Loch Ness Jagd nach dem Seeungeheuer

Begleitet von großem Medienrummel, hat sich eine Gruppeschwedischer Abenteurer aufgemacht, um mit einerRiesenreuse das Ungeheuer von Loch Ness zu fangen.Einheimische Monsterschützer sehen darin eine Bedrohung fürihr sagenumwobenes Untier.

Im schottischen Drumnadrochit gibt esdrei Typen von Menschen. Die einen wollen ein Monstersehen. Die Zweiten haben es schon gesehen und sind damitzufrieden. Den Dritten reicht beides nicht. Sie sindMonsterjäger und wollen es ergreifen.An diesem kühlen Morgen rollt eine besonders skurrile Schardieser seltsamen Spezies in einem orangefarbenenVW-Transporter auf den Anleger des Dörfchens. Demklapprigen Gefährt entsteigen Jan-Ove Sundberg, 53, einMann mit Stupsnase, rötlich-weißem Bart und deutlichemKugelbauch, und seine Crew. Die Männer aus Schweden bildendas "Global Underwater Search Team" (Gust). Kaum einer von ihnen kann sich dem Bann des dunklen Seesentziehen. Lange schweifen ihre Augen über diespiegelglatte Wasserfläche, bleiben hier an der Silhouetteeines Schwans hängen, suchen dort die Welle eines Bootesnach langen Drachenhälsen ab."Seeschlangenwetter" vermeldet Sundberg im Fachjargon derZunft und mustert die in leichten Dunst gehüllte Silhouettevon Urquhart Castle an den Hängen gegenüber. Dies sind dieUfer des sagenumwobenen Loch Ness, wir schreiben das Jahr1436 nach dem Erstkontakt mit dem Ungeheuer, und dieserMann aus Schweden ist wild entschlossen, mit der Legendeendgültig aufzuräumen."Operation Cleansweep" nennt Sundberg seine in dervergangenen Woche in Schottland angelaufene Expedition, undes ist bereits sein 15. Versuch innerhalb der letzten 25Jahre, mit Ungeheuern aller Art in Kontakt zu treten. Imnorwegischen See Seljordsvatnet hat er nach Seeschlange"Selma" gefahndet, in Irland dem auf zwei Beinen laufenden"Achilles" nachgestellt und im schwedischen See Storsjönnach Ungeheuer "Storsie" gesucht.Am Loch Ness ist Sundberg schon zum dritten Mal. Doch nun,so der Schwede, werde es für das Tier kein Entkommen mehrgeben. An Bord des 11-Meter-Motorboots "Highland CommanderII" will er dem sagenhaften Wesen mit Unterwassermikrofon und Multibeam-Sonar zu Leibe rücken. Zudem hat der selbsternannte Kryptozoologe eine Geheimwaffe in der Hinterhand:eine sieben Meter lange Reuse mit einem Durchmesser vonetwa 1,60 Meter. Diese Falle, erst einmal zu Wassergelassen, sei geeignet, das Biest zu fangen, erläutert derMann der eigens nach Schottland gereisten und zusehendsverblüfften Weltpresse ­ angesichts eines Sees vonsiebeneinhalb Milliarden Kubikmeter Wasser ein verwegenerPlan."Wir glauben, dass Nessie mit einem Aal verwandt ist",erklärt Sundberg, "ein Monster-Aal sozusagen." Natürlichsei die Falle zu klein für ein "ausgewachsenes Tier"; dahergelte es, eine "Baby"-Nessie zu fangen. Eine Population von"etwa 30 Exemplaren" vermutet der Monsterjäger im bis zu230 Meter tiefen Loch, dem größten SüßwasserreservoirGroßbritanniens. Sei erst eines der Jungtiere in der Fallegefangen, werde ein "anonymer britischer Wissenschaftler"eingeflogen, der eine DNS-Analyse des Biests durchführensoll: "Loch Ness hat eine so lange Geschichte vonSichtungen, da ist es nur vernünftig zu glauben, dass sichirgendetwas in diesem See verbirgt."Die Suche hat eine lange Tradition am Loch Ness. Seit derirische Missionar Columban im Jahre 565 erstmals im FlussNess auf ein Monster gestoßen sein will, das mit "lautemBrüllen und geöffnetem Maul" vor ihm auftauchte (derGottesmann konnte die Bestie natürlich in ihre Schrankenweisen), haben die Gestade des 36 Kilometer langenschottischen Sees viele Nessie-Jäger gesehen.Den ersten Höhepunkt erreichte die Monsterhysterie in dendreißiger Jahren, als das bis heute berühmteste Nessie-Foto(präsentiert von dem Chirurgen Robert Kenneth Wilson) ineiner Londoner Tageszeitung auftauchte. Das"Surgeon's"-Foto zeigt die Silhouette einesdinosaurierartigen Tieres mit langem Hals und löste eineWelle von Untersuchungen und Zeugenbefragungen aus. Erst1994 kam heraus: Das Bild zeigt eine aus einemSpielzeug-U-Boot gebaute Nessie-Attrappe.Die Zahl der Fotos, Filmaufnahmen und Berichte hat sichseither vervielfacht. Über 1000-mal soll Nessie inzwischenim Loch gesichtet worden sein ­ zuletzt im März diesenJahres, als mehrere Autofahrer ein bewegtes Objekt in Formeines U-Boot-Periskops auf dem See sichteten.Ab Ende der sechziger Jahre begannen Suchteams, auch mitSonarhilfe im Trüben zu fischen. Eine der größtenSuchaktionen startete 1987: Eine Flotte von 24 Booten fuhrtagelang jeden Winkel des Sees ab. Die Ausbeute der"Operation Deepscan": drei starke Sonarkontakte, von deneneiner ­ von einem "großen und bewegten" Objekt in 67 MeterWassertiefe ­ bis heute nicht erklärt ist.Auf solche Sonarkontakte hofft nun auch Sundberg, indes inbesserer Qualität. Zudem setzt der Untierkenner auf ein vonder schwedischen Marine geliehenes, hochempfindlichesUnterwassermikrofon, mit dem er schon im vergangenen JahrBeweismaterial gesammelt haben will. "Wir hörten einenlauten brausenden Ton", sagt Sundberg. "Es klang wie eingroßes Tier mit breiten Flossen." Fotos dagegen will derSchwede nicht machen. Man könne sie zu leicht fälschen."Unsere Ausrüstung ist optimal. Wenn unser Team nichtsfindet, dann ist dort unten nichts", verkündet der Nordmannselbstbewusst.Selbst für die Einheimischen, im Nessie-Geschäft erfahren,ist ein solcher Auftritt starker Tobak. Zwar mögen dieHighlander ihr Monster. Es bringt Touristen an den See undgarantiert den Menschen ein gutes Einkommen. Doch vonFremden lassen sie sich nicht gern reinreden."Wissenschaftlich macht Sundberg alles falsch", sagt etwaGary Campbell, Präsident des offiziellen Loch Ness MonsterFan Club. "Nicht qualifiziert" sei der Schwede, das Monsteraufzuspüren.Schottenrock und grüne Kniestrümpfe hat Campbell angelegt,um Sundberg noch vor Beginn seiner Expeditionen Paroli zubieten. Der Schotte hat auch organisiert, dass kurz daraufeine acht Meter lange, grau lackierte Lincoln StretchLimousine auf die Pier von Drumnadrochit rollt. Ihrentsteigt, vom livrierten Chauffeur assistiert, KevinCarlyon: seines Zeichens "High Priest of British WhiteWitches".Carlyon trägt eine Kette mit Pentagramm um den Hals undeinen roten Bademantel am Körper, darunter eineJogginghose, weiße Socken und Turnschuhe. Seine Brust istbehaart, sein Haupthaar zu einem Pferdeschwanz gebunden."Elemente der Erde!", setzt der Nessie-Priester an, nachdemer einen kleinen Altar auf der Pier errichtet hat,"Elemente der Luft, des Feuers, der Wasser!" Carlyon stößtein Holzmesser in einen Holzbecher mit Asche, zeichnet einPentagramm auf einen Stein und produziert Rauch und Qualm."Kreatur Nessie, du bist gesegnet", tönt der Magier undhebt die Arme, "rettet die Kreatur vor Vergewaltigung undAusbeutung!"Aus Südengland ist der Magier extra angereist, um fürNessies Schutz zu beten: "Ich habe eine telepathischeVerbindung zu Nessie", erläutert Carlyon, 42, später.Solche Sprüche kommen bei den Highlandern gut an. Da nütztes Sundberg auch nichts, dass er vorsorglich einigeAuflagen der Naturschutzorganisation Scottish NationalHeritage (SNH) befolgte. So sterilisierte der Nessie-Jägersein Fangnetz, um keine fremden Arten aus Schwedeneinzuschleppen. Besonderen Schutz würde Nessie zudemgenießen, falls die Mission erfolgreich verlaufen sollte."Für den Fall, dass Sundberg Nessie fängt, erwarten wirnatürlich, dass er sie sofort wieder freilässt", sagtSNH-Sprecher Jonathan Stacey.Gerade dieser augenzwinkernde Humor der Schotten macht esschwierig, sich ernsthaft mit dem Phänomen Nessie auseinander zu setzen. Nach Ansicht mancher Einheimischerist das jedoch allemal überfällig. Nicht alle Augenzeugenseien verrückt oder geschäftstüchtig.Mit kaum zu überbietender Ernsthaftigkeit kann etwa IanCameron, 78, aufwarten, ehemaliger Chefermittler derschottischen Kriminalpolizei. Cameron sieht aus wieSherlock Holmes, kennt als passionierter Angler sein Lochund die Fische darin seit Kindesbeinen und hat zudem alsFlugbootkanonier in Afrika Erfahrungen mit der Silhouetteschwimmender Krokodile und Nilpferde gesammelt. Am 15. Juni1965 jedoch sah der Schotte während einer Angeltour etwasim Loch, das er bis heute nicht erklären kann."Plötzlich durchbrach ein Objekt mit der Form einesumgedrehten Bootes nicht weit von mir entfernt dieWasseroberfläche", berichtet Cameron. "Es muss eine Art vonEnergiequelle und so etwas wie ein Gehirn gehabt haben,denn es war in der Lage, Entscheidungen zu treffen undgegen den Wind zu schwimmen." Fast 50 Minuten lang willCameron das Geschöpf zusammen mit einem Freund beobachtethaben. Schließlich habe das walähnliche, etwa zehn Meterlange Objekt kurz vor dem Ufer beigedreht und seiabgetaucht.Wissenschaftliche Erklärungsversuche für solcheabenteuerlichen Beobachtungen zu finden ist schwierig. Unddoch hat sich einer der Einheimischen dieser Aufgabeverschrieben: Adrian Shine, Designer einer multimedialenNessie-Ausstellung in Drumnadrochit, ist Koordinator deswissenschaftlichen "Loch Ness & Morar Project". Über dieJahre hat Shine mit etwa -20 Universitäten in ganzGroßbritannien kooperiert und Limnologen, Geologen undChemikern Zugang zum Loch vermittelt.Shine ist ein besonnener Mann und versucht, die Spreu derNessie-Sichtungen vom Weizen zu trennen. Der bis heute vonzahllosen Nessie-Fans favorisierte Wassersaurier etwa kommeals Erklärung auf keinen Fall in Frage, da diese Tierespätestens die letzte Eiszeit nicht überlebt haben könnten.Stattdessen tippt Shine auf Sinnestäuschungen oderNaturphänomene, die sich aus den speziellen physikalischenGegebenheiten des Sees herleiten."Augenzeugen können Dinge leicht falsch interpretieren oderunbewusst ihre Phantasie zu Hilfe nehmen", gibt Shine zubedenken. Fischotter oder aus dem Meer eingewanderteSeehunde zum Beispiel könnten als Nessie verkannt werden.Sogar Rehwild sei schon beim Schwimmen im Loch beobachtetworden.Sonarkontakte erklärt Shine durch die Schwimmblasen vonFischen oder vom Grund aufsteigende Gasblasen, dieSchallwellen zurückwerfen. Zudem weise Loch Ness einecharakteristische Wasserschichtung mit warmemOberflächenwasser und sehr kaltem Wasser in der Tiefe auf.Große Unterwasserwellen von bis zu 40 Meter Höhe will Shinean der Grenzschicht zwischen den beiden Wasserkörpernausgemacht haben, die für sehr starke Sonarkontakte mancherNessie-Jäger oder auch für ungewöhnliche Wasserbewegungenan der Oberfläche verantwortlich sein könnten. Holzstückeauf dem Wasser, so glaubt Shine, könnten durch diese Wellengegen den Wind vorangetrieben werden: "Sogar für denvollkommen rationalen Beobachter muss es dann so aussehen,als würde tatsächlich etwas gegen die Strömung schwimmen."Selbst für Sundbergs Theorie hat Shine etwas übrig."Immerhin gibt es wirklich Aale in Loch Ness", sagt derbärtige Monster-Fan, der selbst frühe Augenzeugenberichtemit einem großen Stör auf Wanderschaft zu erklärenversucht. Von der Eignung des Schweden als Nessie-Jäger istShine ohnehin überzeugt. "Sundberg wird immer etwas finden,das er nicht erklären kann", prophezeit Shine. "Er hatnicht besonders viele Fachkenntnisse, und gerade deshalbwird er sehr erfolgreich bei der Monstersuche sein."Auf dem See naht derweil der Höhepunkt der Nessie-Show. DasFangnetz längsseits, tastet sich die "Highland CommanderII" langsam ans Ufer der Urquhart Bay heran. Dann gehtGust-Taucher Dick Oskarsson, 32, unter Wasser, um einegeeignete Stelle für das Netz zu suchen. Die Spur seinerLuftblasen lässt erahnen, was hier alles für Nessiegehalten werden kann. Auf drei Meter Tiefe schließlichversinkt die bei Beutekontakt automatisch schließende Falleim trüben Wasser.Es kommt, wie es kommen musste. Bis Ende vergangener Wocheging Sundberg und seinem Team nichts ins Netz. Loch Ness,entschuldigt sich Sundberg, sei einfach zu groß für dieMonster-Suche.Gary Campbell vom örtlichen Nessie-Fan-Club glaubt, dass esmit den Eindringlingen noch ein böses Ende nehmen könnte.Der Auftritt des Magiers Carlyon sei nicht umsonst gewesen."Der Zauber des weißen Hexers war doch ein großer Spaß",sagt der Schotte augenzwinkernd. "Und wenn Sundbergs Bootuntergeht, werden wir auch wissen, dass er gewirkt hat." Philip Bethge

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