Wlada sucht die Liebe Durch die Blume gesagt

Auf dem Heiratsmarkt von Shanghai werben Mütter für ihre Kinder, als wären sie eine Ware. China, ein Land ohne Romantik? Weit gefehlt. Wlada Kolosowa über die Liebe von Dawn und Philip.

Wlada Kolosowa

Würde ich einen chinesischen Freund suchen, hier wäre ich an der richtigen Adresse.

"Wie wär's mit dem: Geboren im Jahr des Hundes/171 cm/12.000 Yuan Gehalt?", fragt mich Jo. "Oder doch lieber: Eigentumswohnung/76 m²/188 cm?"

"Ist 188 cm seine Größe oder die Deckenhöhe?", frage ich zurück.

Jo wechselt ein paar Worte mit der Mutter des Kandidaten und sagt dann: "Tatsächlich seine Größe. Aber du gefällst ihr nicht."

Jo, eine chinesische Freundin (keine Eigentumswohnung/Schriftstellerin/156 cm) zeigt mir den Heiratsmarkt von Shanghai. Im Volkspark haben Eltern die Vorzüge ihrer Kinder auf Pappschilder geschrieben und preisen die Ware an. Hier suchen sich keine einsamen Herzen, sondern Quadratmeter, Gehaltsklassen, Horoskope.

Dabei sind chinesische DVD-Läden voller romantischer Komödien, die Straßen voller turtelnder Paare in identischen T-Shirts - so machen Verliebte in China klar, dass sie zusammengehören. Ist die Liebe in China pragmatisch oder romantisch, selbstbestimmt oder von der Familie abhängig?

Hier Liebesgeschichten zu sammeln, kommt mir oft vor, wie die englischsprachigen Menüs zu entziffern, die wahrscheinlich dem Google-Translator entstammen: "Gebratenes Öl", "Fleisch mit Duft der alten Patentante, Aubergine", oder "geschrottetes Fleisch zieht die Haut".

Zwei Liebesprogramme im Kopf

Vielleicht ist es für den Anfang besser, jemanden nach seiner Geschichte zu fragen, der beide Kulturen kennt - Dawn zum Beispiel, eine Amerikanerin chinesischer Abstammung, die seit drei Jahren in China lebt.

Dawn wuchs mit "Beverly Hills 90210" auf, mit Donuts und der Vorstellung, dass jeder sein persönliches Glück laut einfordern soll. Aber da waren auch chinesische Märchen, Dim Sum und die Überzeugung, dass die Familie an allererster Stelle steht. Irgendwie schaffte Dawn, das alles in ihrem Kopf zu vereinen. Bis die Pubertät kam.

Die Freunde aus der Highschool hatten es längst getan. Die Freunde in China auch, heimlich. Nur sie nicht. Es war, als würden in ihrem Kopf zwei Liebesprogramme gegeneinander arbeiten. Amerikanische Liebe, das war: Zungenküsse, Lachen, kaputtes Geschirr. Chinesische Liebe war eher wie Teamsport. Als hätte man einen lebenslangen Mitbewohner, der dabei hilft, die Kinder großzuziehen.

Die Eltern waren nicht besorgt, dass ihre Tochter ein Spätzünder war: "Zuerst baut man sein Leben, dann seine Liebe", sagte die Mutter. Sie wollte, dass Dawn jede einzelne der unbegrenzten Möglichkeiten der USA nutzt - und später einen netten chinesischen Jungen heiratet.

Verliebt in eine Langnase

Dawn lernte Philip auf einem Campingplatz in Tennessee kennen - und verbat sich sofort alle Tagträumereien: Zwischen ihren Städten lagen über 2000 Kilometer. Bei einer Wanderung verquatschten sie sich trotzdem ständig und ließen sich abhängen. Später schrieb sie ihm, er schrieb zurück. Die E-Mails wurden immer länger, sie wechselten ans Telefon, irgendwann sagte Dawn: "Ich liebe Roadtrips", und Philip sagte: "Dann lass uns einen machen." Sie fuhren von Louisiana nach Mittelamerika. An der Grenze zu Mexiko legte Philip den Arm um Dawn, sie legte ihre Handfläche auf seine: sein Puls ein gemorster Code, dessen Botschaft sie genau verstand.

Nach einer Woche mussten sie entscheiden, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Beide hatten schon Fernbeziehungen gehabt, beide hatten es gehasst. Philip war Programmierer, Dawn Lehrerin - beides recht flexible Jobs. "Wolltest du nicht schon immer in China leben?" fragte Philip eines Tages. Dawn war baff. "Aber manchmal sind die radikalsten Entscheidung die einfachsten", sagt sie. Dawns Eltern freuten sich: "Dort kannst du endlich einen netten chinesischen Jungen finden", sagten sie. "Mmh", sagte Dawn. Von Philip erzählte sie ihnen erst mal nichts.

"Im Westen ist Liebe eine Angelegenheit zwischen zwei Menschen, in China ein Bund zwischen zwei Familien", erklärt Dawn. "Meine Eltern gaben viel auf, damit ich eine sorgenfreie Zukunft habe. Und die war ihrer Meinung nach nur mit einem Chinesen möglich." Zehn Monate nachdem sie mit Philip in Peking zusammengezogen war, brachte sie ihn zu ihren Eltern. Sie waren nett zu ihm, aber der Vater sprach in seiner Anwesenheit ständig auf Chinesisch. Meistens über einen netten Jungen, den Dawn in Peking unbedingt kennenlernen sollte. "Mmh", sagte Dawn.

"Eigene Wünsche werden flüsternd durch die Blume vorgetragen", erklärt Dawn. "Chinesische Kultur ist indirekt." Wenn ihre Eltern in Peking anriefen, musste Philip still sein. Erst im Februar 2011, als sie schon zweieinhalb Jahre in einer Wohnung lebten, schickte Dawn Fotos vom chinesischen Neujahr an ihre Eltern, darunter, halb-absichtlich, einige von Philip und ihr.

Die Mutter sagte nur: "Du siehst sehr glücklich aus auf den Fotos." "Das war ihre Art zu sagen, dass sie mit meiner Wahl einverstanden ist."



insgesamt 4 Beiträge
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debattierer 07.04.2014
1. Es ist ein Land ohne Romantik
Sie machen alle auf "cheesy" Schnulzenromantik, was mit echten Gefühlen wenig zu tun hat. In China gilt immer noch: Männer suchen eine hübsche junge Frau, die gesellschaftlich unter ihnen steht und Frauen suchen einen Mann der wirtschaftlich stabil und sozial über ihnen steht. Es ist nur ein Pluspunkt, wenn er dabei auch noch ein "good temper" hat.
HaioForler 07.04.2014
2.
Zitat von debattiererSie machen alle auf "cheesy" Schnulzenromantik, was mit echten Gefühlen wenig zu tun hat. In China gilt immer noch: Männer suchen eine hübsche junge Frau, die gesellschaftlich unter ihnen steht und Frauen suchen einen Mann der wirtschaftlich stabil und sozial über ihnen steht. Es ist nur ein Pluspunkt, wenn er dabei auch noch ein "good temper" hat.
Das ist hier in Deutschland zu 90% nicht anders, obwohl der Anspruch, der in unserer Gesellschaft im Hintergrund schwingt, ein anderer ist. Nun gut, eventuell könnten man "über ihnen" gerade noch mit "gleich ihnen" ersetzen, aber das war es auch bereits. Das Prinzip Prinzessin heiratet Bauer, um es plastisch auszudrücken, funktioniert also auch hier nicht; extreme Fälle ausgenommen. Umgekehrt ist es an der Tagesordnung.
keksguru 07.04.2014
3. an die Wand mit den Heiratsvermittlern
a.) ist das illegal, steht sogar in §1 des chinesischen Ehegesetzes b.) zu kommunistischen Zeiten hätte man die alle an die Wand gestellt und weggepustet - weil: zu vergeben: M, 33, Eigentumswohnung 120 qm, 100.000 rmb pro Monat Einkommen.
Tokio 08.04.2014
4. Das ist nicht China, das ist Amerika
Kolosowas Artikel liest sich wie immer flüssig und nett - allein: das hier ist ein super-Artikel über Probleme asiatischer Emigranten in den USA - aber nicht über China. Sich ausgerechnet von Amis China erklären lassen, also wirklich! Echt gut journalistisch wäre es gewesen, Sohn/Tochter einer dieser Heiratsmarkt-Muttis zu interviewen und von da aus den Artikel aufzuziehen - hat das Geld für den Dolmetscher nicht gereicht? Dann kann man halt nicht so eine "globale" Serie machen, wenn man in vielen Ländern, die Randgruppen, die Englisch sprechen, zum Zentrum der Berichterstattung macht.
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