Kardinal Bertone Der Tebartz vom Vatikan

Eine Baustelle sorgt für Empörung in Rom: Ex-Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone lässt sich im Vatikan eine mehrere hundert Quadratmeter große Luxuswohnung herrichten. Der Kirchenfürst hofft auf Verständnis - vergebens.
Tarcisio Bertone (Februar 2013): Woher nimmt er das Geld?

Tarcisio Bertone (Februar 2013): Woher nimmt er das Geld?

Foto: ALESSANDRO BIANCHI/ REUTERS

Eine "arme Kirche für die Armen" schwebt Papst Franziskus vor. Auch die hohen Würdenträger sollten ein "einfaches und demütiges Herz" behalten. Nun, für ihn stimmt das ja wohl auch.

Statt in der prunkvollen päpstlichen Dienstwohnung im Apostolischen Palast wohnt er in einem bescheidenen Zwei-Zimmer-Apartment im Gästehaus Santa Marta des Vatikans, isst meist in der Kantine und gönnt sich auch sonst nichts Üppiges. Drei Stockwerke darüber logiert der neue Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, 59. Ihm reicht sogar ein Zimmer, auch das komplett luxusfrei.

Nur dessen Vorgänger findet den schlichten Lebensstil nicht so gut.

Macht sucht Pomp

Tarcisio Bertone, 80 Jahre alt, war viele Jahre als Kardinalstaatssekretär quasi der zweite Mann im Vatikan. Er leitete die Übergangsregierung während der papstfreien Zeit im vorigen Jahr, und er hat noch immer viel Einfluss und gute Freunde. Auch in der italienischen Politik und Finanzwelt ist er gut vernetzt. So einer will eher nicht in einer Sozialwohnung hausen. Der sucht Pomp.

Den fand er gleich neben dem unauffälligen päpstlichen Domizil im eindrucksvollen Palazzo San Carlo. Dort im obersten Stock wohnte der langjährige Chef der Vatikan-eigenen Gendarmerie Camillo Cibin, nach dessen Tod seine Witwe. Die wollte oder sollte Ende vorigen Jahres schließlich die von italienischen Medien auf 300 bis 400 Quadratmeter geschätzte Wohnung räumen.

Und zufällig wurde auch die 200 Quadratmeter große Nachbarwohnung frei. Ende 2013 starb deren Bewohner, Monsignore Bruno Bretagna, gleichfalls ein hoher Würdenträger der Kurie. Als Krönung liegt über beiden Wohnungen eine wunderbare 90 bis 100 Quadratmeter große Dachterrasse - mit direktem Blick auf den Petersdom.

600 Quadratmeter, Dachterrasse und drei Nonnen

Das war das richtige Objekt für einen richtigen Kardinal. Und für die drei Nonnen, die ihm seit Jahren den Haushalt führen, gäbe es auch Platz genug. Bertone griff zu, ließ sich die Wohnungen zuweisen, legte sie zusammen und lässt sie seit ein paar Monaten umbauen. Jetzt ist sie wohl so gut wie bezugsfertig. Aber nun ist die Freude an der Luxusimmobilie erst einmal getrübt. Als die Medien darüber berichteten, war die Empörung groß. Vom " Tebartz vom Vatikan" sprach ein deutscher Vatikan-Insider. Auch der Papst, so heißt es in Medienberichten, sei entsetzt gewesen, als er davon gehört habe.

Bertone ließ ein paar Tage verstreichen, dann meldete er sich - am Sonntag, als in Rom alle mit der Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. beschäftigt waren - mit einem Brief an Kirchenblättchen in der Diözese Vercelli und Genua, da wo er einst Erzbischof war. Alles sei ganz anders:

  • Die Wohnung sei nur halb so groß,
  • der Papst sei nicht empört, im Gegenteil, der habe ihn angerufen und seiner Solidarität versichert,
  • die Wohnung sei ihm "zugewiesen" worden, der Papst habe von Anfang an davon gewusst,
  • die kompletten Kosten für Umbau und Renovierung trage er aus eigener Tasche und nach ihm werde ja schließlich "ein anderer davon profitieren".

"Bertone soll sich schämen"

Kein Grund zur Aufregung also? Viele, wie Paolo Farinella, ein sozial engagierter Pfarrer in der Altstadt von Genua, regten sich über Bertones Erklärung nur noch mehr auf. "Bertone soll sich schämen. Eine Schande." Wenn er Papst wäre, so der aufgebrachte Pater im Radio, "würde ich ihn zum Steineklopfen schicken!"

Und auch halb so groß wäre das neue Bertone-Domizil ja immer noch fünfmal so groß wie die Papst-Wohnung. Wie groß das umstrittene Objekt wirklich ist, lässt sich bis heute nicht genau sagen. Unklar ist auch, was Bertone eigentlich meint, wenn er von "meinem Apartment" schreibt. Rechnet er die Quadratmeter heraus, die von den drei Nonnen bewohnt werden? Und war der Papst tatsächlich einverstanden? Warum hat er dann gerade einen Tag nach dem Telefonat, von dem Bertone schreibt, in einem Tweet die Kirchenleute explizit zu einem "schlichten Lebensstil" aufgerufen? Galt das allen außer Bertone?

Woher hat der Kardinal das Geld?

Noch eine ganz andere Frage hat Bertone mit seinem seltsamen Dementi aufgeworfen, die sich als sehr heikel erweisen könnte: Woher hat er so viel Geld für den luxuriösen Um- und Ausbau? Es gibt keine offizielle Zahl über die Gehälter der Kurienkardinäle, die meisten Schätzungen liegen bei etwa 5.000 Euro im Monat. Damit, sagen Fachleute, sind solche kostspieligen Bauarbeiten kaum zu finanzieren - auch wenn einer lange spart. Und Bertone wird nicht gerade eine sparsame Lebensführung nachgesagt. Das Geld, sagt ein Vatikan-Beschäftigter, stamme "aus anderen Quellen". Nur aus welchen?

Als die "Vatileaks" getauften Enthüllungen von internen Dokumenten den Vatikan über Monate erschütterte, sprach Bertone von "Maulwürfen und Schlangen". Nun treibt manchen im Kirchenstaat die Sorge um, dass bald neue Maulwürfe sich mit den undurchsichtigen Aktivitäten des Kardinals befassen könnten.

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