder jetzt wieder Karl, Franz und Luise heißen, auch wenn das früher Dienstbotennamen waren. Die von Zigarette zu Zigarette wachsende Liebe der Deutschen zu Helmut Schmidt muss man ihr nicht erklären, der Mann ist in jedem Fall plausibler als "diese Politikerin mit den komischen Kostümen". Und biozertifizierte Ernährung, ja, da ist sie auch dafür. Als ostelbisches Flüchtlingskind kam sie bei Bauern unter: "Da gab es alles frisch vom Acker."

Deshalb suche ich im Netz eigentlich nicht meine Mutter, sondern meine Großmutter. Niemals werden wir über Tattoo-Entfernung sprechen müssen, auch Paarcoaching, Schweige-Retreats oder gemeinsame Yoga-Kurse werden kein Thema sein. Wenn alle von den Kulissen der Serie "Mad Men" schwärmen, wird sie mir einen Cocktail reichen und sagen: "Diese Eames-Stühle, da hab ich noch vier im Keller." Und auf ihren Jugendfotos sieht sie aus wie Lana Del Rey. Die sich als Hannelore Kohl verkleidet hat. Oder umgekehrt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Studie zufolge würden Männer am ehesten mit Frauen glücklich, die ihren Müttern gleichen. Buchautor Christian Thiel legt Wert darauf, dass dies so nicht korrekt ist: Es handle sich um Frauen, die den Müttern der Männern ähneln. Zudem ist Thiel nicht Psychologe, sondern Philosoph. Beides haben wir korrigiert.

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