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15. November 2009, 16:52 Uhr

Liebeswirren

Pinguin Sandy himmelt Pfleger an

Sandy verliebte sich zunächst in Peter, dann hatte sie einen Neuen. Als Witwe kehrt sie nun zu Peter zurück. Alte Liebe rostet eben nicht. Nur: Sandy ist eine Pinguin-Dame in Brutstimmung - und Peter ihr Tierpfleger. Münsters Zoo passt die sonderbare Romanze gut ins Konzept.

Münster ist bekannt für schräge Vögel. Da war diese Geschichte mit dem verliebten Trauerschwan Petra. Vor drei Jahren landete das schwarze Tier auf dem städtischen Aasee - und wurde weltberühmt, weil es eine Liaison mit einem Tretboot in Schwanengestalt begann. Jetzt gibt es wieder eine sonderbare westfälische Tierromanze. Und wieder ist die Hauptdarstellerin ein verliebter Vogel: Pinguin-Dame Sandy. Sie hat ihr Herz an ihren Tierpfleger verloren.

Der heißt Peter Vollbracht, 47. An diesem kalten Novembermorgen steht er im Gehege und schaut auf 82 Brillenpinguine. Sandy ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. "Manchmal ruft sie nach mir", sagt er. "Das hört sich in etwa an wie bei einem Esel." Vollbracht holt Luft: "Iaaaaa - so ungefähr."

Vollbrachts Ruf scheint die Pinguine nicht zu kümmern. Die Tiere, die meist monogam leben, haben gerade Brutzeit und stehen als Paare dicht beisammen. Dann aber löst sich ein etwa 50 Zentimeter großes Tier aus der Masse und watschelt auf den Pfleger zu. "Das ist Sandy", sagt der Tierpfleger. Der Brillenpinguin bleibt dicht neben ihm stehen. Vollbracht geht in die Hocke und setzt das Tier auf sein Knie. "Iaaaaa", macht Sandy und reckt sich. "Damit will sie ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zeigen", sagt Vollbracht und streichelt Sandys Kopf.

Sandy war ihrem Pfleger schon früh verfallen

Die Liebesgeschichte zwischen der Pinguin-Dame und dem Pfleger hatte schon 1996 angefangen. Da kam Sandy als fünf Monate alter Pinguin aus dem Nürnberger Zoo nach Münster. Vollbracht kümmerte sich um das Tier, brachte Sandy bei, selbständig zu fressen. Dabei bemerkte er: Anders als die anderen Pinguine ließ Sandy sich gern anfassen und von ihm aufs Knie setzen. "Anfangs fanden wir das lustig." Was niemand ahnte: "Sandy sah in mir ihren Partner, eine Art Riesen-Pinguin."

Von da an war Sandy ihrem Pfleger verfallen. War er in der Nähe, eilte sie herbei. Hielt er sich im Gehege auf, folgte sie ihm auf Schritt und Tritt. Die Pinguin-Männchen im Gehege waren Luft für sie. Warum das Tier sich so verhielt, weiß keiner so genau. "Wir können es nicht hundertprozentig erklären", sagt Zoodirektor Jörg Adler. Ein Grund sei wohl, dass Vollbracht das Tier als Junges fütterte. "Konditionierungen von Tieren auf Menschen oder Gegenstände sind nicht ungewöhnlich. Ein Beispiel ist der Schwan auf dem Aasee."

Dem Zoo brachte die verliebte Pinguin-Dame eine Menge Publicity. Weil sie so zutraulich war, setzte der Allwetterzoo Sandy für die Öffentlichkeitsarbeit ein. Mit ihr besuchte Vollbracht Kindergärten und Seniorenheime. Gemeinsam tourten sie durch Talkshows, waren Gast bei Kerner, Jauch und Co. Sandy stand auch schon auf Bühnen, etwa im Stadttheater Münster, und spielte mit in einer Tierpark-Soap und im Fernsehfilm "Zoogeflüster - Komm mir nicht ins Gehege".

"Wäre schön, wenn Sandy sich bald wieder in einen Pinguin verliebt"

Rund zehn Jahre ging das so. Dann schien es, als ob aus Sandy ein "ganz normaler Pinguin" würde. Vollbracht erkrankte - und war zwei Monate nicht im Zoo. Plötzlich interessierte Sandy sich für einen Artgenossen: Pinguin-Männchen Tom. Mit ihm lebte sie fortan ein ganz normales Pinguin-Leben, in diesem Jahr bekamen die beiden sogar zwei Küken. Ihren Ex, den Menschen, würdigte die Pinguin-Dame keines Blickes mehr.

Doch vor wenigen Wochen endete das Pinguin-Glück, der knapp fünfjährige Tom starb am 11. September an einer bakteriellen Infektion. Und Sandy war wieder allein. "Auf einmal war ich wieder interessant", sagt Vollbracht. Seit etwa drei Wochen kommt sie jetzt angerannt, wenn er in ihrer Nähe ist. Für den Wandel hat Vollbracht eine einfache Erklärung: "Pinguinen geht es um die Arterhaltung. Sandy ist in Brutstimmung und will einen neuen Partner."

Exzentrisches Verhalten in Liebesangelegenhalten ist bei Pinguinen nicht so selten: Da gab es zum Beispiel Harry, ein Seevogel-Männchen aus San Francisco. Erst führte Harry eine langjährige homosexuelle Beziehung mit Pinguin Pepper, watschelte mit dem Partner durch dick und dünn. Dann verließt er Pepper für eine Pinguin-Dame - und beglückte mit diesem Sinneswandel sogar Fundamental-Christen.

Für reichlich Schlagzeilen sorgten auch die norddeutschen Homo-Pinguine. Im Bremerhavener Zoo leben gleich sechs der 20 Humboldt-Pinguine in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Zwei Pinguin-Männchen adoptierten im Juni dieses Jahres ein Ei und brüteten es aus. Jetzt ziehen sie gemeinsam das Küken groß.

Dass Peter Vollbracht jetzt als Ersatz für Tom herhalten muss, stört den Pfleger nicht. "Wir können eh nichts dagegen machen." Vollbracht sitzt jetzt neben dem Wasserbecken des Pinguin-Geheges und schaut zu, wie Sandy mit Artgenossen wie ein Pfeil durchs Wasser schießt. Obwohl ihm das anhängliche Tier sichtlich Freude bereitet, hofft er, dass es ihm bald wieder die kalte Schulter zeigt. "Bald ist die Brutzeit vorbei", sagt er. "Es wäre schön, wenn Sandy sich im nächsten Jahr dann wieder in einen Pinguin verlieben würde."

Von Silke Katenkamp, dpa

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