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08. Februar 2016, 05:15 Uhr

Puppentrend in Thailand

Plastikkinder

Sie bekommen einen eigenen Sitz im Flugzeug und im Restaurant den Kinderteller: Nahezu lebensechte Luuk-Thep-Plastikpuppen sind bei Thailändern unfassbar beliebt. Und bei Schmugglern.

Auf dem Weg zu einem buddhistischen Tempel am Stadtrand von Bangkok berichtet Natsuda Jantaptim von der kleinen Ruay Jang: "Wir schlafen zusammen in einem Bett, sie hat eigene Kissen und Decken", erzählt die 45-Jährige, während Ruay brav neben ihr auf dem Beifahrersitz sitzt. "Neulich haben wir die Klimaanlage ausgelassen, weil ihr kalt war. Morgens trinkt sie gern Erdbeermilch."

Was sich wie die Beschreibung eines Mädchens aus Fleisch und Blut anhört, bezieht sich auf eine Plastikpuppe. Luuk Thep, "Kinderengel", werden solche Puppen in Thailand genannt. Und wie Natsuda glauben viele Thailänder, dass eine Luuk Thep den Geist eines Kindes in sich trägt und deshalb wie ein Lebewesen behandelt werden muss.

Der Hype um die Plastikspielzeuge begann, als Prominente behaupteten, sie hätten ihren Erfolg solchen Puppen zu verdanken. Umgerechnet bis zu 540 Euro kostet so ein "Kinderengel". Inzwischen spaltet die Puppenmanie das Land: Im Restaurant, in Flugzeugen und im Kino beanspruchen viele Thailänder schon eigene Sitze für ihre Begleiter aus Plastik. Die Fluggesellschaft Thai Smile hat ihre Flugbegleiter angewiesen, solche Puppen wie echte Kinder zu behandeln. Ein Restaurant in Bangkok bietet gar schon Kinderportionen für Luuk Thep an.

Allerdings scheinen auch Kriminelle die Kindpuppen für sich entdeckt zu haben. Erst kürzlich waren im Bauch einer solchen Puppe auf einem Flughafenparkplatz 200 Methamphetamin-Tabletten gefunden worden, berichtet "Voice of America". Die Sicherheitskräfte auf Bangkoks Chiang-Mai-Airport seien daraufhin angewiesen worden, die Puppen grundsätzlich zu durchleuchten.

Auch die Puppen selbst sind mittlerweile Schmuggelware. Ende Januar wurden nach einer Razzia bei drei Händlern rund hundert Exemplare von der Polizei beschlagnahmt. Den Händlern wird vorgeworfen, beim Import der Puppen aus China die Steuern unterschlagen zu haben.

Mehr als 90 Prozent der Thailänder sind Buddhisten, doch werden Religion, Aberglaube, hinduistische und animistische Traditionen oft vermischt: Gebäude haben kein 13. Stockwerk, Politiker greifen auf Zahlenmystik oder Ratschläge von Wahrsagern zurück, Geisterglaube und Amulette sind alltäglich.

Für Natsuda, die auch eine echte, 21 Jahre alte Tochter hat, ist die Sache klar: Seit die Puppe zur Familie gehört, habe sie viel mehr Glück. "Seit ich Ruay Jang habe, hat sich mein Leben verändert. Zum Beispiel habe ich im Lotto gewonnen, was mir zuvor noch nie passiert ist", sagt die Betreiberin eines Schönheitssalons.

Puppen segnen?

Für andere ist das Ganze ein Werbetrick und Symbol der Verdummung. "Es macht mir Angst, wenn ich sie im Zug sehe", sagt die 31-jährige Designerin Lakkhana Ole aus Bangkok über die Puppen. Nach einer Umfrage der Universität Suan Dusit Rajabhat in Bangkok sehen zwei Drittel der Thailänder die Puppen positiv, wenn sie Einsamkeit lindern oder dem Leben einen Sinn geben. Gleichzeitig kritisieren 72 Prozent der Befragten die Plastik-Dummys als Hokuspokus.

"Das beweist, dass die Gesellschaft in der Krise ist", glaubt der konservative Mönch Phra Buddha Isara, berühmt für seine scharfe Kritik an den kommerziellen Auswüchsen des thailändischen Buddhismus. "Wenn Sie einsam sind, dann gehen Sie raus und reden mit den Nachbarn, interagieren Sie mit Leuten, tun Sie Gutes, helfen Sie den Blinden, kehren Sie den Boden oder arbeiten Sie im Garten." Ob er eine solche Puppe segnen würde? "Ich würde sagen: Du verdammter Schwachkopf!"

Der Mönch Phra Ajarn Supachai im Tempel Bangchak in Nonthaburi sieht das anders. Er hält für Puppen und Besitzer regelmäßig Gebete ab. "Vor rund drei Jahren kamen die ersten hier mit Puppen an", sagt er. "Jetzt haben wir etwa zehn pro Woche."

Auch Natsuda und ihre Freundin Mae Ning, die mit den Puppen handelt, werden zusammen mit ihnen mit Weihwasser gesegnet. Die "Kinderengel" geben in unsicheren Zeiten Halt, wie Mae meint: "Manche sind gestresst von Wirtschaft, Politik, Arbeit, Finanzen, also möchten sie sich an etwas festhalten." Auch Natsuda bestätigt: "Wenn die Leute Puppen haben, fühlen sie sich glücklich, als wären sie in einer anderen Welt."

mak/AFP

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