Londoner Boulevard Enjoy the Britskrieg!

Es gruselt sich halt gar so schön. Immer wieder beschwört die britische Presse - auf nicht unkomische Weise - die deutsche Gefahr herauf. Jetzt hat die "Sun" den "Britskrieg" ausgerufen: Bei der WM fürchtet sie den Angriff kleiner Panzer auf britische Fans.

Von Henryk M. Broder


Es gibt Nationen, die sind ihrer Zeit voraus, wie die Isländer, andere laufen ihrer Geschichte hinterher. Dazu gehören die Deutschen und die Briten. Der deutsche Antifaschismus nimmt täglich an Intensität zu, je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso heftiger wird der Widerstand gegen Hitler und seine Kumpane. In England ist die Situation ähnlich. Was den Deutschen ihr Antifaschismus, das ist den Briten ihr Antigermanismus.

Screenshot der "Sun"-Homepage: Lustige Miniaturpanzer bedrohen britische Hooligans

Screenshot der "Sun"-Homepage: Lustige Miniaturpanzer bedrohen britische Hooligans

Nur allzu gern phantasieren sie eine deutsche Gefahr herbei - wie Kinder, die nur deswegen nachts auf den Friedhof gehen, um sich gruseln zu können. So titelt das Londoner Massenblatt "The Sun" heute mit "Britskrieg" und zeigt dazu Minipanzer, die bei der kommenden WM eingesetzt werden sollen, um britische Fußballfans einzuschüchtern. Abgesehen davon, dass die Idee angesichts der Militanz der Hooligans von der Insel so verkehrt nicht wäre, stammt sie aus demselben Fundus, in dem Harry Potter daheim ist.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und außerdem es ist schon eine ganze Weile her, dass die Königliche Marine um die halbe Welt gesegelt ist, um ein paar Inseln am Rande der Antarktis von argentinischer Besatzung zu befreien. Wir erinnern uns vor allem an die vielen jungen Frauen, die zum Abschied von den Matrosen begeistert ihre Pullis hochzogen, damit die Jungs nicht vergessen, wer und was auf sie wartet, wenn sie den Job erledigt haben.

Seitdem haben die Briten so viel Spaß nicht mehr gehabt. Im Gegensatz zum Falkland-Krieg ist der Einsatz im Irak eine eher unerfreuliche Mission, die inzwischen sogar das Bus- und Bahnfahren im eigenen Land zu einem unkalkulierbaren Risiko gemacht hat. Da mag der Bürgermeister von London, Ken Livingstone, bekannte Fundamentalisten und Anhänger der Prügelstrafe für renitente Ehefrauen in seiner Stadt willkommen heißen und Verständnis für die Anliegen der Unterdrückten äußern - die netten Gesten machen das Leben rund um Trafalgar Square nicht sicherer.

Da hat man es mit den Nazis einfacher. Die sind zwar lange tot, leben aber als Untote im britischen Gedächtnis weiter. Man kann sie jagen, ohne sie zur Strecke bringen zu müssen. Eine echte Alternative zur Fuchsjagd, die vor kurzem verboten wurde. Es bringt wenig, die Briten daran zu erinnern, dass sogar Mitglieder der Königlichen Familie einst mit den Nazis sympathisierten und dass es nicht immer klar war, dass England gegen die Nazis in den Krieg ziehen würde. Der "Britskrieg" hört nicht auf. Er gehört wie Fish'n'Chips, Plumpudding, Fudge und Edgar Wallace zur britischen Folklore. Enjoy!



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