Love-Parade-Tragödie Polizei scheiterte mit Gegen-Sicherheitskonzept

Die Katastrophe bei der Love Parade provoziert schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter und die Stadt. Die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet, prüft die Genehmigungsunterlagen - nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen warnte die Polizei vor der Millionenparty, scheiterte aber mit einem umfassenden Sicherheitskonzept.
Love-Parade-Tragödie: Polizei scheiterte mit Gegen-Sicherheitskonzept

Love-Parade-Tragödie: Polizei scheiterte mit Gegen-Sicherheitskonzept

Foto: Hermann J. Knippertz/ APN

Duisburg - Wie riskant war das Sicherheitskonzept für die Love Parade? Polizei und Feuerwehr in Duisburg hatten nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen eine eigene, weiterreichende Planung für die Millionenparty entwickelt - mit der sie sich allerdings in der Stadt nicht durchgesetzt haben.

Nach Angaben aus der Duisburger Polizeiführung wollten die Experten die Teilnehmer "großflächiger" anreisen lassen und unbedingt verhindern, dass es zu einer Nadelöhrsituation kommen kann. Der Plan hätte einen weitaus größeren Personaleinsatz erfordert und sei von der Stadtverwaltung schließlich verworfen worden. Tatsächlich bildete sich dann an diesem Samstag ein Nadelöhr, mit fatalen Folgen - in einem langen Tunnel, der zu dem Festivalgelände am Alten Güterbahnhof führte, steckten viele Teilnehmer fest. Jugendliche überrannten ein Gitter, stürmten eine ungesicherte Treppe und auf einen Mast, einige stürzten ab. Daraufhin brach nach Angaben der Polizei die Massenpanik aus, in der 19 Menschen zwischen 20 und 40 Jahren starben und mehr als 300 verletzt wurden.

Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft und der Polizei haben am Sonntagmorgen die Planungsunterlagen für die Techno-Party beschlagnahmt. Man habe die Akten übergeben, sagte der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) bei einer Pressekonferenz im Duisburger Rathaus. Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe sagte, sein ganzes Dezernat wolle "lückenlose Untersuchungen". Es liegen Strafanzeigen vor, laut der "Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung" unter anderem von einem Feuerwehrmann, der genau vor der Gefahrenstelle gewarnt hat, an der das Unglück passiert ist.

Veranstalter gibt Ende der Love Parade bekannt

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) teilte mit, dass die Sicherheitskräfte massive Vorbehalte hatten. Das Gelände der Love Parade sei viel zu klein gewesen, sagte Vizelandeschef Wolfgang Orscheschek. Die Menschen seien "Opfer materieller Interessen" geworden. Die Stadt sei bei der Planung der Love Parade vom Veranstalter so in die Enge getrieben worden, dass sie trotz "eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich" nur habe Ja sagen können.

Die Debatte vor dem Chaos

Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der DPolG, Erich Rettinghaus, rief dazu auf, das Unglück eingehend zu untersuchen und vor allem das Sicherheitskonzept zu prüfen. "Im Vorfeld der Love Parade haben Polizei und Feuerwehr Vorbehalte geäußert. Bereits vor einem Jahr gab es Stimmen, dass der Veranstaltungsort eigentlich ungeeignet sei", so Rettinghaus. Eine derartige Großveranstaltung könne nur auf weitläufigen Flächen mit offenen und großen Reservebereichen ausgerichtet werden. Das sei nicht der Fall gewesen. "Letztlich aber darf die Sicherheit nie zu Gunsten des Kommerzes auf der Strecke bleiben."

Ähnlich äußerte sich Love-Parade-Gründer Dr. Motte, der mit der Party in Duisburg nichts zu tun hat: "Die Veranstalter sind schuld", sagte er dem "Berliner Kurier". Es sei ein Skandal, die Menschen nur durch einen einzigen Zugang auf das Gelände am alten Güterbahnhof zu lassen. "Da ging es doch nur ums Geldmachen. Die Veranstalter haben nicht das geringste Verantwortungsgefühl für die Menschen gezeigt."

Tatsächlich wurde im Ruhrgebiet wurde schon lange vor der Love Parade über die Planungen diskutiert (siehe Kasten oben). Die Zugänge galten als viel zu eng, ein Kommentator auf DerWesten.de sagte voraus: "Ich fasse es nicht! Ich sehe schon Tote."

Bei der Pressekonferenz im Rathaus drückte Rainer Schaller sein Beileid aus. Er ist sowohl Organisator der Love Parade als auch Geschäftsführer der McFit-Kette, des Hauptsponsors. "Wir werden alles unternehmen, um die schnelle und lückenlose Aufklärung dieser Tragödie zu unternehmen", sagte er - und verkündete dann das Aus für die Love Parade angesichts der Tragödie. Zu Details sagte er nur, die Stadt habe keine Bedenken gesehen. Außerdem sei das Gelände in Duisburg größer gewesen als das in Dortmund.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade

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Auf Fragen, wieso der Eingang zu dem Gelände gut eine Stunde lang gesperrt war, so dass es zu dem Stau in dem Tunnel kam, antworteten die Verantwortlichen bei der Pressekonferenz, das müsse im Detail in den weiteren Verfahren geklärt werden. Duisburgs Polizeipräsident Detlef von Schmeling sagte, man habe "verschiedentlich gesperrt" an einzelnen Stellen. Nach seinem jetzigen Wissensstand habe es aber während der Panik Bewegungsmöglichkeiten auch auf der Rampe vom Tunnel auf das Gelände gegeben. Nach der Klarheit über die Panik habe man eine zweite Eingangsrampe aufgemacht.

Sicherheitsforscher verteidigt sein Konzept: "Das Werk von Einzelnen"

Das endgültige Sicherheitskonzept hat der Duisburger Panikforscher Michael Schreckenberg mitverantwortet. Er verteidigte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Planung. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, sagte der Professor für Physik von Transport und Verkehr, der mit seinem Kollegen Kai Nagel als einer der Pioniere der Stauforschung gilt. Mit stürzenden Menschen hätten die Organisatoren nicht rechnen können: "Das ist das Werk von Einzelnen." So etwas könne man nicht vorhersehen. "Das ist ein tragisches Unglück, dagegen kann man sich bei einer Masse nicht wappnen."

Ähnlich verteidigte sich noch am Samstagabend der Oberbürgermeister Sauerland (CDU). Die Ermittlungen der Polizei müssten nun "den genauen Ereignishergang zutage fördern", sagte er. Die Stadt habe aber "im Vorfeld mit dem Veranstalter und allen beteiligten Partnern ein stichhaltiges Sicherheitskonzept ausgearbeitet": "Wenn Sie jetzt hören, was wohl die Ursachen sind, dann lag es nicht am Sicherheitskonzept, was nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen."

"Man kann bei der Love Parade nicht auf die Vernunft der Teilnehmer vertrauen", sagte dagegen ein erfahrener Polizist SPIEGEL ONLINE. "Das funktioniert nicht." Seinen Angaben zufolge wurde die Massenveranstaltung auch erst vor wenigen Tagen, am 21. Juli, von der Stadt abschließend genehmigt - "und das auf knappen zwei Seiten, wo doch sonst für jedes Straßenfest locker das Fünffache an Papier vollgeschrieben wird." Das Vorgehen der Behörden erscheine ihm daher "suspekt", sagte der Beamte. Ein hochrangiger Kriminalpolizist aus Duisburg hat den Eindruck, die Stadt habe die Veranstaltung "aller Sicherheitsbedenken zum Trotz" durchgeboxt. "Man wollte sich damit unbedingt schmücken. Doch es ist eine Tragödie geworden. Ein Schandfleck."

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Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach

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Beteiligte Polizisten bestätigten SPIEGEL ONLINE inzwischen, dass das Chaos nach den Stürzen ausbrach. Als das Veranstaltungsgelände wegen Überfüllung gesperrt wurde, hätten zahlreiche Technofans versucht, Bauzäune niederzureißen und über eine schmale Treppe in den Bereich des ehemaligen Güterbahnhofs vorzudringen: "Die Stimmung war explosiv. Viele schienen berauscht zu sein", sagte ein Beamter. Plötzlich seien einige Raver in die Tiefe gestürzt. Eine Bundespolizistin sagte, danach sei in dem Tunnel eine heftige Panik ausgebrochen. Die Raver seien schon vorher hoch aggressiv gewesen und hätten sich untereinander Schlägereien geliefert. "Als dann noch Menschen die Treppe herunterfielen und teilweise andere mitrissen, war nur noch Chaos." Angst, Entsetzen, rücksichtsloses Rennen, Schubsen, Drängeln - "die waren nicht mehr zu bändigen". Rettungskräfte und Polizisten hätten lange gebraucht, um sich überhaupt zur Unglücksstelle durchzukämpfen. "Es war die Hölle."

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war die Einsatzleitung der Polizei stets davon ausgegangen, dass höchstens 500.000 Raver auf dem 230.000 Quadratmeter großen Partygelände würden feiern können. Dass in einer solch dicht besiedelten Region wie dem Ruhrgebiet aber deutlich mehr Menschen zur Love Parade kommen würden, schien absehbar. Zuletzt feierten schließlich 2008 in Dortmund 1,6 Millionen Teilnehmer, und auch diesmal waren es nach ersten Angaben 1,4 Millionen Menschen - wobei die Polizei die Zahl für zu hoch gegriffen hält. Polizeipräsident von Schmeling sagte, die einzige belastbare Zahl sei die der Bahnreisenden, und hier gehe man von 105.000 aus. Dem steht allerdings schon die inzwischen bestätigte Zahl von 570.000 Anrufen bei der Notfall-Hotline in der Nacht gegenüber.

Zeugen im Wortlaut

Mitarbeit: Christoph Seidler, plö, mit Material von dpa
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