Munitionsreste auf früheren Militärflächen "Eine flächendeckende Räumung ist nicht vorgesehen"

In Mecklenburg-Vorpommern stehen mehr als Tausend Hektar Wald in Flammen, die Munition im Erdreich macht die Löscharbeiten schwierig. Karsten Pfaue von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben erklärt, warum die Kampfmittel noch immer im Boden sind.

Feldjäger-Einheiten der Bundeswehr trainieren 2009 auf dem Truppenübungsplatz Lübtheen
Jens Büttner/ DPA

Feldjäger-Einheiten der Bundeswehr trainieren 2009 auf dem Truppenübungsplatz Lübtheen


Seit Tagen kämpfen Einsatzkräfte auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Mecklenburg-Vorpommern gegen einen Waldbrand. Die Lage ist angespannt - auch weil Munitionsreste im Boden die Löscharbeiten erschweren.

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge hat sich der Brand inzwischen auf eine Fläche von rund 1200 Hektar deutlich ausgedehnt. Mehr als 3000 Einsatzkräfte sind an den Löscharbeiten beteiligt.

Erst vor wenigen Jahren wurde der Truppenübungsplatz geschlossen. Laut Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) ergaben Tests auf dem Gelände eine Belastung mit "45 Tonnen Munition". Demnach sollen darauf nicht nur Munition und Granaten von Manövern, sondern auch große Mengen Sprengmittel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs liegen.

Heute gehört das Gebiet der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Karsten Pfaue, Fachgebietsleiter für das Problemflächenmanagement des Geschäftsbereichs Bundesforst bei der Bima, erklärt, warum die militärische Vergangenheit des Areals die Löscharbeiten beeinflusst.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pfaue, auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen kämpfen Einsatzkräfte gegen den größten Waldbrand in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns. Was macht die Löscharbeiten besonders schwierig? Was macht dieses Gebiet so gefährlich?

Pfaue: Der ehemalige Truppenübungsplatz ist besonders mit Munition belastet, weil er in den vergangenen Jahrzehnten von verschiedenen Streitkräften genutzt wurde: Während des Nationalsozialismus nutzte die Wehrmacht das Gelände als Erprobungsschießbahn. Zudem befand sich auf dem Gelände das Munitionshauptlager der deutschen Marine, das nach dem Zweiten Weltkrieg von den sowjetischen Streitkräften gesprengt wurde. Anschließend fand auf dem Areal bis zur Wende der Übungsbetrieb der Nationalen Volksarmee statt. Zuletzt nutzte die Bundeswehr den Platz. Auch aus dieser Zeit kann noch Munition vorhanden sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Rote Armee das Marine-Munitionshauptlager sprengte, warum geht von den Explosionsstoffen trotzdem noch eine Gefahr aus?

Pfaue: Die sowjetischen Streitkräfte sprengten die Munition damals unsachgemäß. Dadurch wurden nicht alle Kampfmittel restlos zur Detonation gebracht. Vielmehr verteilten sie sich im Erdreich des Areals. Nach dem Krieg wurden die munitionsbelasteten Flächen wieder vollständig bewaldet. Darunter liegen nun - in unterschiedlichen Tiefen - die Kampfmittel und Kampfmittelreste.

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Waldbrand in Mecklenburg: Einsatzkräfte wollen "von der Verteidigung zum Angriff übergehen"

SPIEGEL ONLINE: Warum wurde das Gebiet nach dem Krieg nicht geräumt?

Pfaue: Der Truppenübungsplatz war bis 2013 militärisches Sperrgebiet. Die Nationale Volksarmee und die Bundeswehr nutzten das Areal zum Scharfschießen, sodass keine flächenhafte Räumung notwendig war.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte mit dem Gebiet nach der Nutzung durch die Bundeswehr?

Pfaue: Nicht mehr benötigte Truppenübungsplätze werden an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) zurückgegeben. Als Eigentümerin ist es ihre Aufgabe, das Areal hinsichtlich möglicher Risiken systematisch zu erfassen und alle nötigen Maßnahmen einzuleiten, um Gefahren, die von dem Gelände ausgehen, abzubauen.

Die Aufnahme eines Satelliten zeigt das Feuer auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz
ESA/ DPA

Die Aufnahme eines Satelliten zeigt das Feuer auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das im Fall des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Lübtheen?

Pfaue: Die Bima bearbeitet die Fläche entsprechend den Vorgaben zur Kampfmittelräumung des Bundes. Dazu gehört es bislang, die Nutzungsgeschichte zu rekonstruieren, sichere Wege auszuweisen und das alte Marine-Artillerie-Arsenal technisch zu erkunden. Zudem hat die Bima damit begonnen, Brandschutzstreifen in der Nähe von Ortschaften anzulegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert es, bis Kampfmittelräumfirmen ein Gelände wie dieses von Munition befreit haben?

Pfaue: Die Dauer eines Einsatzes variiert je nach Größe des Gebiets, der Belastungssituation im Boden und der Nutzungsart von Areal zu Areal. In Waldgebieten fokussiert sich die Kampfmittelräumung überwiegend auf die vorhandene Infrastruktur.

Im Video: Waldbrand nahe Lübtheen - Weitere Ortschaft evakuiert

Jens Büttner/ DPA

SPIEGEL ONLINE: Warum wurden die Munitionsreste im Waldgebiet nicht vor der Rückgabe an die Bima entfernt?

Pfaue: Bevor ein militärischer Nutzer die Flächen an die Bima zurückgibt, muss er akute Gefahrenstellen beseitigen - soweit diese auf frei zugänglichen Stellen erkennbar sind. Weil das Areal zeitnah wieder zivil genutzt werden soll, findet vor der Rückgabe keine flächendeckende Kampfmittelräumung statt. Somit kann auch noch nach der Aufgabe der militärischen Nutzung für ein Areal eine Betretungsbeschränkung - wie bei Truppenübungsplätzen - bestehen. Darüber entscheidet die für Gefahrenabwehr zuständige Behörde, üblicherweise das Ordnungsamt bei der Gemeinde oder der Landkreis als Kreisordnungsbehörde. Nur sie darf durch behördliche Anordnungen das Betreten von Natur und Landschaft beschränken.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gründe sprechen denn gegen eine Räumung?

Pfaue: Eine flächendeckende Kampfmittelräumung ist unter anderem aus Gründen der Verhältnismäßigkeit, den technischen und personellen Möglichkeiten, des Naturschutzes und der Landschaftspflege nicht vorgesehen. Und es ist auch eine Frage der finanziellen Mittel.

sen/one

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