Zum Tod von Rodney King Der Held, der keiner war

Er wurde unfreiwillig zum Symbol: Rodney Kings Misshandlung durch kalifornische Cops löste 1992 die größten Rassenunruhen in der Geschichte von Los Angeles aus. Mit seiner Prominenz wurde er nie fertig. Jetzt starb er mit nur 47 Jahren.

Getty Images

Von , New York


Er eignete sich weder als Held noch als Symbol. Hatte ein Jahr wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis gesessen, war als gewalttätig registriert und in jener Nacht betrunken und bekifft. Die Cops erwischten ihn, als er mit 150 Stundenkilometern durch Los Angeles raste.

Was danach geschah, ging um die Welt. Ein Amateurvideo hält die Szene fest: 21 Beamte des Los Angeles Police Department (LAPD) umstellten Rodney King, den sie nach einer wilden Verfolgungsjagd zu Boden getasert hatten. Drei weiße Cops traten auf den Schwarzen ein, schlugen ihn mit Schlagstöcken fast bewusstlos. Die anderen schauten zu.

Und so wurde King am 3. März 1991 unfreiwillig doch zum Helden und zum Symbol. Der Freispruch der Polizisten im Jahr darauf hatte die schwersten Rassenunruhen der Geschichte von Los Angeles zur Folge. South Central L.A. ging in Flammen auf, Armee und Nationalgarde marschierten ein. In einer Woche starben 55 Menschen, mehr als 2000 wurden verletzt.

"Können wir alle miteinander auskommen?", flehte King während der Krawalle um Ruhe. Doch er selbst würde nie mehr Ruhe finden.

"Er war ein echter Gentleman"

Sein Name verdammte ihn zur ewig traurigen Berühmtheit, sein späteres Leben pendelte zwischen Drogen und Entzug, Arbeitslosigkeit und Billigjobs. Amerika vermarktete ihn als lukrative Ikone einer kaputten Gesellschaft, doch verweigerte ihm seine eigene, brüchige Menschlichkeit - und ließ ihn schließlich fallen.

Am Sonntagmorgen fand ihn seine Verlobte Cynthia Kelly tot im Swimmingpool seines Hauses auf. Rodney King war 47 Jahre alt.

Revolutionär oder Buhmann: King passte in keines der Klischees. "Er war ein echter Gentleman, gütig, still und schüchtern", sagte seine Tante Angela dem "Telegraph".

Ein Gentleman mit Problemen. Sein Vater trank sich mit 42 zu Tode. King brach die Schule ab, hatte zwei Kinder aus zwei Beziehungen, schlug sich irgendwie durch. Bettelarm und hungrig, überfiel er im November 1989 einen Kramladen. Er wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und kam nach einem Jahr auf Bewährung frei. "Geben Sie mir eine zweite Chance", hatte er dem Richter geschrieben.

Der 25-Jährige war noch auf Bewährung, als er sich in der Nacht zum 3. März 1991 nach einer Zecherei ans Steuer setzte und zwei Beamten der Highway Patrol ins Netz ging. Aus Angst, wieder hinter Gittern zu kommen, raste er weiter. Die Beamten verfolgten ihn, riefen das LAPD zur Hilfe. Zahlreiche Streifenwagen und ein Helikopter schlossen sich der Hetzjagd an.

An einer Straßenecke im Nordosten von Los Angeles umzingelten sie King und zwangen ihn aus seinem Wagen. Was sie nicht wussten: George Holliday, ein Anwohner, filmte aus dem Fenster mit.

Neuneinhalb Minuten lang, verwackelt und verschwommen, zeigt der Amateurfilm, wie die Cops auf King eindreschen. Das Einzige, was klar zu hören ist, ist das Knattern des unsichtbaren Hubschraubers und vereinzelte Schreie: "Zurück! Zurück!" Wer genau aufpasst, vernimmt ein Schimpfwort: "Nigger!"

Einer unabhängigen Untersuchungskommission zufolge erlitt King 56 Stockschläge, sechs Fußtritte und zwei Taserschocks. Die Ärzte attestierten ihm Schädel- und Knochenbrüche, Nieren- und Gehirnschäden, ausgeschlagene Zähne und ein "emotionales Trauma". Trotzdem wurden die drei hauptbeteiligten Polizisten am 29. April 1992 freigesprochen, bei einem vierten fanden die zwölf Geschworenen, unter denen nicht ein Schwarzer war, kein Urteil.

King geriet in die Mühlen einer gnadenlosen Maschinerie

Obwohl selbst Bürgermeister Tom Bradley den Freispruch kritisierte, eskalierten die Proteste - trotz Ausgangssperre und des Einmarsches von Soldaten. Plünderungen, Brandstiftungen, Morde: Hinterher zählten die Behörden neben den Toten und Verletzten rund 3600 gelegte Brände und 1100 zerstörte Gebäude. Die meisten lagen im Armenviertel South Central L.A., wo es schon 1965 ähnliche Krawalle gegeben hatte. Damals starben 34 Menschen.

In sechs Tagen entluden sich Frust und Wut über Armut, Rassenhass, Slums, Polizeigewalt und eine ethnisch zerrissene Gesellschaft. Die Unruhen wurden zum Wahlkampfthema: Der demokratische Kandidat Bill Clinton warf US-Präsident George Bush vor, über "mehr als ein Jahrzehnt urbanen Verfalls" regiert zu haben.

King geriet in die Mühlen einer gnadenlosen Maschinerie, wurde ausgenutzt, hintergangen, als T-Shirt-Motiv verhökert. Die 3,8 Millionen Dollar Schadensersatz, die er später bekam, verlor er in einem missglückten Platten-Label. Über die Jahre wurde er ein Dutzend weitere Male von LAPD-Beamten festgenommen. 2007 wurde er von Unbekannten angeschossen. Er machte mehrere Entzugskuren, davon eine 2008 in der TV-Dokusoap "Celebrity Rehab".

Zum 20. Jahrestag der Unruhen schrieb King eine Autobiografie (Untertitel: "Mein Weg von Rebellion zu Rettung"). In Interviews gab er sich geläutert und dankte denen, die ihn "am Leben gehalten" hätten, wie er dem Sender MSNBC sagte: "Ich werde das nie vergessen."

Am frühen Sonntag ging bei der Polizei im südkalifornischen Ort Rialto, wo King seit einiger Zeit lebte, ein Notruf ein. Kings Verlobte Cynthia Kelly habe ihn auf dem Grund seines Pools entdeckt, so ein Polizeisprecher. Um 6.11 Uhr wurde Rodney King für tot erklärt. Vorläufige Todesursache: Ertrinken.



insgesamt 29 Beiträge
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lichtwort.de 18.06.2012
1. 3,8 Millionen Dollar
So tragisch die Geschichte sein mag: 3,8 Millionen Dollar, mit denen er sich ein schönes Leben hätte machen können, hat er in den Sand gesetzt, um noch berühmter und noch reicher zu werden. Der Mensch kriegt von Natur aus den Hals nicht voll.
krabba@vulkan.fr 18.06.2012
2. Wie immer
Straffällig geworden und dann zum Helden. Das muss schiefgehen. Drogen und Entzug sind ihm wohl auch von der Gesellschaft aufgezwungen worden?
luponobr4in 18.06.2012
3. Es ist..
..eine traurige Geschichte die in der nahen Gegenwart ihr Pendant findet. Noch trauriger als die Ausnutzung der Opfer durch Medien und Politik ist die Tatsache das sich in den USA immer noch zu wenig tut um den Rassismus wirklich zu bekaempfen. 2007 habe ich meine letzten Erfahrungen zu diesem Thema vor Ort gesammelt und muss sagen ich war schlichtweg entsetzt. Ungeschriebene Gesetze scheinen die Menschen davon abzuhalten sich nahezukommen.. Schwarzer Praesident schoen und gut, die Mauern in den Koepfen haben nicht mal begonnen zu broeckeln.
LarsHerrmann 18.06.2012
4.
Bettelarm und hungrig einen Laden überfallen? Der Arme kann einem leid tun. Und dann besitz die Polizei auch noch die Frechheit einen solchen Mann einer "Hetzjagt" zu unterziehen?? Die Prügel der Polizisten ist verachtungswürdig, genau so wie der Artikel geschrieben ist.
blaudistel 18.06.2012
5. Also schlicht gesagt:
in verpfuschtes Leben denn nicht alles kann man auf die Gesellschaft schieben. Ruhe in Frieden den du auf Erden nicht hattest!
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