Love-Parade-Unglück Wie in Trance gegen den Tod kämpfen

Tanzen, feiern, Spaß haben - das war der Plan. Der 20-jährige Alexander Buchholz fuhr voller Vorfreude zu seiner ersten Love Parade. Daraus wurde nichts, stattdessen: stolpern, straucheln - und verzweifelt versuchen, ein Leben zu retten. Protokoll eines Ausflugs, der zu einer Tragödie geriet.

Love-Parade-Helfer Buchholz: "Alle wollten auf die Treppe"
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Love-Parade-Helfer Buchholz: "Alle wollten auf die Treppe"

Von , Duisburg


Tief im Westen herrscht Trauer. Trotz Dunkelheit pilgern auch am zweiten Abend nach der katastrophalen Love Parade in Duisburg Hunderte in den Tunnel, an dessen Ende 20 Menschen den Tod fanden, an diesem Tag noch oder später, im Krankenhaus. Umgeben von einem Meer aus Kerzen, Blumen und Fotos tragen sie sich in ein Kondolenzbuch ein, verharren vor den wütenden Plakaten, die Trauernde an den staubigen Steinwänden befestigt haben.

Die internationale Techno-Feier sollte Glanz ins graue Ruhrgebiet bringen, Duisburgs triste Fassade aufpolieren. Alexander Buchholz wollte dabei sein. Endlich die elektronischen Beats live hören. Im Freien tanzen, feiern, lustig sein. Vor zwei Jahren hatte es nicht geklappt, dieses Mal aber hatten sich der angehende Student und seine Freunde fest verabredet, alles organisiert. Im Internet sahen sie sich einen Lageplan des Festivalgeländes an, heckten aus, wann es losgehen sollte. Die Party im Pott stand.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade

Samstagmorgen um zehn Uhr, Treffpunkt Hamm-Hauptbahnhof. Alexander trägt als einziger kurze Hosen, so weiß wie sein T-Shirt darüber. Die anderen, in ihren langen Jeans, beneiden ihn. Lachend zeigt Alexander zum knallblauen Himmel, die Sonne scheint. Er hat sich für das richtige Open-Air-Outfit entschieden, glaubt er. "Bei so einer Massenveranstaltung im Sommer schwitzt man leicht, erst recht, wenn man eng zusammen steht."

Die rund 20 jungen Leute haben sich den Regionalexpress um 10.55 Uhr ausgesucht, der Zug ist proppevoll, die Stimmung ausgelassen. "Das hat voll Spaß gemacht", sagt Alexander.

Die Bahn zuckelt vor sich hin, an jeder Station steigen weitere Techno-Fans ein. Die Fahrtzeit verzögert sich um eine knappe halbe Stunde. Um 12.30 Uhr kommt die Clique aus Hamm am Duisburger Hauptbahnhof an. Es ist voll auf dem Gleis, aber noch kann man den Weg selbst bestimmen. Die Gruppe sammelt sich an einer Bushaltestelle vor dem Gebäude.

Sie verlieren sich

Dann eine kurzfristige Planänderung. Die Freunde nehmen nicht den direkten Weg zum Alten Güterbahnhof. Sie lassen sich vom Strom der Masse treiben, verweilen an einzelnen Ständen. Einer verschwindet mal auf der Toilette, der andere holt Getränke. Die Freunde gehen auseinander, warten aufeinander, ziehen weiter.

Um 14 Uhr soll der Zug aus 15 Floats, so werden die Paradewagen genannt, starten. Spätestens dann will die Clique auf dem Festivalgelände sein, nahe an der Hauptbühne, die bekanntesten DJs der Szene sehen, zu ihrer Musik unter freiem Himmel tanzen. Haupt-Act der Love Parade ist David Guetta, er hat den "biggest music livestream ever" versprochen.

Die Gruppe aus Hamm ist in Bestlaune. Vor dem Tunnel müssen sie warten, nacheinander werden sie durch die Absperrung geschleust. Sie verlieren sich, getrennt gehen sie durch den Tunnel, der voller Besucher ist, aber noch wird nicht gedrängelt oder geschubst. Es ist 15.30 Uhr.

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Pressekonferenz zur Love Parade: Viele Fragen, kaum Antworten

Als Alexander in der Mitte des Tunnels auf die Rampe abbiegt, ist er alleine. Seine Freunde sind außer Sichtweite. Der 20-Jährige klettert die verwilderte Böschung an der Seite hinauf, von hier kann er einen Großteil des Geländes überblicken. Vor ihm die Rampe, links der Tunnel, rechts die Hauptbühne in der Ferne. Von seinen Freunden weit und breit keine Spur. Die Aussicht umso beeindruckender. "Richtig schöne Ruhrpottatmosphäre war das", sagt Alexander. Er genießt das Panorama und die wummernden Bässe. Nur an den Beinen kratzen Brennnesseln und mit Dornen gespickte Sträucher.

Es ist 16.30 Uhr, immer mehr Menschen drängeln sich auf der Rampe. Alexander kraxelt dennoch wieder hinunter, um von dort auf das Veranstaltungsgelände zu gelangen. Als er unten ankommt, kleben die Besucher eng aneinander. "Das war wie eine Welle, es drückte von allen Seiten."

Alexander schafft es nicht nach rechts auf die Partyfläche, er wird zur gegenüberliegenden Mauer gedrängt. Nur mit Mühe kann er sich mit seinen Ellenbogen einen Radius zum Atmen schaffen. An die Wand gepresst spürt er den Druck der Masse, immer wieder muss er sich von dem rauen Stein abstützen, um sich nicht zu verletzen. Über ihm verläuft die winzige Treppe, an deren Aufgang später 16 Tote gefunden werden.

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Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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