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Lieber Penis Mick

Pamela Des Barres, Königin der Groupies, hat Rockgötter wie Mick Jagger und Jim Morrison hautnah erlebt. Nun hat sie ihre Memoiren verfaßt.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Sie war fromm wie jeder Teenager. Sie liebte Paul McCartney mit jeder Faser ihres 15jährigen, marzipansüßen Teenagerherzens und betete zu Ihm vor dem Einschlafen, wobei sie langsam ein Bonbon im Munde zergehen ließ. Sie stopfte sich ihren BH aus, war eifersüchtig auf Seine Freundin Jane Asher, die sie in ihrem Tagebuch nur »Schweinegesicht« nannte, und jedesmal, wenn sie pupsen mußte, notierte sie Seinen Namen in Schönschrift. Als die Liste die Tausende erreichte, fing sie an, sich zu schämen und versteckte sie.

Doch dann kam der Tag, an dem aus Pam, dem Teenager aus dem San Fernando Valley, Miss Pamela wurde. Der Tag, an dem sie zum erstenmal Mick Jagger hörte - eine Initiation, ein sexuelles Damaskus-Erlebnis. »Mein Gott, der Typ war der personifizierte Penis!« Von nun an schloß sie sich mit Mick Jagger in ihr Teenager-Zimmer ein und rieb sich auf ihrem Stuhl hin und her, während es vom Plattenspieler stöhnte »Let me put it in . . . Let me come inside, Baby«. Und in ihrem Poesiealbum stand plötzlich Prosa: »Eines Tages werde ich ihn berühren und fühlen, ich weiß es. Mick, mein lieber, lieber Penis.« Sie malte ihn sogar, in Pink und Knallrot, und gab das Gemälde bei ihrem Kunstlehrer Mr. Gifford ab, der es für abstrakte Kunst hielt und ihr eine Eins dafür gab.

Sie hat »ihn« später tatsächlich berührt, ihn und viele andere, denn schließlich dreht sich der archaische Fruchtbarkeitskult, der sich »Rock« nennt, um nichts anderes als eben das: »Let me put it in!« Sie war die Hohepriesterin dieses Kultes, der blonde Engel der Garderoben, »everybody's darling«, solange er eine Gitarre halten konnte und ein Somebody war: Miss Pamela, das Supergroupie der sechziger Jahre.

Vielleicht hätte aus Pamela, trotz Mick Jagger, noch eine ganz normale Vorstadt-Mutti werden können. Doch draußen, im Valley, an der Westküste, auch auf dem Kontinent, war eine ganze Generation von einem psychedelischen Virus befallen, der sich »Love and Peace« nannte - und Pamela war eines der ersten Opfer. Wenn Mick Jagger der personifizierte Penis war, war sie die personifizierte Hingabe. Sie führte Tagebuch. Sie beschrieb ihre »education sentimentale« in blauen Kladden, als arbeite sie auf eine mysteriöse Reifeprüfung hin.

Sie hat sie in einer Autobiographie zusammengefaßt: »I'm with the band« ist in den USA ein Bestseller und erscheint jetzt auf deutsch (Ullstein-Verlag; 304 Seiten; 24,80 Mark). Das Erstaunliche: »Die unwiderstehlichen sexuellen Memoiren der Goldenen Rock-Ära« (Fachblatt Rolling Stone) sind das wohl unschuldigste Buch, das über die sechziger Jahre erschienen ist.

Denn neben all dem eher witzigen als vulgären Klatsch über Prominente und ihre Zaubergeräte - Don Johnson hatte das größte - ist es die strahlend naive Selbstauskunft eines Teenagers, der in der Moral der fünfziger Jahre aufwuchs und vor dem Fernsehen die Vergötterung von Stars lernte und der in die grenzenlose Freiheit der sechziger Jahre stolperte, mit Teddybär auf dem Arm und großem Marzipanherz. So notiert sie nach einer Nacht mit Brandon de Wilde von der West-Coast-Gruppe »Flying Burrito Brothers": »Bin ich kein gutes Mädchen mehr? Schließlich gebe ich nicht nur meinen Körper, sondern immer auch mein Herz!«

Sie liebte sie alle, Jim Morrison etwa, der ihr wie ein griechischer Gott vorkam, oder Don Johnson, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er Schauspieler oder Sänger werden sollte. Sie sah die Peitschen des Led-Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page, die sich »in seiner Reisetasche ringelten, als hielten sie einen kleinen Mittagsschlaf«, und sie war verrückt nach ihm: »Er schlug mich nur sachte und kaute an mir herum.«

Mick Jagger umwarb sie, und er tat für sie das gleiche, was sie für ihn tat ("diese Lippen"), und sie spielte nächtelang mit Keith Moon, der sich von ihr Korsetts und hochhackige Schuhe auslieh.

Natürlich gab es, vor allem zu Beginn ihrer Groupie-Karriere, Frustrationen, gab es Pannen. Etwa die Nacht, als sie ihre Freundinnen zu Donovan mitnahm, um ihnen zu imponieren: »Wir saßen um ein Feuer herum mit Donovan in seinen weißen Gewändern und sahen zu, wie der Rauch sein Porzellangesicht liebkoste und in seinen Locken spielte.« Plötzlich tauchte Polizei auf, die eine der Teenager-Mütter alarmiert hatte. Alle stürzten in die Nacht hinaus. »Auf dem Weg zur Tür drehte ich mich um, um dem Prinzen der Pop-Poesie adieu zu sagen, aber er rannte bereits zum Strand hinunter, seine weißen Roben flatternd im Winde, seine Arme ausgestreckt, um den Joint im Wasser loszuwerden.« Der Kult der sechziger Jahre? Eine Rebellion von Mittelstandskindern gegen die Langeweile.

Irgendwann traf Pamela auf Frank Zappa, den intellektuellen Guru unter den West-Coast-Stars, der sie und ihre Freundinnen unter seine Fittiche nahm. Zappa, glücklich verheiratet und leidlich monogam, war ausschließlich künstlerisch interessiert - er formte aus ihnen die erste Frauen-Konzept-Band. Sie nannten sich »Girls Together Outrageously« (etwa: Frauen abscheulich zusammen), Zappa verschaffte Auftritte und produzierte eine Platte mit ihnen.

In einem Manifest, das im Rolling Stone abgedruckt wurde, legten die »GTOs« Wert darauf, daß sie »keine Lesbierinnen sind; sie sind nur Mädchen, die gern mit anderen Mädchen zusammen sind«.

Nur selten drang die Wirklichkeit in diese rosarote Popwolke, etwa die Nachricht vom Tode Robert Kennedys, die mit geradezu monströser Naivität verzeichnet wird: »4. Juni . . . Amerika . . . Amerika . . . Kennedy wurde durch den Kopf geschossen, nachdem er die Vorwahlen gewonnen hatte. Er ist in einem äußerst kritischen Zustand, wer weiß, was noch alles passiert. Hugh Hefners Party war eine traurige Angelegenheit. Joey Bishop küßte mich auf die Stirn. Na und! Wie kann mich das überhaupt berühren, nachdem so etwas einem so wundervollen Menschen passiert ist.«

Doch auch Miss Pamela, der Engel unter den Groupies, wurde älter - und die Konkurrenz immer jünger. »Die gemeinste dieser Torten war Sable Starr. Sie führte sich auf, als ob sie Titten und Schamhaar erfunden hätte. Ich knallte ihr eine. Das Benehmen stand zwar im Widerspruch zu meinen rosagetönten Überzeugungen, aber ich meinte, daß wir GTOs schließlich den Weg bereitet haben für diese minderjährigen Senkrechtstarter.«

Einige Zeit später fand sie, die als Pamela Miller zur Welt kam, ihren eigenen Prinzen, den Glitter-Rocker und echten Marquis Michael Des Barres, und kam bald darauf nieder mit einem Jungen, den sie Nicholas nannte.

Heute lebt sie in Santa Monica, allein, denn sie und ihr Mann sind nur noch »gute Freunde«. Der elfjährige Nicholas sitzt vor einem Computer. Er knobelt an einem komplizierten Spiel herum, seit Tagen schon jagt er einem Schatz hinterher. Für Musik interessiert er sich überhaupt nicht. Ab und zu kommen Kinder zum Spielen vorbei. Am liebsten ist er allein.

Pamela Des Barres, mittlerweile 40 und immer »noch hervorragend in Form«, wie sie dem amerikanischen Playboy in einer Fotosession bewies, wird von angehenden Groupies mit Briefen bombardiert. Sie gibt Tips und arbeitet zur Zeit an einem Roman. »Die Zeiten haben sich geändert«, sagt sie, »das liegt so weit zurück wie Shakespeare. Heute ist alles kälter, abgeriegelter. Die Szene ist frustriert. Heute läuft das meist über Callgirls. Sex gegen Geld. Fürchterlich.« In den Talk-Shows wird eine Frage immer wieder gestellt, und zwar die, die sie für die dümmste hält: Wer war der beste? »Es war immer der, mit dem ich zusammen war«, sagt sie, »denn ich habe sie geliebt. Und wenn du jemand liebst, ist er der Beste.«

Kaum einer der Superstars hat gegen ihre Memoiren protestiert. Mit vielen ist sie noch heute befreundet. Nur Nick St. Nicholas von »Steppenwolf« hat einige »gemeine Interviews« gegeben - in ihrem Buch erinnert sie sich an ihre Entjungferung durch ihn mit gemischten Gefühlen. Und Jimmy Page von »Led Zeppelin« versuchte, über Anwälte die Veröffentlichung zu verhindern. »Er ist leider ein ziemliches Arschloch geworden.«

Ob sie nie das Gefühl hatte, ausgebeutet zu werden? »Nicht die Spur«, sagt sie und lächelt ihr breitestes West-Coast-Lächeln. »Ich war immer genau dort, wo ich sein wollte.«

Sie würde wirklich alles noch einmal so machen? »Damals kannte man Aids noch nicht. Damals konnte man noch nicht mal Herpes buchstabieren. Natürlich würde ich heute als Teenager nicht mehr ohne Gummi auf ein Konzert gehen. Aber wenn wir noch einmal die sechziger Jahre hätten - klar, ich würde alles noch einmal machen, es war eine fantastische Zeit, ein großes Fest. Es war Liebe. Mit einem ganz großen L.«

Das Fest ist ein für allemal vorbei. Für eine Verfilmung konnte die Schauspielerin Ally Sheedy, die sich die Rechte gesichert hatte, bisher keine Geldgeber auftreiben. »Die Studiobosse sind prüde geworden«, sagt Pamela Des Barres, »wir leben wieder in den schrecklichen fünfziger Jahren.«

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