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27. Juli 2010, 10:57 Uhr

Love-Parade-Unglück

Wie in Trance gegen den Tod kämpfen

Von , Duisburg

Tanzen, feiern, Spaß haben - das war der Plan. Der 20-jährige Alexander Buchholz fuhr voller Vorfreude zu seiner ersten Love Parade. Daraus wurde nichts, stattdessen: stolpern, straucheln - und verzweifelt versuchen, ein Leben zu retten. Protokoll eines Ausflugs, der zu einer Tragödie geriet.

Tief im Westen herrscht Trauer. Trotz Dunkelheit pilgern auch am zweiten Abend nach der katastrophalen Love Parade in Duisburg Hunderte in den Tunnel, an dessen Ende 20 Menschen den Tod fanden, an diesem Tag noch oder später, im Krankenhaus. Umgeben von einem Meer aus Kerzen, Blumen und Fotos tragen sie sich in ein Kondolenzbuch ein, verharren vor den wütenden Plakaten, die Trauernde an den staubigen Steinwänden befestigt haben.

Die internationale Techno-Feier sollte Glanz ins graue Ruhrgebiet bringen, Duisburgs triste Fassade aufpolieren. Alexander Buchholz wollte dabei sein. Endlich die elektronischen Beats live hören. Im Freien tanzen, feiern, lustig sein. Vor zwei Jahren hatte es nicht geklappt, dieses Mal aber hatten sich der angehende Student und seine Freunde fest verabredet, alles organisiert. Im Internet sahen sie sich einen Lageplan des Festivalgeländes an, heckten aus, wann es losgehen sollte. Die Party im Pott stand.

Samstagmorgen um zehn Uhr, Treffpunkt Hamm-Hauptbahnhof. Alexander trägt als einziger kurze Hosen, so weiß wie sein T-Shirt darüber. Die anderen, in ihren langen Jeans, beneiden ihn. Lachend zeigt Alexander zum knallblauen Himmel, die Sonne scheint. Er hat sich für das richtige Open-Air-Outfit entschieden, glaubt er. "Bei so einer Massenveranstaltung im Sommer schwitzt man leicht, erst recht, wenn man eng zusammen steht."

Die rund 20 jungen Leute haben sich den Regionalexpress um 10.55 Uhr ausgesucht, der Zug ist proppevoll, die Stimmung ausgelassen. "Das hat voll Spaß gemacht", sagt Alexander.

Die Bahn zuckelt vor sich hin, an jeder Station steigen weitere Techno-Fans ein. Die Fahrtzeit verzögert sich um eine knappe halbe Stunde. Um 12.30 Uhr kommt die Clique aus Hamm am Duisburger Hauptbahnhof an. Es ist voll auf dem Gleis, aber noch kann man den Weg selbst bestimmen. Die Gruppe sammelt sich an einer Bushaltestelle vor dem Gebäude.

Sie verlieren sich

Dann eine kurzfristige Planänderung. Die Freunde nehmen nicht den direkten Weg zum Alten Güterbahnhof. Sie lassen sich vom Strom der Masse treiben, verweilen an einzelnen Ständen. Einer verschwindet mal auf der Toilette, der andere holt Getränke. Die Freunde gehen auseinander, warten aufeinander, ziehen weiter.

Um 14 Uhr soll der Zug aus 15 Floats, so werden die Paradewagen genannt, starten. Spätestens dann will die Clique auf dem Festivalgelände sein, nahe an der Hauptbühne, die bekanntesten DJs der Szene sehen, zu ihrer Musik unter freiem Himmel tanzen. Haupt-Act der Love Parade ist David Guetta, er hat den "biggest music livestream ever" versprochen.

Die Gruppe aus Hamm ist in Bestlaune. Vor dem Tunnel müssen sie warten, nacheinander werden sie durch die Absperrung geschleust. Sie verlieren sich, getrennt gehen sie durch den Tunnel, der voller Besucher ist, aber noch wird nicht gedrängelt oder geschubst. Es ist 15.30 Uhr.

Als Alexander in der Mitte des Tunnels auf die Rampe abbiegt, ist er alleine. Seine Freunde sind außer Sichtweite. Der 20-Jährige klettert die verwilderte Böschung an der Seite hinauf, von hier kann er einen Großteil des Geländes überblicken. Vor ihm die Rampe, links der Tunnel, rechts die Hauptbühne in der Ferne. Von seinen Freunden weit und breit keine Spur. Die Aussicht umso beeindruckender. "Richtig schöne Ruhrpottatmosphäre war das", sagt Alexander. Er genießt das Panorama und die wummernden Bässe. Nur an den Beinen kratzen Brennnesseln und mit Dornen gespickte Sträucher.

Es ist 16.30 Uhr, immer mehr Menschen drängeln sich auf der Rampe. Alexander kraxelt dennoch wieder hinunter, um von dort auf das Veranstaltungsgelände zu gelangen. Als er unten ankommt, kleben die Besucher eng aneinander. "Das war wie eine Welle, es drückte von allen Seiten."

Alexander schafft es nicht nach rechts auf die Partyfläche, er wird zur gegenüberliegenden Mauer gedrängt. Nur mit Mühe kann er sich mit seinen Ellenbogen einen Radius zum Atmen schaffen. An die Wand gepresst spürt er den Druck der Masse, immer wieder muss er sich von dem rauen Stein abstützen, um sich nicht zu verletzen. Über ihm verläuft die winzige Treppe, an deren Aufgang später 16 Tote gefunden werden.

Die Menschen wollen raus

Chaos ist ausgebrochen. Menschen klettern auf eine Traverse, andere hangeln sich über das Treppengeländer an der Wand hoch. Sie wollen raus aus der Enge, brauchen Platz, werden panisch.

Intuitiv greift der durchtrainierte Zivildienstleistende nach entkräfteten Besuchern, stemmt sie nach oben. Andere auf der Treppe langen hinab, ziehen die Personen hoch. Alexander sieht nicht, dass auf dem Boden Menschen bereits um ihr Leben kämpfen. Per Räuberleiter bugsiert er verzweifelte Techno-Fans nach oben, Frauen wie Männer. "Alle wollten auf die Treppe", sagt Alexander. Er selbst schließlich auch.

Der 20-Jährige wird an den Eingang des Tunnels gedrückt, mit Blick auf den mickrigen Aufgang, auf dem sich die Leute bereits stapeln.

Schlagartig schiebt sich die Masse auseinander. Wie es dazu kommt, weiß Alexander nicht mehr. Als er sich umschaut, sieht er Verletzte. Am Fuß der Treppe liegen Bewusstlose, manche atmen nicht mehr. Wer noch laufen kann, rennt weg. Wer in Sicherheit ist, schaut gelähmt auf das Schlachtfeld.

Alexander hat zu Beginn seines Zivildienstes beim Deutschen Roten Kreuz im vergangenen Jahr einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren müssen. Er arbeitet im Fahrdienst und chauffiert Bedürftige. Bisher hat er das Gelernte nicht anwenden müssen. In der Ausnahmesituation ist es trotzdem abrufbar.

Alexander bringt Verletzte in die stabile Seitenlage. Gemeinsam mit einem Fremden versucht der 20-Jährige, einen Sterbenden zu reanimieren: Der andere beginnt mit der Herz-Rhythmus-Massage, zählt laut die 30 Anschläge. Alexander beatmet den Mann. Die beiden Ersthelfer kämpfen um das Leben des Unbekannten.

Irgendwann rennt ein Notarzt auf sie zu, schneidet dem Mann mit einer Schere das T-Shirt auf, und ruft Alexander und dem anderen Helfer zu: "Macht weiter!" Wie in Trance wiederholen sie die Wiederbelebungsmaßnahmen. In kurzen Abständen sieht der Notarzt nach, was sie tun. "Es fühlte sich trotzdem an, als sei der nur alle 30 Minuten vorbeigekommen."

Alexander hört keine Beats mehr, keine Befehle der Hilfskräfte. Er hört nur, wie der andere Helfer vor ihm von eins bis 30 zählt, dann kommt sein Einsatz.

Doch der Mann stirbt.

"Du kannst nichts dafür"

Alexander findet sich im Tunnel wieder. Wie er dahingekommen ist, weiß er nicht mehr. Wurde er getragen? "Kann sein." Wo war der andere Helfer? "Keine Ahnung." Ein Seelsorger spricht mit ihm. Worüber weiß Alexander nur noch bruchstückhaft. Sinngemäß habe der Betreuer gesagt: "Du kannst nichts dafür, du hast alles getan, was in deiner Macht steht." Die Worte hallen in Alexanders Ohr, sie klingen weit weg.

Jemand reicht ihm eine Flasche Wasser. Er trinkt, einen Großteil schüttet er sich über seine kurzen, blonden Haare. Neben ihm sitzt ein Junge, der seine Freundin verloren hat. Dieser schlägt um sich, brüllt herum, weint. Alexander hilft anderen, den Jungen festzuhalten.

Der Tunnel füllt sich mit Rettungskräften. Um Alexander herum liegen Tote. Er sieht, wie sie mit Tüchern abgedeckt werden. Wie Verletzte weggetragen werden. Die Bilder ziehen wie im Zeitraffer an ihm vorbei.

Immer wieder wird Alexander gefragt, ob es ihm gut gehe. Er steht auf, will nur noch heim. Nach 20 Metern lässt er sich wieder an der Tunnelwand herunterrutschen. Zwei uniformierte Polizisten, ein Mann und eine Frau, bringen Alexander schließlich zu Fuß ins Polizeipräsidium. Auf dem Weg dorthin müssen sie ihn stützen.

Auf der Wache wird der 20-Jährige von einer Ärztin untersucht. Auch sie fragt ihn mehrfach, ob es ihm gut gehe. Alexander ist froh, dass ihm nichts passiert ist, denkt an seine Freunde, an seine Eltern. Er will einfach nur noch weg hier.

Waschen, wieso waschen?

Ein Beamter nimmt seine Personalien auf. Auch er fragt, ob es Alexander gut gehe. Und ob er sich waschen wolle. Waschen, wieso waschen? Seine weiße Hose und sein weißes Oberteil sind voller Matsch, sein Gesicht, die Arme, die Hände staubig und braun vor Dreck. Zwei Beamte begleiten ihn zur Toilette.

Alexander wankt schließlich aus dem Präsidium. Er bittet einen Polizisten um eine Zigarette. Rauchend läuft er vor dem Gebäude im Kreis. Als eine Polizistin in der Ferne lacht, schnauzt er sie an, was es zu lachen gäbe. Alexander ist mit den Nerven am Ende.

In der Hosentasche brummt endlich sein Handy, das zwischenzeitlich zusammengebrochene Netz ist wieder aktiviert. Das Telefon zeigt zig Anrufe in Abwesenheit und Kurzmitteilungen an. Eine Freundin aus Mannheim, die sich um Alexander sorgt, ruft in diesem Moment an. Sie informiert schließlich die Eltern des 20-Jährigen, sie wollen ihren Sohn mit dem Auto abholen. Es ist 20.30 Uhr.

Endlich zu Hause

Eine Odyssee beginnt. Alexanders Eltern kommen nicht in die Stadt hinein, alles ist abgeriegelt, die Autobahnabfahrten für die Rettungswagen gesperrt. Alexander versucht, mit einem Taxi an die A3 zu gelangen, vier Mal muss er den Wagen wechseln, bis er eine Taxifahrerin findet, die ihn auf Schleichwegen an den Stadtrand bringt. Kurz nach 22 Uhr steigt er in das Auto seines Vaters.

Seither sind keine 48 Stunden vergangen. Am Tag nach der tödlichen Techno-Party hat Alexander einem Kumpel geholfen, das Dach auf dessen Werkstatt abzutragen. Sonst hat er viel mit seiner Familie und Freunden geredet, ferngesehen und Radio gehört. Außerdem spielt er Fußball, jobbt in einer Pizzeria, um sich ab Oktober sein Studium zu finanzieren. Alexander hat viel zu tun.

Gleich am Montag ist er früh um sieben zu seiner Arbeit beim Roten Kreuz. Ablenken sei die beste Therapie, hofft er. "Bis jetzt funktioniert es." Er will wissen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Eine psychologische Betreuung will er nicht. "Es geht mir gut, wirklich." Nur schlafen könne er seither nicht länger als vier Stunden am Stück. "Aber das geht vorbei."

Doch die Verdrängung klappt nur partiell. An den Mann, um dessen Leben er kämpfte, kann sich Alexander kaum erinnern. "Nur an seine Augen, an diesen total leeren Blick."

Zur Mahnwache im Tunnel will Alexander nicht gehen.

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