Love-Parade-Unglück Wie in Trance gegen den Tod kämpfen

Love-Parade-Helfer Buchholz: "Alle wollten auf die Treppe"
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Love-Parade-Helfer Buchholz: "Alle wollten auf die Treppe"

Von , Duisburg

2. Teil: Die Menschen wollen raus


Chaos ist ausgebrochen. Menschen klettern auf eine Traverse, andere hangeln sich über das Treppengeländer an der Wand hoch. Sie wollen raus aus der Enge, brauchen Platz, werden panisch.

Intuitiv greift der durchtrainierte Zivildienstleistende nach entkräfteten Besuchern, stemmt sie nach oben. Andere auf der Treppe langen hinab, ziehen die Personen hoch. Alexander sieht nicht, dass auf dem Boden Menschen bereits um ihr Leben kämpfen. Per Räuberleiter bugsiert er verzweifelte Techno-Fans nach oben, Frauen wie Männer. "Alle wollten auf die Treppe", sagt Alexander. Er selbst schließlich auch.

Der 20-Jährige wird an den Eingang des Tunnels gedrückt, mit Blick auf den mickrigen Aufgang, auf dem sich die Leute bereits stapeln.

Schlagartig schiebt sich die Masse auseinander. Wie es dazu kommt, weiß Alexander nicht mehr. Als er sich umschaut, sieht er Verletzte. Am Fuß der Treppe liegen Bewusstlose, manche atmen nicht mehr. Wer noch laufen kann, rennt weg. Wer in Sicherheit ist, schaut gelähmt auf das Schlachtfeld.

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Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach

Alexander hat zu Beginn seines Zivildienstes beim Deutschen Roten Kreuz im vergangenen Jahr einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren müssen. Er arbeitet im Fahrdienst und chauffiert Bedürftige. Bisher hat er das Gelernte nicht anwenden müssen. In der Ausnahmesituation ist es trotzdem abrufbar.

Alexander bringt Verletzte in die stabile Seitenlage. Gemeinsam mit einem Fremden versucht der 20-Jährige, einen Sterbenden zu reanimieren: Der andere beginnt mit der Herz-Rhythmus-Massage, zählt laut die 30 Anschläge. Alexander beatmet den Mann. Die beiden Ersthelfer kämpfen um das Leben des Unbekannten.

Irgendwann rennt ein Notarzt auf sie zu, schneidet dem Mann mit einer Schere das T-Shirt auf, und ruft Alexander und dem anderen Helfer zu: "Macht weiter!" Wie in Trance wiederholen sie die Wiederbelebungsmaßnahmen. In kurzen Abständen sieht der Notarzt nach, was sie tun. "Es fühlte sich trotzdem an, als sei der nur alle 30 Minuten vorbeigekommen."

Alexander hört keine Beats mehr, keine Befehle der Hilfskräfte. Er hört nur, wie der andere Helfer vor ihm von eins bis 30 zählt, dann kommt sein Einsatz.

Doch der Mann stirbt.

"Du kannst nichts dafür"

Alexander findet sich im Tunnel wieder. Wie er dahingekommen ist, weiß er nicht mehr. Wurde er getragen? "Kann sein." Wo war der andere Helfer? "Keine Ahnung." Ein Seelsorger spricht mit ihm. Worüber weiß Alexander nur noch bruchstückhaft. Sinngemäß habe der Betreuer gesagt: "Du kannst nichts dafür, du hast alles getan, was in deiner Macht steht." Die Worte hallen in Alexanders Ohr, sie klingen weit weg.

Jemand reicht ihm eine Flasche Wasser. Er trinkt, einen Großteil schüttet er sich über seine kurzen, blonden Haare. Neben ihm sitzt ein Junge, der seine Freundin verloren hat. Dieser schlägt um sich, brüllt herum, weint. Alexander hilft anderen, den Jungen festzuhalten.

Der Tunnel füllt sich mit Rettungskräften. Um Alexander herum liegen Tote. Er sieht, wie sie mit Tüchern abgedeckt werden. Wie Verletzte weggetragen werden. Die Bilder ziehen wie im Zeitraffer an ihm vorbei.

Immer wieder wird Alexander gefragt, ob es ihm gut gehe. Er steht auf, will nur noch heim. Nach 20 Metern lässt er sich wieder an der Tunnelwand herunterrutschen. Zwei uniformierte Polizisten, ein Mann und eine Frau, bringen Alexander schließlich zu Fuß ins Polizeipräsidium. Auf dem Weg dorthin müssen sie ihn stützen.

Auf der Wache wird der 20-Jährige von einer Ärztin untersucht. Auch sie fragt ihn mehrfach, ob es ihm gut gehe. Alexander ist froh, dass ihm nichts passiert ist, denkt an seine Freunde, an seine Eltern. Er will einfach nur noch weg hier.

Waschen, wieso waschen?

Ein Beamter nimmt seine Personalien auf. Auch er fragt, ob es Alexander gut gehe. Und ob er sich waschen wolle. Waschen, wieso waschen? Seine weiße Hose und sein weißes Oberteil sind voller Matsch, sein Gesicht, die Arme, die Hände staubig und braun vor Dreck. Zwei Beamte begleiten ihn zur Toilette.

Alexander wankt schließlich aus dem Präsidium. Er bittet einen Polizisten um eine Zigarette. Rauchend läuft er vor dem Gebäude im Kreis. Als eine Polizistin in der Ferne lacht, schnauzt er sie an, was es zu lachen gäbe. Alexander ist mit den Nerven am Ende.

In der Hosentasche brummt endlich sein Handy, das zwischenzeitlich zusammengebrochene Netz ist wieder aktiviert. Das Telefon zeigt zig Anrufe in Abwesenheit und Kurzmitteilungen an. Eine Freundin aus Mannheim, die sich um Alexander sorgt, ruft in diesem Moment an. Sie informiert schließlich die Eltern des 20-Jährigen, sie wollen ihren Sohn mit dem Auto abholen. Es ist 20.30 Uhr.

Endlich zu Hause

Eine Odyssee beginnt. Alexanders Eltern kommen nicht in die Stadt hinein, alles ist abgeriegelt, die Autobahnabfahrten für die Rettungswagen gesperrt. Alexander versucht, mit einem Taxi an die A3 zu gelangen, vier Mal muss er den Wagen wechseln, bis er eine Taxifahrerin findet, die ihn auf Schleichwegen an den Stadtrand bringt. Kurz nach 22 Uhr steigt er in das Auto seines Vaters.

Seither sind keine 48 Stunden vergangen. Am Tag nach der tödlichen Techno-Party hat Alexander einem Kumpel geholfen, das Dach auf dessen Werkstatt abzutragen. Sonst hat er viel mit seiner Familie und Freunden geredet, ferngesehen und Radio gehört. Außerdem spielt er Fußball, jobbt in einer Pizzeria, um sich ab Oktober sein Studium zu finanzieren. Alexander hat viel zu tun.

Gleich am Montag ist er früh um sieben zu seiner Arbeit beim Roten Kreuz. Ablenken sei die beste Therapie, hofft er. "Bis jetzt funktioniert es." Er will wissen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Eine psychologische Betreuung will er nicht. "Es geht mir gut, wirklich." Nur schlafen könne er seither nicht länger als vier Stunden am Stück. "Aber das geht vorbei."

Doch die Verdrängung klappt nur partiell. An den Mann, um dessen Leben er kämpfte, kann sich Alexander kaum erinnern. "Nur an seine Augen, an diesen total leeren Blick."

Zur Mahnwache im Tunnel will Alexander nicht gehen.

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Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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