Rechtsextreme Demos in London Kampf um die Statuen

Rechtsextreme und Hooligans gehen in London auf die Straßen, um Denkmäler zu "verteidigen". Der Versuch, die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, ist für sie ein Angriff auf ihre Heiligtümer.
Kriegsdenkmal Kenotaph in London: Rechtsextreme Gruppen, Kriegsveteranen, Hooligans

Kriegsdenkmal Kenotaph in London: Rechtsextreme Gruppen, Kriegsveteranen, Hooligans

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Der Parliament Square in London wirkt am Samstag wie ein Platz vor einem Fußballstadion. Tausende Männer haben sich hier ab dem späten Vormittag versammelt. Viele haben Plastiktüten mit Bierdosen dabei und stehen mit freiem Oberkörper auf der Wiese. Sie seien aus allen Ecken von London angereist, sagen sie, weil sie Denkmäler auf dem Platz "schützen" wollen. Doch die Statue von Winston Churchill wurde schon Tage zuvor mit grauen Brettern abgedeckt, nachdem vor einer Woche jemand während einer Demonstration von "Black Lives Matter" auf den Sockel unter Churchills Namen "War ein Rassist" gesprüht hatte.

DER SPIEGEL

Dass es vielen dieser rechtsextremen Demonstranten und Hooligans nicht darum geht, etwas zu schützen, wird schnell klar. Sie werfen Flaschen und Feuerwerkskörper auf Polizisten, schreien "England, England" und gehen aggressiv Journalisten und Fotografen an, die im Verdacht stehen, für "linke" Medien zu arbeiten. Am Abend melden die Behörden, dass 15 Menschen, darunter zwei Polizisten, wegen Verletzungen behandelt werden mussten.

Die Churchill-Statue war von Demonstranten mit dem Schriftzug "war ein Rassist" versehen worden und ist inzwischen von einem Bretterverschlag umgeben

Die Churchill-Statue war von Demonstranten mit dem Schriftzug "war ein Rassist" versehen worden und ist inzwischen von einem Bretterverschlag umgeben

Foto: ISABEL INFANTES/ AFP

Die unterschiedlichen rechtsextremen Gruppen, Kriegsveteranen und auch Fans und Hooligans von rivalisierenden Fußballvereinen wurden in den letzten Tagen mobilisiert, weil sie sich in ihrer britischen Identität angegriffen fühlten. Sean, ein 58-Jähriger, der sich als Hooligan des Londoner Fußballvereins FC Chelsea ausweist, gibt zu, bis vor Kurzem noch nie im Leben etwas vom Sklavenhändler Edward Colston gehört zu haben. Doch als die Statue von Colston in Bristol gestürzt wurde, fürchtete er, dass etwas Ähnliches auch mit anderen Statuen in London passieren könnte.

"Uns geht es nicht um die Sklaverei, wir wollen die Kriegsdenkmäler schützen", sagt er. Churchill ist für ihn Teil der glorreichen britischen Geschichte. Und er sagt, er sorge sich insbesondere um das Kriegsdenkmal Kenotaph, nachdem er Bilder gesehen habe, wie eine Demonstrantin versucht hätte, die britische Fahne auf dem Denkmal anzuzünden.

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"Wir sind doch Arbeiterklasse", sagt Sean

Sean und seine Kumpels können wenig mit der Rassismusdebatte anfangen. Dass sie als weiße Briten privilegiert seien? "Wir sind doch Arbeiterklasse und wuchsen in Sozialwohnungen auf." Sean will aber im Unterschied zu vielen anderen Hools an diesem Tag nicht prügeln, sondern ist bereit, mit Journalisten zu reden und sogar mit jemandem, der die andere Seite vertritt.

Calvin, der mit ihm spricht, ist ein junger Mathematikstudent aus London. Er ist schwarz und war schon auf mehreren Protesten von "Black Lives Matter". Am Samstag steht er mit seinem Rad an Rande der Demo. Er will sich mit niemandem prügeln und keine Parolen rufen, sondern beobachten, was hier passiert. Zu den Statuen hat er aber eine klare Meinung. "Colston war ein Sklavenhändler, es war nötig, die Statue zu stürzen, auch um mehr Aufmerksamkeit für unsere Proteste zu bekommen", sagt er. "Auch in London gibt es viele Statuen von Menschen, die Rassisten waren. Sie müssen alle entfernt werden."

Das historische Erbe des Empire soll seiner Meinung nach aufgearbeitet werden. Er redet auch mit dem Fußballfan Sean und hört ihm mehr zu, statt zu versuchen, die eigene Position zu verteidigen. Auf einem Platz mit Tausenden alkoholisierten und gewaltbereiten Männern könnte das auch schnell gefährlich werden.

Doch so ein Gespräch ist eher eine Ausnahme an diesem Samstag. Auf dem Trafalgar Square musste sich die Polizei einmischen, um Zusammenstöße zwischen kleineren Gruppen von Rechtsextremen und Aktivisten von "Black Lives Matter" zu verhindern. Die große Anti-Rassismus-Demonstration war auf Freitag vorverlegt worden, um sich vor rechten "Denkmalschützern" zu schützen. Die Protestler gingen demonstrativ ruhig an den Denkmälern vorbei und betonten, es gehe ihnen um Wichtigeres - um die Gleichheit und den strukturellen Rassismus in Großbritannien.

"Das ist mein Land", sagt Duha Rodney

Die Vorverlegung dieser Demo wird am Samstag von vielen Rechten als Sieg gefeiert. "Wo sind alle diese Linken? Sie haben sich in die Hose gemacht, weil sie gesehen haben, dass Millwall kommt", ruft ein Hooligan, der sich Jonny nennt. Er ist reichlich tätowiert, hat eine Narbe auf der rechten Wange und hält den Schal seines Südlondoner Vereins Millwall FC hoch, der seit Jahren für besonders gewaltbereite und rechtsgesinnte Fans bekannt ist. Heute ist Jonny bereit, sich sogar mit seinen Erzrivalen, den Fans von West Ham United, abzufinden und gegen gemeinsame Feinde, "die linken Liberalen", vorzugehen. Von der Sklaverei und der britischen Kolonialgeschichte will er nichts wissen. "Geschichte muss Geschichte sein", sagt er dazu nur.

Der Streit um die Denkmäler hat nach Wochen der Verunsicherung um die Quarantäne und den Wirtschaftsabschwung die Emotionen hochkochen lassen. Während die rechten Protestler versuchen, ihre "Heiligtümer" zu schützen, ist es für schwarze Aktivisten ein klarer Beweis für den Rassismus in Großbritannien. "Wenn sie diese Statuen verteidigen, verteidigen die das Recht zu sagen: Wir sind besser als ihr", sagt Duha Rodney, eine 28-jährige Aktivistin von "Black Lives Matter", die am Samstag mutig genug ist, zum Parliament Square zu kommen.

Teile ihrer Familie kamen aus Indien und Jamaika nach Großbritannien. "Ich bin hier geboren, das ist mein Land, aber es ist auf einem rassistischen Fundament gebaut." Statuen wie die von Churchill erinnerten sie daran, dass sie immer noch im Land der Kolonialisten lebe. "Ich bin bereit, mit allen darüber zu reden, um eine Lösung zu finden", sagt sie. "Doch dafür müssen sie nüchtern sein. Und sie müssen ihren Stolz zur Seite legen." Dieser Samstag hat aber außer verhärteten Fronten keine neuen Ergebnisse gebracht.

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