Leverkusen Explosion im Chempark noch 40 Kilometer entfernt gemessen

Mindestens zwei Personen sind tot, mehrere Menschen werden vermisst: In einem Chemieunternehmen in Nordrhein-Westfalen hat sich eine verheerende Explosion ereignet. Was bisher bekannt ist.
Schwarzer Rauch über dem Chempark Leverkusen

Schwarzer Rauch über dem Chempark Leverkusen

Foto: ROBERTO PFEIL / AFP

Feuerwehr und Rettungskräfte sind im Großeinsatz, dunkle Rauchwolken steigen über dem Chempark Leverkusen auf: Videos und Fotos dokumentieren die tödliche Explosion, die sich am Morgen in Nordrhein-Westfalen ereignet hat. Das ganze Ausmaß des Unglücks ist noch nicht abzusehen. Der Überblick.

Was ist passiert?

Gegen 9.30 kam es im Leverkusener Chempark zu einer Explosion. Sie ereignete sich nach Angaben der Betreiberfirma Currenta im Tanklager des Entsorgungszentrums im Stadtteil Bürrig. Danach kam es zu einem Brand in dem Tanklager, der gegen Mittag gelöscht wurde. Betroffen waren laut Chempark-Leiter Lars Friedrich drei Tanks mit organischen Lösungsmitteln. Sie alle seien »komplett oder in Teilen zerstört«. Es bildete sich eine starke Rauchwolke, die weit über die Stadt hinwegzog.

Auch bei einem zweiten Tank habe Explosionsgefahr bestanden, berichtete die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Reul (CDU). Der Tank habe 100.000 Liter hochentzündliche, giftige Abfallstoffe enthalten, sagte der Politiker demnach bei einem Termin in Kreuzau in der Eifel. Die Feuerwehr habe die Gefahr aber bannen können.

Mindestens zwei Mitarbeiter starben laut Currenta , mehrere weitere werden noch vermisst. Vor dem Fund der zweiten Leiche hieß es, es gebe noch vier Vermisste. Laut Polizei Köln wurden mindestens 31 Menschen verletzt, fünf von ihnen würden intensivmedizinisch versorgt.

Mehrere Stationen des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen hätten die Explosion gemessen, sagte ein Seismologe. Unter anderem sei die Erschütterung auch an einer Station im Hespertal, rund 40 Kilometer nördlich von Leverkusen, registriert worden.

Warum kam es zu der Explosion?

Die Unglücksursache ist bislang noch unbekannt. Die Arbeiten im Gefahrenbereich dauerten noch an, teilte die Polizei mit. Erst wenn diese abgeschlossen seien, könnten die Brandspezialisten der Kriminalpolizei die Ermittlungen aufnehmen.

Gibt es eine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung?

Das kann noch nicht abschließend gesagt werden. Der Betreiberfirma zufolge ist noch nicht klar, ob bei dem Brand giftige Substanzen freigesetzt worden sind. Die Analyse laufe noch, sagte Chempark-Leiter Friedrich bei einer Pressekonferenz.

Eine Einschätzung, ob in den Niederschlägen nach dem Brand »relevante Stoffe« zu finden seien, sei nach Auskunft des Landesumweltamtes (LANUV) noch nicht möglich, teilte die Stadt Leverkusen mit.

Anwohner des Chemiebetriebs waren zunächst aufgefordert worden, geschlossene Räume aufzusuchen, Fenster und Türen geschlossen zu halten sowie Klima- und Lüftungsanlagen auszuschalten. Das Ereignis war in einer Warnmeldung, die von der Feuerwehr Leverkusen herausgegeben wurde, in die Warnstufe »Extreme Gefahr« eingeordnet worden. Inzwischen wurde über die Warn-App Nina eine Entwarnung versendet. Die Rauchwolke zog in Richtung Burscheid, Leichlingen und Wermelskirchen. Auch dort sollten Türen und Fenster geschlossen gehalten werden.

Die Feuerwehr in Dortmund warnt vor Geruchsbelästigungen in Teilen der Ruhrgebietsstadt. »Gesundheitliche Beeinträchtigungen können nicht ausgeschlossen werden«, schrieb die Feuerwehr einige Stunden nach der Explosion auf Twitter. Fenster und Türen sollten auch hier geschlossen bleiben.

Welche Vorsichtsmaßnahmen werden getroffen?

Chempark-Leiter Friedrich rief die Bevölkerung dazu auf, eventuelle Niederschläge nicht zu berühren, sondern die Feuerwehr zu informieren.

Anwohner in den Stadtteilen Bürrig und Opladen sollen vorerst kein Gemüse oder Obst aus dem Garten essen und »bei nicht aufschiebbaren Arbeiten im Garten ebenfalls vorsorglich Handschuhe tragen«. Außerdem wurden Spielplätze in den beiden Stadtteilen geschlossen.

Was ist der Chempark?

Der Chempark ist nach Unternehmensangaben einer der größten Chemieparks Europas. Ungefähr 50.000 Menschen arbeiten auf einer Fläche von insgesamt rund elf Quadratkilometern. An den drei Standorten Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen sind über 70 Firmen angesiedelt. Zu den Unternehmen gehören Covestro, Bayer, Lanxess und Arlanxeo. Bayer und Lanxess hatten die Betreiberfirma Currenta im Jahr 2019 an Macquarie verkauft.

Am betroffenen Standortkomplex seien insgesamt etwa 50 bis 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, sagte Chempark-Leiter Friedrich.

Welche Reaktionen gibt es?

Seine Gedanken seien bei der Familie des Toten, sagte Uwe Richrath, Oberbürgermeister von Leverkusen, bei einer Pressekonferenz. Er hoffe von ganzem Herzen, dass die noch vermissten vier Mitarbeiter »da noch herausgekommen sind, dass wir die noch lebend finden«. Das Unglück sei »ein tragischer Moment für Leverkusen«.

»Wir sind tief betroffen über diesen tragischen Unfall und den Tod eines Mitarbeiters. Unser besonderes Mitgefühl gilt vor allem den Angehörigen, aber auch den Kollegen, die mit ihm zusammengearbeitet haben«, sagte Chempark-Leiter Friedrich.

Marius Stelzmann vom Verein Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) teilte mit: »Bayer/Currenta spielen mit dem Feuer. Dieser Beinahe-GAU zeigt einmal mehr, welche Gefahr von Produktion und Entsorgung chemischer Stoffe ausgeht, wenn diese der Profitmaximierung dienen.« Simon Ernst vom CBG-Vorstand sagte: »Für Windräder gelten gigantische Abstandsregeln, aber Bayer und Co. dürfen in unmittelbarer Nähe zu Großstädten scheinbar tun und lassen, was sie wollen. Dabei geht es hier um einen der größten Umschlagplätze für Chemiegifte in der Region! Bayer und Currenta müssen die Öffentlichkeit informieren, was da überhaupt explodiert und verbrannt ist und wie sie das in Zukunft verhindern wollen!«

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Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat Familien und Mitarbeitern sein Mitgefühl ausgesprochen. Zugleich dankte er den Rettungskräften, »die durch ihren mutigen Einsatz Schlimmeres verhindert« hätten und weiter unter Hochdruck nach Vermissten suchten, wie die Staatskanzlei mitteilte.

bbr/him/dpa/Reuters
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