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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Luthers Märchen

Warum ein Gottesdiener seinen Herrn verleugnet
Von Anita Blasberg
aus DER SPIEGEL 14/2005

Thorkild Grossbøll steigt aus seinem Nissan Micra, läuft langsam über den knirschenden Kies und umrundet die alte Kirche aus rotem Backstein, seine Kirche.

Er kann nicht loslassen. 14 Jahre lang hat er hier gepredigt, hat die Menschen von Taarbæk konfirmiert, verheiratet und für immer verabschiedet. Jetzt steht der große Mann mit den breiten Schultern vor dem schweren, verschlossenen Holzportal.

Es war die Bischöfin Lise-Lotte Rebel, zuständig für den Bezirk, die ihn in ihr Büro gerufen und die Kirchenschlüssel zurückgefordert hatte. Sie kündigte ihm an, dass er vom Dienst suspendiert sei und ein geistliches Gericht klären solle, ob er jemals wieder predigen darf. Pastor Grossbøll, sagte sie in den Nachrichten, sei nicht mehr tragbar. »Seine provokativen, verletzenden Worte stiften Zweifel und Verwirrung über die Werte der Lutherischen Kirche.«

Wann es in ihm zu brodeln begann, kann Grossbøll nicht genau sagen, aber in einem Interview mit der Zeitung »Weekendavisen« brach es aus ihm heraus. »Wer, zum Teufel, glaubt schon an Gott?«, sagte er dem Journalisten. »Alles Kindermärchen in der Bibel. Nur Idioten glauben an das ewige Leben, die Wiederauferstehung, die Jungfrau Maria.«

Grossbøll war schlagartig bekannt, über den ungläubigen Pastor wurde in Universitäten, in Cafés und im Parlament diskutiert, die Medien hatten einen neuen Liebling. »Der Pastor, der nicht an Gott glaubt« nannten sie ihn, und das war zu viel - selbst für ein Land, in dem die meisten Leute die Kirche meiden wie das Finanzamt.

Thorkild Grossbøll nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und lächelt. Er ist 57 Jahre alt und zum dritten Mal verheiratet, er hat volles dunkles Haar und markante Gesichtszüge. Ist doch ein Allgemeinplatz, findet er: dass Gott eine Vorstellung ist und die Bibel eine Parabel, dass Jesus ein netter Typ war, der den Menschen ein paar Dinge gezeigt hat - und sie darüber hinaus für sich selbst verantwortlich sind.

Grossbøll hat seinen Glauben nicht unterwegs verloren, er hat noch nie einen besessen. Drei Jahre alt war er, als seine Großmutter starb und sie ihm sagten, Oma sei jetzt im Himmel - dabei wusste er genau, dass sie in einer Holzkiste tief unten in einem Erdloch lag. Gott? Grossbøll tippt sich an die Stirn.

Warum er Pastor geworden ist? »Weil ich mich für Geschichte interessiere, für Theologie, und weil ich an die Nächstenliebe glaube. Als ob das Christentum nur aus Gott bestünde!« Eigentlich wollte er Lehrer werden, doch das war ihm zu langweilig. Fragen, sagt er und knetet den Tabak im weichen schwarzen Lederetui, Fragen seien spannender als Antworten.

28 Jahre alt war Grossbøll, als sie ihn im Dom von Kopenhagen ordinierten, sein Vorbild hieß Luther, doch mit ihm hatte diese Show nichts zu tun. »Es war schwarz und gespenstisch, die aufgelegten Hände, die Gebete, der Unfug, den der Bischof erzählte.« In der Nacht fiel Grossbøll von einer Kneipe in die andere und besoff sich, bis es hell wurde.

Er sagt, er habe nie lügen müssen in all den Kirchenjahren. Ob er glaube, danach habe ihn keiner gefragt. Sie übertrugen ihm die Seelsorge für ein Seniorenheim, und er begeisterte die Alten für Frauenrechte und Ökologie, er machte neben der Kirche eine Bar auf und lud Leute ein, die Gott für eine billige Droge hielten. In den Achtzigern segnete er unerlaubt Schwulenpaare, machte sich für Abtreibung stark und schrieb Satiren über den Bischof im Kirchenmagazin. Er liebte die Diskussion, das Gefühl, die Menschen zu erreichen. Zuletzt predigte er über George W. Bush, Harry Potter und den Papst.

So gingen die Jahre ins Land, und Pastor und Institution führten eine lieblose Zweckehe. Die Schäfchen strömten in Grossbølls Kirche, als veranstaltete er Popkonzerte. Die Bischöfin ließ ihn gewähren. Sie hielten es miteinander aus, so lange, bis Grossbølls Ehrlichkeitsanfall sie entzweite. Seit seiner Suspendierung ist der Gottesleugner in Taarbæk so etwas wie ein Märtyrer. Die Leute bringen ihm Kuchen und Wein, und an den Sonntagen blickt der Pastor, der Grossbøll vertritt, auf leere Kirchenbänke. »Wir in Taarbæk glauben nicht an Gott, wir glauben an Thorkild«, sagt Lars Heilesen, der Vorsitzende des örtlichen Kirchenrats. »Diese Stalinisten können ihn uns nicht wegnehmen, wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir zu glauben haben.« Heilesen ist Anwalt und organisiert den Widerstand im Dorf. Er hat die Bewohner für Grossbøll unterschreiben lassen und die Liste an den Kirchenminister geschickt, sie haben Protestbriefe in Zeitungen veröffentlicht und demonstriert, 800 Menschen, der halbe Ort.

Grossbøll hofft nun auf das Gericht. Er rechnet sich Chancen aus, weil die Bischöfin ihn nicht korrekt abgemahnt habe. Doch der Prozess wird vermutlich mehrere Jahre dauern. Er solle durchhalten, schrieb ihm eine Dame aus Texas und schickte zehn Dollar. Durchhalten. Dann wird er wohl über 60 sein. Grossbøll hat immer wieder versucht, die Bischöfin anzurufen - vergebens.

Er war in den letzten Monaten viel im Fernsehen und ist durchs Land gereist. Um die Menschen zu beruhigen, all die Verunsicherten und Haltlosen, die fürchten, wenn ein Pastor nicht mehr glaubt, dann gehe alles zu Ende.

Und wenn er, was nicht selten vorkommt, seine sonntäglichen Predigten vermisst, das Diskutieren und das Streiten, dann schlendert er um seine Kirche und formuliert im Kopf. Danach setzt er sich an seinen Computer und schreibt. »Es war einmal ein Gott«, so wird der Titel seines neuen Buches lauten. ANITA BLASBERG

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