Werbe-Offensive Hollywood-Stars als Tattoo-Trendsetter

Die Stars haben es vorgemacht: Wer sich produzieren will, lässt sich tätowieren. Angelina Jolies Körper gleicht in dieser Hinsicht einem offenen Buch. Nun entdecken Werbeagenturen den Körper als Werbeträger. Mit skurrilen Ideen gewinnen sie Menschen als lebende Litfaßsäule.


New York - Mehr als 15 Tätowierungen zieren ihren Körper. In blauer Tinte, eingestochen auf ihrem Bauch, ist zu lesen: "Quod me nutrit me destruit" ("Was mich nährt, zerstört mich auch"), daneben ein dickes Kreuz, das einen Drachen überdeckt, den sie in Amsterdam bedauerlicherweise verpasst bekam, als sie betrunken war.

In Arabisch ließ sie sich auf dem rechten Unterarm die Zeile einstechen: "Stärke des Willens". Nicht weniger entschlossen liest sich auf dem schönen Rücken die aufklärerische Forderung "Know your rights" ("Kenne deine Rechte"). Das Schulterblatt ziert ein buddhistisches Gebet in Sanskrit, das ihren Adoptivsohn Maddox schützen soll. Auf dem linken Unterarm ist ein Zitat des amerikanischen Dramatikers Tennessee Williams eingeritzt: "A prayer for the wild at heart, kept in cages" ("Ein Gebet für die Ungestümen, die in Käfigen gehalten werden").

Angelina Jolie ist eine von vielen Hollywood-Stars, die sich Botschaften und Symbole eintätowieren ließ. Es eint sie mit Josef Stalin und Thomas Edison - und mit jedem fünften US-Bürger im Alter von 26 bis 40 Jahren. Sie alle haben sich tätowieren lassen. Spätestens seit berühmte Schauspieler ihre Tattoos freimütig zur Schau stellen, ist das einstige Symbol der Rebellion salonfähig geworden. Die zunehmende Beliebtheit der dauerhaften Hautbemalung machen sich auch Werbeagenturen zunutze - und den Körper zum Werbeträger.

Für die Werbung auf nackter Haut wird immerhin ein nicht permanentes Tattoo mit einem Firmenlogo, Slogan oder einer Internet-Adresse an einer gut sichtbaren Stelle des Körpers platziert. In den USA werden inzwischen Reifen, Schuhe, Wein und Energy-Drinks auf diese Weise vermarktet.

Die Einzelhandelskette 7-Eleven versucht beispielsweise mit dem Verkauf des Energy Drinks "Inked" gezielt Kunden mit einer Tätowierung anzusprechen. Das Getränk soll künftig bei Motorradrennen und speziellen Tattoo-Veranstaltungen verkauft werden. Während hier die Tätowierung nur die Ware schmückt, machen andere Unternehmen den Kunden mittels Tattoo selbst zum Werbeträger: Seit drei Jahren bietet der Reifenhersteller Goodyear's Dunlop ein kostenloses Reifenpaket demjenigen an, der sich ein Firmen-Logo auf seinen Körper tätowieren lässt.

Schon 98 Personen haben sich dazu bereit erklärt. Einige von ihnen sind treue Kunden, andere wiederum ganz einfach Tattoo-Fans, wie Produktmanagerin Janice Consolaction erklärt. Ein Mann meldete sich in diesem Jahr bereits zu seinem dritten Dunlop-Tattoo.

"Tattoos haben den Großteil ihres sozialen Stigmas verloren"

Nach Meinung von Nathan Lin, Tätowierungskünstler und Organisator der jährlichen Boston Tattoo Convention, spiegeln die Sponsoren der Veranstaltung den demografischen Wandel der Tattoo-Kultur in den USA wider. "Das klischeehafte Bild der harten, tätowierten Biker hat sich geändert", sagt Lin. "Heute denken die Leute an tätowierte Großstadt-Muttis."

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass gut jeder Dritte (36 Prozent) der 18- bis 25-Jährigen in den USA mindestens ein Tattoo hat, während sich sogar 40 Prozent der älteren Generation zwischen 26 und 40 Jahren mit einer Tätowierung schmücken. In den USA seien Tätowierungen früher nur mit Soldaten in Verbindung gebracht worden, sagt Vince Hemingson, Autor, Dokumentarfilmemacher und Betreiber der Website Vanishing Tattoo. Das habe sich aber gründlich geändert. Das Tätowieren habe den Großteil seines sozialen Stigmas verloren. In den achtziger Jahren waren in den USA demnach tätowierte Rockstars zu sehen, später auch deren Freundinnen aus dem Model-Business. Die jungen Frauen, die als Schönheitssymbole galten, zeigten offen ihre Tattoos.

So auch Hollywood-Größen und Popstars wie Robbie Williams, Amy Winehouse, Charlize Theron, Tommy Lee und Pamela Anderson. Dass sich mit Tätowierungen mittlerweile alle Schichten der Gesellschaft anfreunden können, unterstreicht ein von einem Anwalt veröffentlichtes Buch. "INKED Inc., Tattooed Professionals" zeigt Bilder von Ärzten, Anwälten und anderen Führungskräften in normaler und mitunter auch freizügiger Kleidung, damit ihre großflächigen Tattoos zur Geltung kommen. Mit dem Buch wollte Anwalt David Kimelberg nach eigenen Angaben zeigen, welcher enormen Beliebtheit sich Tattoos derzeit in der Geschäftswelt Amerikas erfreuen - denn "der Rest der Welt holt schließlich auf".

jjc/AP



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