Demonstration in Lützerath Die Schlammschlacht im Rheinischen Revier

Als von Lützerath nicht mehr viel übrig ist, kommt doch noch der Knall: Die Polizei verhindert nur mit massiven Kräften, Wasserwerfern und Schlagstöcken, dass Demonstranten die Dorfruine erreichen. Rückblick auf den Protesttag.
Polizisten schützen den Zaun um die Reste von Lützerath und setzen Wasserwerfer ein

Polizisten schützen den Zaun um die Reste von Lützerath und setzen Wasserwerfer ein

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Wer in den letzten Tagen in Lützerath dabei war, dem kleinen Weiler, der zum Symbol für die Klimakrise wurde, weil ihn Aktivisten besetzten und den die Polizei dann unter Aufbietung einer kompletten Leistungsschau möglicher Polizeieinheiten räumen wollte, der war überrascht: Die große Eskalation, die von vielen erwartet worden war – das NRW-Innenministerium hatte im Vorfeld von einem wochenlangen Einsatz gesprochen, es wurde von Fallen gemunkelt und Extremisten –, sie fand in den ersten drei Tagen de facto nicht statt. Erst am Samstag wurde das, was zuvor mehr Schlamm als Schlacht war zu finalen Schlammschlacht um Lützerath: Es kam zu erheblichen Ausschreitungen, als laut Polizeiangaben gut tausend Demonstranten versuchten, Polizeisperren zu durchbrechen, um Lützerath doch noch zu erreichen.

DER SPIEGEL

Dabei hatte der Tag begonnen wie die letzten in Lützerath, es war friedlich und wettermäßig eher ungemütlich. Was für viele kein Hindernis sein sollte, sich aufzumachen zu dem aufgeweichten Boden der Region, dem sogenannten Rheinischen Revier. Katharina Schmied und Christian Schuster zum Beispiel setzten sich um 5.30 Uhr in Stuttgart in den Zug, um zur Demo zu kommen, für die deutschlandweit mobilisiert worden war. »Der Zug aus Düsseldorf war extrem voll mit Demoteilnehmern, das erinnerte an Zeiten des 9-Euro-Tickets«, sagten sie einem SPIEGEL-Reporter vor Ort. Wie viele Menschen vor Ort waren, ist unklar, die Klimaaktivisten sprechen von 35.000 Menschen, die Polizei am frühen Abend von etwa 10.000, später von 15.000 Menschen.

Zentrum der Demonstration sollte eine Bühne sein, hier trat später auch Klimaikone Greta Thunberg auf, die dem SPIEGEL vorab in einem Interview sagte, dass die »internationale Klimabewegung« sehr genau auf das schaue, was aktuell in und um Lützerath herum geschieht und sich »darüber austauscht. Die Aktionen hier haben etwas ausgelöst.«

Klar war bereits in den vergangenen Tagen, dass Demonstranten versuchen würden, nach Lützerath und in den Tagebau Garzweiler zu gelangen. Das war in den entsprechenden Kreisen angekündigt worden und so sollte es kommen, bereits am frühen Nachmittag machten sich laut Polizeiangaben rund tausend Demonstrationsteilnehmer auf den Weg zu dem Weiler. Und zur Abbruchkante des Tagebaus. Die Polizei und der Kreis Heinsberg warnten vor der »absoluten Lebensgefahr« an diesem Ort, aufhalten ließen sich die Demonstranten dort nicht, einige drangen in den Tagebau ein.

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Proteste in Lützerath: Der Showdown am Samstag

Foto: Federico Gambarini / dpa

Lützerath selbst liegt in unmittelbarer Nähe zu der Abbruchkante, es war in den vergangenen Tagen mit einem Doppelzaun umgeben worden, vor ihm Polizeifahrzeuge, dahinter Wasserwerfer und Sicherheitsmitarbeiter von RWE. Man sei, hatte es im Vorfeld aus Polizeikreisen geheißen, auf Durchbruchsversuche vorbereitet. Die Demonstranten mit dem Ziel Lützerath liefen auf die Polizei zu, SPIEGEL-Reporter vor Ort sahen, wie sie die ersten Polizeiketten durchbrachen. Pfefferspray wurde eingesetzt, Schlagstöcke. Die Reiterstaffeln, die man in Lützerath in den vergangenen Tagen nur gesehen hatte, wenn die Tiere bewegt wurden, kamen zum Einsatz, später auch die Wasserwerfer, als die Demonstranten es bis kurz vor die Zäune von Lützerath geschafft hatten.

Zahl der Verletzten am Samstagabend noch unklar

Wie viele Menschen verletzt wurden, blieb am Abend zunächst unklar. In den sozialen Medien wurden Bilder von blutenden Menschen gezeigt, es war die Rede von Nasenbeinbrüchen und Platzwunden. Die Polizei selbst konnte gegen 19.30 Uhr auf Nachfrage noch keine konkreten Zahlen nennen. Die Beamten seien erheblich unter Druck gesetzt, mehrere Fahrzeuge beschädigt, die Reifen zerstochen worden.

Mit der einsetzenden Dunkelheit schien sich die Situation in Lützerath dann zu beruhigen, viele Demonstrationsteilnehmer machten sich auf den Rückweg. »Nach jetzigem Stand ist es niemandem gelungen, nach Lützerath einzudringen«, sagte ein Sprecher dem SPIEGEL. In dem Weiler befinden sich nach wie vor einige wenige Besetzer in den Bäumen und Baumhäusern, mindestens zwei halten sich nach wie vor in einem selbst gegrabenen Tunnelsystem in etwa vier Metern Tiefe auf.

Wie lange es dauern wird, bis Lützerath komplett dem Erdboden gleichgemacht ist, bleibt weiter offen, der zuständige Polizeipräsident Dirk Weinspach (Grüne) sagte am Freitagabend dem SPIEGEL, dass er noch mit mehreren Tagen Einsatzdauer rechnet. Die politische Diskussion um Lützerath dürfte auch dann nicht abebben.

(Wie der Samstag im Detail verlief, können Sie hier nachlesen.)

hba/le/ptz/asa/jos/mts

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