Zugunglück bei Paris Lokführer verhinderte offenbar noch größere Katastrophe

Das Zugunglück in der Nähe von Paris mit mindestens sechs Toten hätte womöglich noch schlimmer ausgehen können: Nach Angaben der Bahngesellschaft SNCF verhinderte der Lokführer "einen oder mehrere Zusammenstöße". Schuld an dem Unfall war vermutlich ein defektes Weichenteil.
Zugunglück bei Paris: Lokführer verhinderte offenbar noch größere Katastrophe

Zugunglück bei Paris: Lokführer verhinderte offenbar noch größere Katastrophe

Foto: LIONEL BONAVENTURE/ AFP

Paris - Ein defektes Verbindungsteil an einer Weiche war vermutlich die Ursache des schweren Zugunglücks bei Paris. Das Stahlelement hätte eigentlich zwei Schienenteile zusammenhalten sollen, erklärte ein Bahnverantwortlicher. Es habe sich aus noch ungeklärter Ursache gelöst. Nun sollen schnellstmöglich alle vergleichbaren Verbindungsteile im französischen Schienennetz überprüft werden, es sollen rund 5000 sein.

Eine noch größere Katastrophe verhinderte nach Angaben der Bahngesellschaft SNCF der Lokführer des entgleisten Intercity durch seine schnelle Reaktion. Als er Stöße spürte, habe er sofort Notsignale gesendet, erklärte SNCF-Sicherheitschef Alain Krakovitch. Dadurch hätten andere Züge gestoppt und "ein oder mehrere Zusammenstöße" verhindert werden können. Der Intercity oder zumindest Teile von ihm befanden sich demnach nach dem Unfall nicht mehr auf dem eigentlichen Gleis. "Der Zugführer steht völlig unter Schock", sagte Krakovitch.

Mindestens sechs Menschen kamen nach jüngsten Angaben bei dem Unfall ums Leben, Einsatzkräfte befürchten allerdings noch weitere Todesopfer. 30 Reisende mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Insgesamt waren 385 Passagiere an Bord.

Trümmerteile Hunderte Meter weit verstreut

Nach ersten Ermittlungen zum Unfallablauf waren am Freitag um 17.14 Uhr mehrere Waggons des Zuges an einer Weiche rund 200 Meter vor dem Bahnhof von Brétigny-sur-Orge entgleist. Während der eine Zugteil weiterrollte, krachte der andere zum Teil auf den Bahnsteig. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass noch Hunderte Meter weiter Trümmerteile in der Ortschaft verstreut lagen.

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Zugunglück bei Paris: "Apokalyptischer Anblick"

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Es müsse entweder ein Problem mit der Schiene oder den Eisenbahnrädern gegeben haben, sagte Bahn-Chef Guillaume Pepy am Unglücksort. Genaueres wisse man aber noch nicht.

Verkehrsminister Frédéric Cuvillier erklärte, der Zug sei nicht zu schnell gewesen. Er sei 137 Stundenkilometer gefahren und damit 13 km/h langsamer als erlaubt. Über die Weiche vor dem Bahnhof war eine halbe Stunde vor dem Unglück noch ein anderer Zug gefahren - offensichtlich ohne Probleme.

"Müssen extrem vorsichtig bleiben"

An den Bergungsarbeiten waren nach Regierungsangaben Hunderte Rettungskräfte und mehrere Hubschrauber beteiligt. Spezialkräfte suchten auch in der Nacht noch nach möglichen weiteren Todesopfern. "Die Rettungskräfte haben zur Stunde keine neuen Opfer identifiziert, aber wir müssen extrem vorsichtig bleiben", sagte Verkehrsminister Frédéric Cuvillier dem Fernsehsender iTele. Die Bergungsarbeiten seien langwierig, traurige Entdeckungen nicht ausgeschlossen.

Augenzeugen an der Unfallstelle hatten zuvor von Bildern des Grauens berichtet. "Das Bahnsteigdach ist eingestürzt. Vier Waggons sind total zerfetzt", sagte der sozialistische Parlamentarier Michel Pouzol im Radio. Es sei ein "apokalyptischer Anblick". Ein 22-Jähriger, der zum Unglückszeitpunkt in der Bahnhofsbar saß, berichtete von dramatischen Szenen. "Es flogen überall Trümmerteile und Schotter herum", sagte er. Eine Frau sei durch die Schockwelle fünf Meter durch die Luft geschleudert worden.

Ein Zugpassagier sagte, als er sich aus dem Waggon befreit habe, habe er über "eine Person steigen müssen, deren Kopf abgerissen war". Ein zufällig am Bahnsteig stehender Augenzeuge konnte den Anblick der eingeklemmten Opfer nur schwer ertragen. "Ich habe gezittert wie ein Kind. Menschen haben geschrien, ein Mann war über und über mit Blut bedeckt", sagte er.

Staatschef François Hollande sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und sicherte zu, dass alles für die Aufklärung der Katastrophe getan werde. Auch er war am Abend zur Unglücksstelle geeilt. Der am Nachmittag in Paris gestartete Unglückszug hätte eigentlich um 20.05 Uhr in Limoges ankommen sollen.

Das Zugunglück von Brétigny-sur-Orge ist das schwerste in Frankreich seit 25 Jahren. 1988 waren am Gare de Lyon in Paris 56 Menschen ums Leben gekommen, als an einem Zug die Bremsen versagten und er mit einem abgestellten Triebwagen kollidierte.

rls/dpa/afp
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