Liechtenstein Fürst Hans-Adam, der Machthungrige

Der Liechtensteiner Fürst brüskiert sein Volk derzeit mit rückschrittlichen Reformvorschlägen. In einer "Revolution von oben" beansprucht Hans-Adam II mehr Macht und droht mit seinem Umzug nach Wien. Am Sonntag wird in einer Volksabstimmung entschieden, ob er künftig nach Gutdünken die Regierung feuern und per Notrecht herrschen darf.
Von Joachim Hoelzgen

Vaduz - Stolz steht das mittelalterliche Schloss über Vaduz. Doch sein Bewohner, Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein, Herzog von Troppau und Jägerndorf, Graf zu Rietberg, 58, kann sich beim Blick hinab aufs Hauptstädtchen nicht richtig erfreuen. Die flaue Konjunktur im Rest der Welt nimmt auch den schmucken Zwergstaat mit seinen 33.000 Menschen mit, der zu den größten Anbietern von künstlichen Zähnen, Fertiggerichten und Verschraubungen für Baugerüste zählt. Vor allem aber sorgt die Liechtensteiner,dass in ihrem Steuerparadies auch die Anzahl der Briefkastenfirmen zurückgeht. Und in der Tiefgarage der Landesbank parken nur noch selten Mercedes-Limousinen aus dem nahen Deutschland - auch das kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Nur droben im Gebirge, am Fuß des Ochsenkopf-Massivs, geht es durch und durch noch den gewohnten Gang, klappern die Lifte im Wintersportzentrum Malbun. Christine Stelzl verkauft im Sportgeschäft Ansichtskarten mit dem Porträt Seiner Durchlaucht und sieht gelegentlich den Erbprinzen Alois mit seiner Frau Sophie beim Ski laufen. "Es ist ideal, dass wir die Herrschaften hier haben", ist Christine Stelzl überzeugt. Das aber bleibt womöglich nicht mehr lange so, weil drunten im Tal des Alpenrheins um eine Neuverteilung der Macht zwischen Schloss und Volk gerungen wird. Hans-Adam II. wähnt Monarchiefeinde am Werk. Er erwägt, die Möbelwagen zu bestellen und den "Zustand von vor 1938" wieder herzustellen. Das würde den Umzug nach Wien bedeuten, wo der Adels-Clan über Jahrhunderte treu den Habsburgern ergeben war.

Hans-Adam II. und ein großer Teil der Untertanen sind sich uneins in der Frage, wie groß der Anspruch des geerbten Throns sein darf - ein Problem, von dem in der benachbarten Schweiz die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb, es sei "sonst nur noch in der historischen Literatur" zu finden. Kern des Konflikts ist eine Reform der Verfassung, die der Fürst anstrebt. Er beansprucht Dinge, die seinen Gegnern als Revolution von oben vorkommen - so die Forderung, eine unbotmäßige Regierung entlassen zu können, ohne dafür einen Grund nennen zu müssen.

"Für das Rückgrat ist das negativ", meint Mario Frick, der sieben Jahre lang Regierungschef in Liechtenstein gewesen war. "Das ist ein Mittel der Einschüchterung: Wer stellt sich schon für das Amt zur Verfügung, wenn er jederzeit gefeuert werden darf?" Frick stößt sich auch daran, dass der Fürst sechs Monate lang mit Hilfe des Notrechts schalten und walten könnte und das in einschlägigen Verfassungsartikeln neu aufgenommen worden ist, "Folter", "Zwangsarbeit" und "unmenschliche Behandlung" seien in Liechtenstein verboten. Was denke man nur nachts hinter den Mauern und Zinnen des Schlosses, wundert sich Frick, der nun als Anwalt tätig ist. "Und wozu braucht es überhaupt ein Notrecht? Wenn eine Lawine niedergeht, greift doch das Katastrophenschutzgesetz."

Die Wünsche des Fürsten haben in Liechtenstein zu einer Art Samisdat-Bewegung geführt wie einst in der Sowjetunion des kommunistischen Parteichefs Breschnew. Zahlreiche Komitees wurden gegründet. Ein "Demokratie-Sekretariat" ist eingerichtet worden, ein "Arbeitskreis Demokratie und Monarchie" und eine "Gruppe Wilhelm Beck", benannt nach dem wichtigsten Autoren der jetzt noch gültigen Verfassung aus dem Jahr 1921. Vom Gängelband des Fürsten will sich außerdem der Kreis "Frauen in guter Verfassung" befreien. Auch Auslandsliechtensteiner sorgen sich wegen der womöglich größeren Machtfülle in Händen des Herrschers.

"Es ist bedrückend, dass inmitten von Europa solche Generalvollmachten existieren sollen", meint etwa Hans-Jörg Rheinberger, Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Der Professor gehört zu 52 Liechtensteiner Landsleuten, die beim Europarat in Straßburg um eine Stellungnahme zu den Absichten Hans-Adams II. baten. Rechtsgelehrte, die sonst Länder wie Weißrussland und die Ukraine begutachten, kamen zu dem Schluss, es drohe "ein ernsthafter Schritt zurück". Liechtenstein solle wohl "in ein Protektorat des Europarats" verwandelt werden, entgegnete der Fürst kampfeslustig.

So richtig spannend wird es am 16. März, wenn die Stimmberechtigten in Liechtenstein über seinen Verfassungsvorschlag per Volksabstimmung entscheiden. Auch ein Gegenvorschlag der Kritiker hat Chancen, obwohl Auguren Hans-Adam II. um Brustbreite vorne sehen. Möglich ist aber auch, dass bei dem Referendum kein Vorschlag die erforderliche absolute Mehrheit schafft. In diesem Fall wollen der Fürst und Erbprinz Alois sich ebenfalls nach Wien verabschieden. Viele Anhänger des Fürsten werten die Drohung als leichtfertiges Spiel mit der Verehrung seines Hauses durch die Liechtensteiner, denen er am Staatsfeiertag doch Fürstenberg-Bier vom Fass zapfe.

In Wien besitzen die potenziellen Flüchtlinge das so genannte Stadtpalais und das Palais Liechtenstein mit dem berühmten Herkulessaal. Hans-Adam II. will in dem Prachtgebäude die Rubens- und van-Dyck-Gemälde ausstellen, die sich derzeit auf dem Vaduzer Schloss befinden. Dortige Gäste müssten dann auf seine stets freundliche Begrüßung verzichten: "Kommen's rein in die gute Stube."

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