Love-Parade-Tragödie 19 Tote, vier Fragen

Viele Ausflüchte, wenig Antworten: Eine Pressekonferenz zur Tragödie von Duisburg geriet zur Farce, Polizei und Veranstalter wollten oder konnten den Hergang der Katastrophe nicht aufklären. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Fragen die Ermittler nun beantworten müssen.
Love-Parade-Tragödie: 19 Tote, vier Fragen

Love-Parade-Tragödie: 19 Tote, vier Fragen

Foto: Hermann J. Knippertz/ APN

21 Jahre lang war die Love Parade ein riesiges Party-Event, zunächst in Berlin, dann im Ruhrgebiet. Nun scheint klar: In Zukunft wird der Techno-Karneval nicht mehr stattfinden. 19 Menschen starben am Samstagnachmittag bei einer Panik auf dem Duisburger Gelände um den ehemaligen Güterbahnhof, 340 wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft hat offiziell die Ermittlungen aufgenommen, bisher sind zwei Strafanzeigen eingegangen.

Bei einer Pressekonferenz am Sonntagmittag stellten sich Stadt, Polizei und Veranstalter den drängenden Fragen nach der Verantwortung für das Unglück. Eine beinah gespenstische Szenerie: Wieder und wieder fragten Journalisten vor allem nach der Teilnehmerzahl, nach dem Zugang zum Festivalgelände, nach dem Sicherheitskonzept. Teils blickten die Organisatoren betreten zu Boden, teils schauten sie die Frager bedrückt an - und vermieden konkrete Aussagen durch den wiederholten Hinweis auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Die Journalisten reagierten darauf zunehmend zornig.

Zu den meisten Fragen äußerte sich der kommissarische Duisburger Polizeipräsident Detlef von Schmeling, neben ihm auf dem Podium saßen Krisenstabsleiter Wolfgang Rabe, Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sowie Rainer Schaller, Geschäftsführer des Love-Parade-Veranstalters und des Großsponsors McFit Fitness GmbH. Hinzu kamen Sprecher der Love Parade und der Bundespolizei.

Zentrale Fragen bleiben offen

Sie alle wirkten sichtlich erschüttert und betonten zunächst, wie sehr die Katastrophe auch alle entsetzt hat, die für die Sicherheitsvorkehrungen zuständig waren. "Die Trauer vermag ich nicht in Worte zu kleiden. Das Unglück ist so entsetzlich, dass man es nicht fassen kann", sagte Oberbürgermeister Sauerland. "Wir haben Sonntagmorgen den ermittelnden Behörden unsere Akten übergeben. Ich kann zum Schutz meiner Mitarbeiter nichts weiter sagen."

Die Love Parade werde von den tragischen Unglücksfällen für immer überschattet werden, sagte Organisator Rainer Schaller: "Wir werden sie nicht weiter fortführen - dies bedeutet das Aus der Love Parade."

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Pressekonferenz zur Love Parade: Viele Fragen, kaum Antworten

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Laut Polizei starben 19 Menschen, von denen bisher 16 identifiziert werden konnten. Das Alter der Todesopfer liegt zwischen 20 und 40 Jahren; darunter sind auch je ein Besucher aus den Niederlanden, aus Italien, Australien und China.

Aber wie genau lief der Nachmittag ab, der in die Katastrophe mündete? Dazu gab es nur wenige konkrete Angaben. Die meisten blieben derart vage, dass Journalisten zunehmend wütend nachhakten - und abermals nur gewundene, ausweichende Antworten erhielten. Einige der zentralen Fragen:

  • Wie viele Teilnehmer hatte die Love Parade in Duisburg?

Die Veranstalter sprachen zunächst von etwa 1,4 Millionen Teilnehmern. "Das kann ich nicht bestätigen", sagte Polizeichef Detlef von Schmeling und vermied bei der Pressekonferenz jede konkrete Festlegung. Die Gäste seien überwiegend mit der Bahn angereist, dabei habe es sich "in dem Zeitfenster zwischen 9 und 14 Uhr um 105.000 Personen" gehandelt. "Das ist die einzige belastbare Zahl, die wir haben", so Schmeling.

Angesichts der Bilder kann indes niemand ernsthaft von einer Teilnehmerzahl im niedrigen sechsstelligen Bereich ausgehen - und auch nicht anhand der Zahlen bei den letzten Love Parades im Ruhrgebiet: 2007 in Essen waren etwa 1,2 Millionen Menschen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Auch für Duisburg scheint mindestens eine Million realistisch. Doch während die Polizei bei jeder Großdemo schnell in der Lage zu einer Schätzung ist, will sie in Duisburg keinerlei Angaben machen.

  • War das Gelände zu klein für die Menschenmassen?

Diesem Eindruck trat Schmeling entgegen. "Auf Luftbildern werden Sie sehen, dass der Platz nicht vollständig gefüllt war", sagte er. Erst auf mehrfache Nachfragen äußerte sich Wolfgang Rabe vom Krisenstab konkret zur Größe des Geländes: Die Fläche betrage etwa 120.000 Quadratmeter und sei damit "größer als das Gelände vor der Westfalenhalle in Dortmund", wo die Love Parade 2008 stattgefunden hatte. Das "gesamte Gelände, das betreten werden konnte", sei aber zwischen 200.000 und 250.000 Quadratmeter groß.

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Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach

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Rabe sagte außerdem, der Platz könne "weit über 350.000 Menschen aufnehmen" - "so viele Menschen waren gestern zu keinem Zeitpunkt auf dem Platz". Zusätzlich verwirrend: Noch am Samstagmittag, also deutlich vor dem Unglück, hatte der Love-Parade-Geschäftsführer völlig andere Zahlen genannt. Zu diesem Zeitpunkt rechnete er trotz der Menschenmassen nicht damit, dass der Platz abgesperrt werden müsse: "Da passen 1,6 Millionen Menschen drauf", sagte er der Nachrichtenagentur DAPD zum Beginn des Festes, "die Zahl werden wir heute nicht erreichen, höchstens 1,4 Millionen."

  • Was geschah wirklich in, vor und hinter dem Tunnel?

Konkrete Informationen gab es bei der Pressekonferenz zum Todesort. Dieser befand sich nämlich nicht im Tunnel selbst, sondern hinter dem Tunnelausgang auf der Rampe, die in das Festivalgelände hineinführt. Schmeling vom Polizeipräsidium sagte: "14 sind von einer Metalltreppe an der westlichen Seite des Zugangs gestürzt, zwei sind an einer Plakatwand am Aufgang zum Gelände ums Leben gekommen. Die anderen verstarben im Krankenhaus."

Die Debatte vor dem Chaos

Auf der Rampe sei es zu Unfällen durch Gäste gekommen, die "das Gelände nicht über die Wege, sondern über Container und Masten erreichen wollten", so Schmeling weiter. Und: "Mein persönlicher Eindruck bestätigt eine Massenpanik nicht." Die Polizei habe "ihr Möglichstes getan" und "den ganzen Tag den Zugang aktiv begleitet". "Wenn der Druck an der Rampe zu groß war, wurde reagiert", so Schmeling. "Wir haben verschiedentlich gesperrt."

Der Polizeichef sieht offenbar keine Fehler bei der Reaktion der Polizei auf den Ansturm der Menschenmassen oder will sie jedenfalls nicht einräumen, solange die Ermittlungen laufen. "Was ich nicht bestätigen kann, ist, dass es zu diesem Zeitpunkt des Unglücks so großen Druck auf den Tunnel gegeben hat, dass es zu diesem Unglück kommen musste", sagte Schmeling. "Nach meinen Informationen gab es zu diesem Zeitpunkt Bewegungsmöglichkeiten auch noch auf der Rampe." Schmeling bestätigte, dass um 16 Uhr (vor dem Unglück) der Tunnel der "einzige Zu- und Abgang vom Gelände war". Später, nach dem Unglück, wurde offenbar eine zweite Rampe geöffnet, um den Druck auf den ersten Zugang zu senken.

Kein Antwort gab es darauf, warum die Teilnehmer das Gelände so lange nur auf einem einzigen Weg betreten oder auch wieder verlassen konnten - nämlich durch den bald verstopften Tunnel.

  • War das Sicherheitskonzept ein Fehlschlag?

Organisator Rainer Schaller unterstrich die angebliche Einigkeit bei allen Beteiligten: "Es gab ein Sicherheitskonzept, das gemeinsam mit der Stadt und der Polizei aufgestellt wurde und an dem es keine Bedenken gegeben hat." Die Maßnahmen seien geeignet gewesen, "um diese Menschenmassen aufzunehmen". Man habe ja gesehen, dass "nach dem Unglück sehr zügig und reibungslos geräumt werden konnte".

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade

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Oberbürgermeister Sauerland gab ausdrücklich keine Auskunft darüber, in welcher Form im Vorfeld der Love Parade über Bedenken wegen des Sicherheitskonzepts diskutiert worden sei. Er betonte ebenfalls, das Konzept habe "gewährleistet, dass im Anschluss an die Massenpanik keine weiteren Toten zu beklagen sind". Polizeipräsident Schmeling sagt, mehr als 4000 Beamte seien "über die Veranstaltungstage hinweg" im Einsatz (demnach aber nicht alle zur gleichen Zeit).

Ganz so groß, wie es auf der Pressekonferenz klingen sollte, scheint die Einigkeit über das Sicherheitskonzept indes nicht gewesen zu sein. Im Gegenteil: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen gab es nicht nur zahlreiche Fragen nach Schwächen des Konzeptes, sondern auch sehr konkrete Hinweise und Bedenken. Die Polizei warnte vor den Risiken der Millionenparty, scheiterte aber mit einem umfassenderen Sicherheitskonzept. Insbesondere wollten Experten der Polizei und Feuerwehr die "Nadelöhr-Situation" vermeiden und die Teilnehmer "großflächiger" anreisen lassen, konnten sich aber nicht durchsetzen.

Zeugen im Wortlaut