Wiener Opernball "Lächeln, die Damen!"

Eine Sissi-Kutsche, Lakaien in Rokoko-Kostümen und zehn Bodyguards: Designer Harald Glööckler gelang beim Wiener Opernball, was der österreichische Society-Löwe Richard Lugner ausnahmsweise nicht schaffte: alle Blicke auf sich zu ziehen.

DPA

Von Julia Herrnböck, Wien


Richard Lugner, 2011 noch mit seinem Ehrengast Karima el-Marough alias Berlusconis Ruby im Zentrum des Interesses, hat aufs falsche Pferd gesetzt. US-Schauspielerin Mira Sorvino ist seriös, pflegeleicht - und als Stargast einfach ein bisschen zu langweilig für die skandalhungrige Meute vor der Oper. Da hilft es auch nicht, dass Lugner spontan für den Einzug seines zweiten Gastes, der 85-jährigen Gina Lollobrigida, eine Band in hellblauen Glitzerkostümen organisiert, die das Thema von "Der Pate" am roten Teppich spielt.

Was das denn für ein komisches Lied sei, will eine Dame im Nerz wissen. Das habe sie schon einmal gehört, aber jetzt falle es ihr partout nicht ein. Auch einige andere Gäste wundern sich über die musikalische Einlage und der Pressechef der Oper verweist das Quintett des Haupteingangs.

Die Showpunkte beim 57. Wiener Opernball gingen eindeutig an Harald Glööckler - Lugner verschwand mit seinem Damentross in der Loge im zweiten Rang, wo er in diesem Jahr kurzerhand von den Organisatoren hingebucht wurde. Aus Sicherheitsgründen, wie es offiziell heißt. Lugner selbst tobte, er sei "auf den Dachboden verbannt worden". Lollobrigida schien das alles offenbar egal zu sein, sie verschlief im Vorfeld nicht nur das Galadinner mit den Lugners, sondern verkürzte auch ihre Autogrammstunde eigenhändig auf weniger als 20 Minuten.

Für den Einzug von Bundespräsident Heinz Fischer wurde der rote Teppich gesperrt, Ballchefin Desirée Treichl-Stürgkh hastete ihm so stürmisch entgegen, dass sie nicht nur ihren Ohrring, sondern auch ein saloppes "Sorry" verlor. Bundespräsident Heinz Fischer, ganz Gentleman, ging auf die Knie und half ihr beim Suchen nach dem verlorenen Schmuckstück.

Die Unteren der oberen Zehntausend pressen sich aneinander

Aus den Seiteneingängen drängten sich immer wieder C- und D-Promis an die Fotografen heran, die jedoch stur den roten Teppich fixierten. Nicht nur die schrillen Vögel, auch die Demonstrationen, die in den neunziger Jahren für große Polizeieinsätze gesorgt hatten, sind der Routine gewichen. Noch im Jahr 2000 wurde der Schauspieler Hubert Kramar verhaftet, als er versuchte im Hitler-Kostüm den Ball zu besuchen. Von den Skandalen vergangener Zeiten ist nur noch ein Hauch vorhanden, der Glamour ist geblieben.

Drinnen an der Feststiege pressen sich die Unteren der oberen Zehntausend aneinander, um einen Blick auf die wirklich wichtigen des Abends zu erhaschen. Oscar-Preisträgerin Hilary Swank schwebt über die Stufen, dahinter das Model Franziska Knuppe und der österreichische Vizekanzler Michael Spindelegger.

Wer aber zu lange seine Zeit als Zaungast vertrödelt, hat keine Chance mehr die Eröffnung live zu erleben. Dutzende Männer versuchen sich trotz Frack an den Geländern zum Ballsaal hochzuhangeln, aber bis kurz vor Mitternacht ist es so voll, dass keiner mehr reinkommt, der sich nicht schon vorher einen Platz erkämpfen konnte. Die meisten der 5000 Gäste verfolgen das Spektakel auf Bildschirmen in den diversen Bars und Nebenräumen. Selbst die Kellner bleiben in ihrer Hektik immer wieder stehen, um etwas von dem Ballett oder den Arien aus La Bohème oder Don Giovanni mitzubekommen.

Die 144 Debütanten sind sichtlich nervös, fast zwei Millionen Menschen schauen ihnen allein im österreichischen Fernsehen zu. "Lächeln, die Damen!" zischt Tanzlehrerin Iris Huber immer wieder, die zum ersten Mal den Eröffnungstanz choreografiert hat. "Wir konnten vorher nicht hier proben, das ist alles sehr aufregend", sagt sie und fitzelt selbst am Fächer.

Auch die meisten Eltern scheinen stolz bis überspannt zu sein über den Auftritt ihrer Zöglinge. So schrieb etwa eine Mutter im Vorfeld an diverse Redaktionen, dass ihre Tochter die hübscheste Debütantin auf dem Ball sei, ob man sie denn bemerkt habe? Übrigens handle es sich um eine Wiener Unternehmerfamilie, mit den besten Grüßen.

Opernball-Tapete für Paare, die es nicht in den Ballsaal geschafft haben

Besonders hübsch oder besonders aufgeregt: Opernball-Chefin Treichl-Stürgkh sorgte am meisten, dass eine der jungen Damen umkippen könnte. "Wir schärfen ihnen ein, viel Wasser zu trinken", sagt sie. Am Ende fielen doch vier junge Frauen und sechs Männer in Ohnmacht, aber auch das hat Tradition auf dem Opernball.

Vor den Logen lauern Journalisten und Autogrammjäger in der Hoffnung, dass wenigstens einer der Promis das Kulturprogramm schwänzt und auf den Gang kommt. Eine tut ihnen den Gefallen - die sonst eher sparsam bekleidete Micaela Schäfer sucht ihrerseits in einem bodenlangen Kleid, dafür mit vielen Löchern, nach Aufmerksamkeit. Ein wenig abseits von dem Erotikmodel gestikuliert ein Amerikaner wild am Telefon und versucht seinem Gegenüber etwas über Yahoo-Aktien klarzumachen. Der Handy-Empfang in der Oper ist denkbar schlecht, irgendwann muss er aufgeben.

In den unterirdischen Gängen regiert derweil das bunte Treiben: Ballgäste, Debütanten, Sanitäter, Musiker, Tänzer, Kellner und der Opernsänger Adam Plachetka, der sein Stück im Gehen übt, laufen durcheinander. Einige wenige kennen den Weg zur geheimen Kantine der Belegschaft, wo das Glas Wein nicht elf Euro wie oben, sondern nur knapp drei Euro kostet. Drei Billeteure sitzen hier bei ihrem ersten Bier zusammen, eigentlich sind sie Lehrer und arbeiten jedes Jahr nur an diesem einen Abend in der Staatsoper, einfach um dabei zu sein. Auch ein paar Schüler von ihnen sind da. "Diejenigen, wo der Vater Geld hat", sagt einer der Lehrer. Es klingt nicht verbittert, sondern wie eine Feststellung.

Wer auf den Opernball geht, muss dafür einiges hinlegen. 250 Euro kostet eine einfache Eintrittskarte, für eine Loge sind bis zu 20.000 Euro fällig. Doch mit fast 3,5 Millionen Euro Einnahmen ist der Ball der einzige Tag des Jahres, an dem die Oper Gewinn macht. Mehr als 2000 Menschen sind es, die in dieser Nacht arbeiten. Es gibt eine Notfall-Schneiderei für gerissene Abendkleider, einen Schuster und sogar ein eigenes Fotostudio mit Opernball-Tapete im Hintergrund für die Paare, die es zum Walzer nicht in den Ballsaal geschafft haben.



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