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26. Juli 2010, 13:30 Uhr

Love-Parade-Desaster

Duisburger Polizei gibt Ermittlungen ab

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Wer trägt die Schuld an der Love-Parade-Katastrophe? Bisher untersuchte das die Duisburger Kripo, doch nun wird sie die Ermittlungen nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen an die Kölner Polizei abgeben. Man will so offenbar dem Vorwurf der Befangenheit aus dem Weg gehen.

Duisburg - Vielleicht klappt es also doch mit der rückhaltlosen Aufklärung, die Bundespräsident Wulff vollmundig gefordert hat? Zwei Tage nach dem Desaster, bei dem 19 Menschen starben und mehr als 500 zum Teil schwer verletzt wurden, gibt die Duisburger Polizei die Ermittlungen gegen Unbekannt ab. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll die Kölner Polizei diese übernehmen. Derweil wird das Love-Parade-Einsatzkonzept der Polizei nun vom Präsidium Essen überprüft.

Der Duisburger Behördensprecher Ramon van der Maat wollte am Montagmittag entsprechende Informationen noch nicht bestätigen, er verwies stattdessen an das Innenministerium in Düsseldorf. Dort aber mochte man sich auch nicht unmittelbar zu dem Thema äußern, kündigte dafür eine Pressemitteilung an.

Offenbar fürchten die Duisburger Polizisten bei den Ermittlungen gegen Verwaltungsbeamte der eigenen Stadt den Vorwurf der Befangenheit. "Das sähe jedenfalls nicht so toll aus", sagte ein Fahnder. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, hatte zunächst die Kriminalinspektion 1 das Verfahren übernommen - um es dann sehr schnell wieder loszuwerden.

Gleichzeitig erreichten SPIEGEL ONLINE Dokumente aus der Polizei, in denen frühzeitig vor der Brisanz der Love Parade gewarnt wurde. So heißt es in einer Anlage zu einem Einsatzbefehl vom 21. Juli 2010, die Gewährleistung der Sicherheit der Teilnehmer und Zuschauer genieße "höchste Priorität". Und weiter: "Durch ein hohes Maß an Kooperation mit allen beteiligten Stellen sind Nahtstellenprobleme frühzeitig zu erkennen und zu beseitigen."

In einer Unterlage aus der Duisburger Stadtverwaltung vom 21. Juli 2010 (Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026), die SPIEGEL ONLINE vorliegt, hatte der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung den Ausrichtern der Mega-Party klipp und klar vorgebeben: "Die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf wird (...) auf 250.000 Personen begrenzt."

Die Veranstalter des Festes sprachen jedoch wenige Stunden vor dem Unglück noch stolz von etwa 1,4 Millionen Teilnehmern. "Das kann ich nicht bestätigen", sagte der kommissarische Duisburger Polizeichef Detlef von Schmeling am Sonntagnachmittag auf einer Pressekonferenz und vermied jede Festlegung. Die Gäste seien überwiegend mit der Bahn angereist, dabei habe es sich "in dem Zeitfenster zwischen 9 und 14 Uhr um 105.000 Personen" gehandelt. "Das ist die einzige belastbare Zahl, die wir haben", so Schmeling.

Angesichts der Bilder kann indes niemand ernsthaft von einer Teilnehmerzahl im niedrigen sechsstelligen Bereich ausgehen - und auch nicht anhand der Zahlen bei den letzten Love Parades im Ruhrgebiet: 2007 in Essen waren etwa 1,2 Millionen Menschen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Auch für Duisburg scheint mindestens eine Million realistisch. Doch während die Polizei bei jeder Großdemo schnell in der Lage ist, eine Schätzung der Teilnehmerzahl abzugeben, will sie in Duisburg keinerlei Angaben machen.

In der städtischen Genehmigung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es weiter: "Die Zaunanlage, welche das Veranstaltungsgelände umfasst, ist so auszuführen, dass sie einer Anpralllast von mind. 2kn m (Kilonewton pro Meter; Anm. d. Red) standhält." Die Raver hatten am Samstagnachmittag einige Zäune überrennen können. Und einen Absatz darunter heißt es in dem Dokument: "Die Breite der Fluchtwege auf der Ost- und Südseite des Geländes darf an keiner Stelle eine Breite von 10 m unterschreiten." Das ist wiederum ungewöhnlich wenig.

Polizei-Plan verworfen

Wie SPIEGEL ONLINE aus der Duisburger Polizeiführung erfuhr, hatten Polizei und Feuerwehr ein eigenes Sicherheitskonzept für die Love Parade entwickelt, mit dem sie sich allerdings nicht hatten durchsetzen können. Demnach wollten die Beamten die Raver "großflächiger" anreisen lassen und Nadelöhrsituationen unbedingt verhindern. Der Plan hätte aber einen weitaus größeren Personaleinsatz erfordert, hieß es, und sei von der Verwaltung schließlich verworfen worden.

Der Duisburger Wissenschaftler Michael Schreckenberg verteidigte unterdessen sein Sicherheitskonzept. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, so der Professor für Physik von Transport und Verkehr. Laut Schreckenberg hatten kurz vor dem Unglück einzelne Jugendliche ein Gitter überrannt und eine ungesicherte Treppe gestürmt. Damit hätten die Organisatoren nicht rechnen können.

"Man kann bei der Love Parade nicht auf die Vernunft der Teilnehmer vertrauen", sagte hingegen ein erfahrener Polizist SPIEGEL ONLINE. "Das funktioniert so nicht."

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