Love-Parade-Unglück Kein Rücktritt, nirgends

20 Tote und 500 Verletzte gab es bei der Love Parade, doch niemand will die Verantwortung für die Katastrophe tragen. Immer noch trotzt Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland den zahlreichen Rücktrittsforderungen - und den Strafanzeigen gegen ihn.

AFP

Von , Duisburg


Adolf Sauerland, Oberbürgermeister von Duisburg, stellte sich nicht persönlich den vielen Fragen, die Bürger und Journalisten derzeit gerne an ihn richteten. Er verbreitete stattdessen am Montagnachmittag eine persönliche Erklärung, in der es heißt: Es sei "die Frage nach Verantwortung gestellt worden, auch nach meiner persönlichen. Ich werde mich dieser Frage stellen. Doch heute und in den nächsten Tagen muss es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten und die vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen."

Er habe die Verwaltung um die Beantwortung dringlicher Fragen gebeten. "Wir werden unsere Erkenntnisse unverzüglich der Staatsanwaltschaft mitteilen und diese darüber hinaus uneingeschränkt in ihrer Arbeit unterstützen. Auch unsere eigene Rolle gilt es dabei zu beleuchten: Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat, dann werden wir Verantwortung übernehmen."

Sauerland wandte sich an die Angehörigen der Opfer: "Es tut mir unendlich leid. Ihr Schmerz ist nicht teilbar. Ich weiß, dass Sie von mir Antworten erwarten. Ich kann Ihnen diese heute nicht geben. Aber ich werde Ihnen diese geben, sobald sie vorliegen. Die Stadt trauert mit Ihnen, auch ich ganz persönlich. Ich bin in Gedanken bei Ihnen."

Mehr als 500 Verletzte

Gleichzeitig wird klar: Die Tragödie von Duisburg ist noch größer als vermutet. Der Leitende Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp korrigierte SPIEGEL ONLINE gegenüber die Anzahl der Verletzten auf 511, 43 davon seien noch in stationärer Behandlung, eine Person schwebe erneut in Lebensgefahr. 19 Menschen waren bei der Love Parade am Samstag gestorben, am Montagabend erlag eine Frau im Krankenhaus ihren Verletzungen - das 20. Opfer.

Die Frage ist: Wer hat Schuld, dass die Techno-Party so eskalierte?

Mit ihrem verheerenden Auftritt bei einer Pressekonferenz am Sonntag im Duisburger Rathaus haben die Protagonisten gezeigt, wie schwer es ihnen immer noch fällt, die Verantwortung für das Love-Parade-Desaster zu übernehmen. Der Veranstalter Rainer Schaller verkündete das Ende der Partys. Zu mehr konnte er sich nicht durchringen.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade

Einen Polizeipräsidenten hat Duisburg zurzeit nicht, den Job macht vertretungsweise Detlef von Schmeling, Verwaltungschef der Behörde. Doch seine Performance am Sonntag empfiehlt ihn wohl nicht für eine Beförderung. Und Ordnungsamtsleiter Wolfgang Rabe betonte, er sei nicht mehr Leiter des Krisenstabes, weil es den nicht mehr gebe. Kein Rücktritt, nirgends.

Sauerland allerdings könnte - und müsste - nach solch einer Tragödie sein Amt aufgeben. Dieser Schritt werde vorbereitet, heißt es aus der lokalen Kommunalverwaltung und seinem Umfeld. Bis dahin wimmelt Sauerland weiter alle Anfragen ab, versteckt sich hinter zwei breitschultrigen Leibwächtern und länglichen Pressemitteilungen.

Die Chefin der nordrhein-westfälischen Grünen, Monika Düker, fordert nun als erste Politikerin den Rücktritt des Oberbürgermeisters. Sie sagte SPIEGEL ONLINE: "Sauerland hätte so viel Gespür aufbringen sollen, dass er zurücktritt." Er trage als Chef der "Genehmigungsbehörde die politische Verantwortung für ein Konzept, das nicht aufgegangen ist".

Die Kritik an Sauerlands Verhalten wächst im Ruhrgebiet. "Wir rechnen mit jeder Menge Strafanzeigen", sagte Ramon van der Maat von der Polizei Duisburg. Bislang seien zwei eingegangen.

Eine davon stammt vom ehemaligen Polizeipräsidenten Bochums, Thomas Wenner. Bereits am Sonntagmorgen erstattete er Anzeige gegen den Politiker, die leitenden Beamten der Stadt und die Veranstalter. "Sauerland ist der Hauptverantwortliche für diese Tragödie. Als Stadtoberhaupt war es seine Aufgabe, diese Veranstaltung unter solchen Bedingungen zu verhindern", sagte Wenner SPIEGEL ONLINE.

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Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach

Wenner, im Oktober 2009 auf Betreiben des ehemaligen FDP-Innenministers Wolf in den Ruhestand versetzt, hatte im vergangenen Jahr als Polizeipräsident in Bochum die dort geplante Love Parade abgesagt. Er wollte verhindern, was nun in Duisburg geschehen ist. Er wollte "die Sicherheit nicht auf dem Altar der Spaßgesellschaft opfern."

Wenner hatte seine Entscheidung im Januar 2009 in einem offenen Brief begründet und die Befürworter der Parade scharf kritisiert. Darin hieß es: "Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhr als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die als Amtsträger für die Folgen ihres Handelns persönlich haften? Die mit ihrem Tun die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten haben?"

Der Beamte wies damals auf die "Enge des Veranstaltungsraums und die Disfunktionalität der Zu- und Abfahrtsströme" hin. Bereits bei der Love Parade am 19. Juli 2008 in Dortmund - Oberbürgermeister Gerhard Langenmeyer verkündete damals die Rekordzahl von 1,6 Millionen Teilnehmern - hatte es heikle Situationen gegeben.

"Ich fiel runter"

Die Rheinländerin Jenny H., 28, tanzte seinerzeit schon auf der Techno-Party in Dortmund und sie tanzte auch jetzt wieder in Duisburg. "Damals war's vor allem am Bahnhof echt brenzlig." Was sie am Samstag jedoch auf dem Gelände in Duisburg erlebt hat, hat ihre größten Ängste wahr werden lassen.

"Mich hat ein Typ vor dieser winzigen Treppe kreischen hören und mich nach oben gehievt, aber er konnte mich nicht halten. Fremde haben mich von unten hochgeschubst, dann ließ der Typ los, ich fiel runter. Beim zweiten Mal hat es dann geklappt." Jennys Freundin allerdings liegt immer noch im Krankenhaus. Sie brach sich ein Bein und mehrere Rippen.

Im Nachhinein fragt sich jeder, wie für die Love Parade in Duisburg bloß ein einziger Zugang genehmigt werden konnte - und dann auch noch einer, der die Besucher zuvor durch einen Tunnel führte?

Bahnhof zu klein

Für Wenner und sein Team war bei der Planung einer Love Parade in Bochum klar, dass ihre Stadt sich dafür nicht eignet: Der Bahnhof ist zu klein, es gibt kein Gelände für eine entsprechende Großveranstaltung. Auch damals hatte man sich an den Besucherzahlen der Dortmunder Parade orientiert. "Selbst für 800.000 Menschen hätte Bochum die Sicherheit nicht gewährleisten können", so Wenner.

Der damalige Polizeipräsident hatte zudem darauf hingewiesen, dass ein Großteil des Publikums "erheblich unter Alkohol und Drogen" stehen würde - was eine Paniksituation unter so vielen Menschen auf engstem Raum auslösen könnte.

Fortan galt Wenner als "Verursacher der Absage". Er ertrug die Angriffe seiner Kritiker stoisch, auch weil sich die Stadt kompromisslos hinter seine Einwände gestellt hatte. "Druck hat mich nie beeindruckt", sagt Wenner. Wer "manifeste Sicherheitsbedenken" so wenig ernst nehme, obwohl sie offenkundig seien, solle sich "von Verantwortung fernhalten, statt auf die einzuprügeln, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich ihr stellen".

Seinen offenen Brief beendete er übrigens mit den Worten: "Überleben ist wichtiger."

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Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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