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04. April 2016, 12:02 Uhr

Taxifahrer in Los Angeles

Toter Winkel

Von Gesa Mayr

Erik Hagen schlug sich in Los Angeles als Taxifahrer durch. Fast wurde der Job für ihn zur Sucht. Seinen Rausch und auch seine Einsamkeit dokumentierte der Fotograf in einer Bilderserie.

Erik Hagen kam im Juni 2009 nach Los Angeles, ohne Plan, ohne Arbeit. Er schlug sich durch mit kleinen Jobs, Installateur, Starbucks, so was eben. Es reichte weder zum Leben, noch um seinen Studienkredit zurückzuzahlen. Dann sah er im Internet die Anzeige: Taxifahrer gesucht.

Sein erster Wagen war ein Ford Crown Victoria, ein altes Polizeiauto, das wie so viele seiner Art nach seinem Dienst ein zweites Leben als Taxi führte.

Es war kein Vermögen, was er als Taxifahrer in Los Angeles verdienen konnte, aber es war mehr, als er mit den Nebenjobs machte. Und ihm gefiel der Gedanke, unabhängig zu sein. Der eigene Boss, der seine eigenen Arbeitsstunden wählte. Taxifahrer, sagt er, gehören zum Kitt, der die Stadt zusammenhält. "Ich finde, dass viele dieser Menschen übersehen werden."

Die ersten Monate waren hart. "Auch wenn du eine Zeit lang in der Stadt lebst und denkst, du kommst zurecht - du tust es nicht." Aber Hagen lernte die Tricks. Nach großen Conventions in Downtown stand er am Tag darauf parat, um die Gäste zum Flughafen zu bringen. Nach Konzerten ließ sich gut Geld verdienen und sonntagabends, wenn die Leute wieder nach Hause kamen.

Es war eine Menge Arbeit, 60 Stunden die Woche, manchmal mehr, tagsüber, abends, nachts. Das Gefühl der Freiheit verschwand nach und nach. Wenn er nicht arbeitete, verdiente er kein Geld. "Aber man will seine Woche nicht mit Schulden anfangen." Das Taxifahren wurde für ihn wie eine Sucht, sagt er. "Du denkst ständig: 'Heute ist der Tag, an dem ich richtig viel Geld mache.'"

Los Angeles ist keine Stadt wie New York, in der die Leute ständig ins Taxi springen. "Man verbringt sehr viel Zeit im Auto, meistens ohne Passagier." Er musste viel warten in diesen Jahren, Momente im Auto, in denen er mit sich und seinen Gedanken allein war. Eine Weile konnte er die Langeweile bezwingen. Er schaute TV-Serien auf dem Smartphone, las ein Buch, quatschte mit Kollegen. "Aber es gibt ein bestimmtes Langeweilelevel, bei dem man sich nicht mehr konzentrieren kann."

Es dämmerte ihm, auch Freiheit hat manchmal ihren Preis. "Nur rumsitzen - irgendwann frisst es dich auf."

Nach seinem Bachelor in Fotografie hatte er jahrelang keine Kamera in der Hand gehabt. Es sei ihm nach der Uni schwergefallen, Disziplin zu entwickeln. Irgendwann sei es wichtiger gewesen, Arbeit zu finden, als sich um Fotoprojekte zu kümmern.

Doch in L.A. nahm er das erste Mal wieder eine Kamera in die Hand. Ein Objektiv, 35 Millimeter Brennweite, schwarz-weiß. Einfach, ohne dass er viel drüber nachdenken musste.

Das Reduzierte spricht aus jedem Bild, lässt das überwältigende Licht Kaliforniens scharf, hart und manchmal schal wirken. California Dreaming als Film Noir. Ein blendendes Weiß, das sich von den Schatten abhebt. Es sollte nur eine Übung sein, doch als er die ersten zehn, zwölf Filme entwickeln ließ und das Ergebnis sah, dachte er, dass die Bilder vielleicht etwas sein könnten. Sie zeigten, wie er sich manchmal fühlte. Die Distanz zur Stadt, die Einsamkeit im Wagen. "Diese Idee wollte ich weiterentwickeln."

An manchen Tagen las Hagen die Gäste der Luxushotels auf, die 500 Dollar die Nacht für ein Zimmer zahlten. Dann wieder hielt er vor schäbigen Motels. Er hatte Menschen auf Drogen hinter sich sitzen, Menschen jeder Nationalität, Touristen. "Man hat alle Schichten im Taxi", sagt er. Die ganze Stadt.

In der Stadt, die dafür bekannt ist, dass niemand zu Fuß geht, in der es mehr Autos als Einwohner gibt, gibt es immer Stau, sehr viel Stau. Los Angeles ist riesig, großflächig, die zweitgrößte Stadt im Land. Die Leute sind es gewohnt, mit dem Auto zu fahren, auch wenn es nur eine Meile ist. "Das baut schon eine gewisse Distanz zwischen den Menschen auf", sagt Hagen. "An vielen Teilen der Stadt fährt man nur vorbei." Auch das dokumentiert er in seinen Bildern.

Eine Weile nur wollte er das machen mit dem Taxifahren, aber aus der Zwischenlösung wurde ein Zustand. Er sei ausgebrannt gewesen. Fünfeinhalb Jahre fuhr er das Taxi, bis November 2015. Dann zog er zurück an die Ostküste, nach Delaware, seine Freundin bekam dort einen Studienplatz. Er arbeitet dort in einem Whole-Foods-Supermarkt, nebenbei hält er Ausschau nach dem nächsten Kunstprojekt. Man liebt L.A., oder man hasst es, heißt es oft. "Ich weiß nicht so richtig", sagt er. "Mich verbindet eine Hassliebe mit der Stadt." Ein Teil von ihm vermisst L.A., vor allem jetzt, wo es an der Ostküste noch kalt ist.

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