"Welle"-Star Jürgen Vogel "Ganz süß - aber die Zähne!?!"

Er probiert sich gern aus, kennt keine Angst - und was andere über ihn sagen, schert ihn wenig. Jetzt spürt Jürgen Vogel, 39, als Star des Kinofilms "Die Welle" der Frage nach, wo Faschismus beginnt. Begegnung mit einem amüsanten, ernsthaften, unberechenbaren Künstler.

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Berlin - Schon im Flur hört man seine dreckige Lache. Durch den Türspalt einer edlen Suite des "Regent" am Berliner Gendarmenmarkt sieht man dann seine Füße. In klobigen, schwarzen Bikerstiefeln baumeln sie über die Lehne eines Jugendstilsofas, wippen munter auf und ab. Sein Endlosgrinsen entblößt die säbelartigen Eckzähne. Jürgen Vogel in Bestform.

Er lässt sich nicht anmerken, dass er es hasst, seine Filme zu promoten. Früher hat er es ignoriert, wenn ihm die Großkopferten des Business das PR-Gehabe schmackhaft machen wollten. "Immer hieß es, das sei für meine Karriere wichtig, nur dann würde ich berühmt." Berühmt ist Jürgen Vogel längst. Werben will er - für seinen Film, nicht für sich. "Die Welle" soll Zuschauer bewegen, zur Diskussion anregen: Könnte ein Diktator bei uns heute noch Massen begeistern?

Vogel glaubt, mit einem Film wie "Die Welle" mehr Menschen erreichen zu können als mit einem flammenden Appell im Bundestag, von dem er immer träumte. "Dieser Wunsch hat sich erledigt, seit ich mal zum Thema Familienpolitik bei Christiansen war", sagt der vierfache Vater. "Ich habe denen klar gesagt, was ich denke - aber das war so unbefriedigend. Ich kam mir vor wie in einer Gerichtssendung: Die Leute knallen sich nur was an den Kopf, aber verändern nichts."

Vogel spielt in "Die Welle" einen Lehrer, wie ihn sich Schüler wünschen: lässige Lederjacke, laute Punkmusik, lädierter Oldtimer. Anfangs denkt man, Vogel spielt mal wieder sich selbst. Und doch ist es eine ungewohnte Rolle: Vogel als Missionar.

Das Gegenteil vom Rebellen ("Durst", 1992), vom todkranken Ausbrecher ("Sexy Sadie", 1995) oder der gescheiterten Existenz ("Fette Welt", 1998) - Typen, mit denen sich Vogel in die Oberliga der deutschen Schauspieler arbeitete. Vogel probiert sich gern aus, scheut keinen Anspruch, kennt keine Angst. Was andere sagen, schert ihn nicht. Spöttisch bezeichnet er sich als "Selbstdarsteller".

"Zu mir hat man früher immer gesagt: Du bist kein Schauspieler, du bist Selbstdarsteller, weil ich als Autodidakt angefangen habe", erklärt Vogel, auffallender Silberschmuck ziert sein rechtes Armgelenk und beide Ringfinger. "Das kann man gern noch heute von mir behaupten. Ich sag das gern selbst und denke mir: Leckt mich doch, Ihr Arschbuletten." Breites Grinsen mit scheinbar endlosen Zahnlücken.

Viele Wege führen zur Schauspielerei. "Man kann es handwerklich angehen oder eben nicht." Vogel schmiss die Schauspielschule schon nach einem Tag. "Das war keine Ausbildung für das, was ich gern machen will - und das glaube ich nach wie vor. Ich fand das total ätzend. Für mich war klar, dass, wenn das menschlich so abgeht dort, das halte ich niemals aus. So ehrgeizig bin ich nicht."

Der Respekt vor den Lehrern ging Vogel völlig ab. "Wer wird denn Schauspiellehrer? Die, die es können, haben gar keine Zeit dazu. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute, die einem da was beibringen wollen, selbst gescheitert sind. Das ist wie Karate lernen mit einem Trainer, der nur aufs Maul gekriegt hat."

Seine Figuren spielt Vogel aus dem Bauch heraus. In "Der freie Wille" mimt er einen Vergewaltiger so eindringlich, dass man das Zuschauen kaum erträgt. Er schafft es, widerwärtigen Charakteren einen sympathischen Zug zu verpassen - und umgekehrt. In mehr als hundert Filmen hat er es bewiesen.

Was er haßt? "Nichts mehr als Vorurteile", sagt Vogel ungewohnt ernst. Früher habe er sich anhören müssen: "Mach bloß keine Serie!", das würde den Ruf ruinieren. "So eine Einstellung hat mich schon immer provoziert. Ich drehe auch eine Serie oder nur einen Videofilm - Hauptsache, er ist gut. Lieber eine geile Serie als ein beschissener Kinofilm."

"Je überlegt, sich die Zähne richten zu lassen?"

Seine unverkennbare Physiognomie hat Jürgen Vogel bei der Rollenauswahl bisher nicht eingeschränkt: Das Muttermal auf der rechten Wange, der kahle Kopf, der sich mit Tendenz zu Segelohren nicht in ästhetische Relation setzen lässt zum durchtrainierten, mit einem Drachen tätowierten Oberkörper, und natürlich - dieses Gebiss!

Wie Jürgen Vogel aussehen würde mit vollem Haar, Silikon im Hintern und ohne Zahnlücken, weiß man seit seinem selbstironischen Gastspiel im Kinoerfolg "Keinohrhasen". Hat er je mit dem Gedanken gespielt, sich die Zähne richten zu lassen?

"Seit ich weiß, dass ich damit echt gut aussehe - klar!", grinst er. "Nein, im Ernst: das habe ich nie. Obwohl es am Anfang echt schwierig war. Als Kind habe ich mir beim Lachen immer eine Hand vor den Mund gehalten. Die Mädchen mussten sehr selbstbewusst sein, wenn sie mit mir zusammen sein wollten. Immer hieß es: 'Der ist ganz süß - aber die Zähne!?!'."

Seit 25 Jahren ist Vogel im Geschäft. Er erschrickt selbst, wenn man ihn darauf anspricht. "Das kommt mir nicht halb so lang vor, es ging doch sehr schnell."

Angefangen hat es, als Vogel neun Jahre alt war. "Ich kannte ein sehr, sehr hübsches Mädchen, deren Mutter war Fotografin. Sie wusste, dass wir zu Hause keine Kohle hatten und schickte ein Foto von mir zum Otto-Versand, der mich anschließend zum Casting einlud. Ab da habe ich mir ein echt gutes Taschengeld verdient: 60 Mark pro Aufnahme. Zwei verschiedene Klamotten 110 Mark."

Seine Karteikarte in jener Agentur ist auch die Eintrittskarte ins Filmgeschäft. Als er 15 Jahre alt ist, wird Vogel für den Kinofilm "Kinder aus Stein" engagiert. Er spielt einen verwahrlosten Straßenjungen.

Kurz darauf zieht er zu Hause aus, kehrt Armut, Unzufriedenheit und der Plattenbausiedlung in Hamburg-Schnelsen den Rücken und kommt nie wieder zurück. "Schnelsen war meine Schule fürs Leben. Wer dort zu meiner Zeit gelebt hat, weiß, was das heißt. Für mich war das gut: Diese Jahre sind der Grundstein für meinen Beruf. Die Wut, die ich damals hatte, brauche ich heute zum Arbeiten."

Es wäre nichts Gutes aus ihm geworden, wäre er in Schnelsen geblieben, sagt er.

Vogel geht nach München. Wieder stellt eine zufällige Begegnung die Weichen für sein künftiges Leben: Er lernt Richy Müller kennen. Der Schauspieler nimmt den 16-Jährigen mit nach Berlin, bereitet ihn auf das Erwachsenenleben vor, Putzen und Wäsche waschen inklusive. Dabei wollte sich Vogel nur in Müllers Wohnung melden, um die Bundeswehr zu umgehen. Bis heute ist er in Berlin geblieben, wo er mit zwei seiner Ex-Frauen in einem Haus in Wilmersdorf lebt.

Der Ernst des Lebens hat ihn oft überfordert. Kindliche Freude ist geblieben. Quietschvergnügt marschierte Vogel kürzlich als prominenter Gast in die Uri-Geller-Show, vertraute - aus dem Bauch heraus - darauf, dass ihm das keiner krummnehmen wird. "Man muss das machen, worauf man Bock hat! Ich war schon als Kind fasziniert von Uri Geller und habe gegrübelt: Wie macht der denn das mit dem Löffel?" Und, wie macht er's?

"Das verrate ich natürlich nicht." Lautes, schallendes Lachen. "Den einen Trick, den er machte, kann ich mir auch echt nicht erklären. Aber das war ein Riesenspaß! Und ich bin ein Mensch, der gerne Spaß hat! So profan ist meine Entscheidung, warum ich in so eine Show gehe. Ich wollte einmal spüren, wie der arbeitet, einmal das Original erleben, das ich als Kind so bewundert habe."

Dass Schmidt und Pocher die Geller-Show bitterböse parodieren, ficht Vogel nicht an, im Gegenteil: "Da lache ich mich schlapp! Und trotzdem würde ich auch wieder zu 'Clever' gehen, das ist spannender als Chemie-Unterricht, und ich durfte Feuerspucken! Wer sagt eigentlich, dass sich Schauspieler nicht zum Horst machen dürfen? Ich hasse Schubladen-Denken, wer was machen darf und lassen sollte."

Deshalb macht Vogel, was er will. Seit wenigen Jahren auch als Produzent. Mit Matthias Glasner und Lars Kraume hat er die Produktionsfirma "Badlands Film" gegründet. Zurzeit drehen sie den Film "This Is Love" mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle.

"Ich weiß, welche tierischen Vorteile mein Job hat - vor und hinter der Kamera. Als Produzent kann man für viel weniger Geld als in den USA richtig gute Filme machen."

Bald will er auch Regie führen. Seine besten Jahre liegen noch vor ihm, glaubt er.

An seinem 40. Geburtstag Ende April wird er bei einem Filmfest in Australien sein, ohne großes Brimborium. Das ist genau nach Vogels Geschmack: Er trinkt keinen Alkohol, verschmäht große Partys. "Meine Party sind die nächsten Jahrzehnte", sagt er und grinst breit. "Da geht's richtig ab."

Das sagt ihm sein Bauchgefühl.



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