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Jugend Liebe und Kohl

Die Techno-Bewegung auf der Suche nach den Ursprüngen: Illegale und phantasievolle Spontan-Feten lösen die kommerziellen Massen-Raves ab.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Ingo verteilte vor ein paar Wochen 300 Kassetten in diversen Berliner Nachtklubs. Auf der Hülle war eine ausgedrückte Zahnpastatube abgebildet, Aufschrift: »MK-ultra«. Mit der gleichnamigen britischen Geheimorganisation - sie erforschte im Zweiten Weltkrieg Techniken zur Gehirnwäsche - hatten der 20jährige Techno-Fan Ingo und seine Freunde vor allem eines gemein: Nur ein kleiner Kreis sollte erfahren, was hinter der Aktion steckte.

Was wie eine Mix-Kassette mit Techno-Musik aussah, war in Wahrheit ein Party-Info. »MK-ultra proudly presents: Basstube«, hauchte eine Frauenstimme zwischen den Stücken, und weiter hieß es: »Treffpunkt S-Bahnhof Wilhelmshagen«. Dort sollten die Kassettenempfänger »auf den Mann mit der '40oz'-Mütze« achten. Und der, versprach die sanfte Stimme, würde sie zu einer etwas anderen Party führen - in einer riesigen Betonröhre auf einem ehemaligen NVA-Gelände.

Die jüngste Techno-Generation will von der verordneten guten Laune auf Massenraves nichts mehr wissen; die zuletzt auf der Love Parade beschworene »One Family« provoziert viele zur Nestflucht. Sie rebellieren im Verborgenen, aus der Konsumgesellschaft klinken sie sich einfach aus. Ihr Feind ist die gesponserte Langeweile, und deshalb organisieren sie lieber selber Feste - wenn es sein muß, auch illegal.

Ob »Active Underground« in Düsseldorf, »Instant Project« in München, »U-Side« in Hamburg oder »Innovative Family« in Berlin: Überall will man den ursprünglichen Geist der Techno-Bewegung wiederfinden. Die Jugendlichen vermissen jene euphorisch verbindende Atmosphäre, die bei den heutigen Kommerzpartys »höchstens noch durch Ecstasy« erzeugt werde, so die Münchner DJane Monika Kruse, 25.

Deshalb kundschaften sie regelmäßig Plätze aus, um »coole Partys ohne viel Geld« (Kruse) zu machen. Der Eintritt soll gerade die Kosten decken, und für den Ort gilt: je ungewöhnlicher, desto besser. So feiert man im Rheinland auf Baustellen, in Süddeutschland legen Discjockeys in der Kanalisation, unter Autobahnbrücken oder in ehemaligen Bordellen auf, in München im stillgelegten Heizkraftwerk oder sogar auf einem Panzerübungsplatz. Den Wachposten, behauptet Veranstalter Sembone, sei eine gute Party entgangen.

Daß ihr Treiben nicht immer legal ist, wissen die meisten Organisatoren: »Die Bundeswehr«, sagt Sembone, »hätte uns wegen Hausfriedensbruch anzeigen können.« Der Schritt in die Illegalität ist schnell getan: Schon wer regelmäßig bei Grillpartys Bier verkauft, kann ordnungswidrig handeln. »Dafür braucht man genaugenommen eine Ausschankgenehmigung«, sagt der Berliner Rechtsanwalt Kai Jüdemann, 34, dessen Mandanten vor allem aus der Techno- und Party-Szene kommen.

Der Verkauf von Getränken oder Speisen unterliegt dem Gaststättengesetz, muß den Behörden also gemeldet werden; dazu kommen Auflagen zum Lärmschutz sowie feuerpolizeiliche Bestimmungen. Und wird eine Techno-Party ohne Anmeldung im Freien veranstaltet, kann zusätzlich wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ermittelt werden. Die Partymacher kümmert das aber kaum. Denn in der Praxis, so wissen sie, hält sich die Polizei zurück.

Oft bleibt ihr auch nichts anderes übrig. Die Partytermine werden kurzfristig über Mund-zu-Mund-Propaganda und Telefonlisten weitergegeben; die Szene ist meist schneller als die Bürokratie. »Ich habe noch nie gehört, daß hier so etwas stattfindet«, gesteht ein Sprecher des Münchner Ordnungsamtes. In Berlin ist man derlei Aktivitäten gewohnt.

»Das ist eine Modeerscheinung«, glaubt Gewerbehauptkommissar Christian Steiof, »das muß nicht unbedingt negativ sein.« Laut Anwalt Jüdemann werden Bußgeldverfahren meist eingestellt - der öffentliche Charakter der Veranstaltungen sei nur schwer nachzuweisen.

In Berlin haben Techno-Freunde einen »Verein zur Förderung nicht kommerzieller Kunst« gegründet. Die »Vereinsräume« in einem abrißreifen Haus vermieten sie an verschiedene illegale Veranstalter - und müssen deshalb nicht haften, falls Behörden einschreiten. »Das ist nur ein Mäntelchen«, urteilt Jüdemann, »aber es hält ein bißchen wärmer.«

Den Etablierten der Techno-Szene ist dieses Denken fremd. »Wer nicht mit der Industrie zusammenarbeiten mag, ist Sklave seiner eigenen Ideologie«, findet Love-Parade-Erfinder Dr. Motte alias Matthias Roeingh. »Schließlich nehmen wir die Industrie aus - und nicht umgekehrt.« Berliner Motte-Gegner planen für nächstes Jahr ein Spektakel, das für Sponsoren kaum attraktiv sein dürfte: die »Hate Parade«.

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