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Psychologie Macht der Gefühle

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman hat mit einem Sachbuch eine Bestsellerauflage erzielt. Seine These: Wer in Privat- und Berufsleben Erfolg haben will, muß nicht nur den Verstand einsetzen, sondern auch seine Gefühle kennen und optimal nutzen - mit »emotionaler Intelligenz«.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Wer wäre nicht gern einfühlsam und führungsstark, sowohl selbstbewußt wie Joschka Fischer als auch liebenswert wie Mutter Teresa und so erfolgreich wie Bill Gates, dabei voller Leidenschaft, Sinnlichkeit und dennoch selbstbeherrscht?

Ausgestattet mit all diesen Fähigkeiten, verkündet der Amerikaner Daniel Goleman, 49, hat man beste Chancen auf ein rundum erfülltes Berufs- und Privatleben. Wer hätte gedacht, daß mit derlei Informationen ein Massenpublikum in Buchläden zu locken ist?

Rund eine halbe Million Exemplare hat Psychologe Goleman von seinem Werk verkauft, das diese Woche auf deutsch erscheint*. Seit Monaten steht der Wissenschaftsredakteur der New York Times oben auf der Bestsellerliste seiner Zeitung.

In seinem Holzhaus, mitten in einem Wald bei Williamsburg/Massachusetts, schrieb Goleman tiefe Wahrheiten und wissenschaftliche Erkenntnisse über »die Intelligenz der Gefühle« zusammen und widmete sie seiner Frau. Manches klingt arg vertraut: »Eine wichtige soziale Kompetenz besteht darin, seine eigenen Gefühle äußern zu können.«

Goleman hat die seit der Aufklärung auseinanderdriftenden Welten von Ratio und Emotion wieder zu einer griffigen Formel vereint: emotionale Intelligenz. Mit seinem populärwissenschaftlichen Sachbuch rückt der Autor einen Sinneswandel ins öffentliche Bewußtsein, der sich seit einigen Jahren in der Intelligenzforschung vollzieht: Nicht nur der kühle Verstand und der Intelligenzquotient (IQ) gelten heute als Voraussetzung für Erfolg, Glück und gesellschaftliche Anerkennung; zur klugen Lebensführung gehört ebenso, die eigenen Gefühle zu kennen und einzusetzen: EQ statt IQ.

Wissenschaftler wie der Neurologe Antonio Damasio haben bewiesen, daß allein die intakte Verbindung zwischen Gefühl und Verstand zu sinnvollen Entscheidungen führt. Der Harvard-Professor Howard Gardner lockerte in seinem Standardwerk »Multiple Intelligences« den starren Intelligenzbegriff aus mathematisch-logischer und verbaler Kompetenz und erweiterte ihn um musische, emotionale und soziale Fähigkeiten. Doch immer noch, sagt Goleman, »fixieren sich unsere Schulen und unsere Kultur auf akademische Fähigkeiten und ignorieren die emotionale Intelligenz«.

Die einen denken an Anarchie, wenn von der Macht der Gefühle die Rede ist. Andere befürchten totale Langeweile, weil sie unter Impulskontrolle verstehen, sich Haß, Wut, Trauer, Furcht und Leidenschaft abzutrainieren. Dabei geht es laut Goleman darum, einerseits mehr Gefühle zuzulassen, andererseits Emotionen nicht hilflos ausgeliefert zu sein, wie jener Solinger Brandstifter, der später sagte: »Das hab'' ich nicht gewollt.«

Emotionale Intelligenzbestien zeichnet es aus, von Wutausbrüchen und blinder Leidenschaft ebensoweit entfernt zu sein wie _(* Daniel Goleman: »Emotionale ) _(Intelligenz«. Carl Hanser Verlag, ) _(München; 416 Seiten; 49,80 Mark. )

von der Unterdrückung starker Gefühle. Wer den Balanceakt zwischen Gefühl und Verstand versucht, den Goleman »Achtsamkeit« nennt, läßt sich auf »die fortwährende Wahrnehmung der eigenen inneren Zustände« ein und versucht gleichzeitig, sich in andere hineinzuversetzen - aber immer ganz locker bleiben.

Halb so schwierig, meint der Psychologe. Die Kräfte, die aus einem intellektuellen Versager immer noch einen begnadeten Staatspräsidenten und begabten Liebhaber machen können, seien meist nur verschüttet. Wer via Bildschirm kommuniziere, lerne nicht mehr automatisch, Gesicht, Gestik oder Stimme zu lesen. Wer gewohnt sei, sich mit Willkür und Unterwerfung durchzusetzen, tue sich schwer mit Selbstbeobachtung und Einfühlung, Eigenschaften, die den EQ-Star auszeichnen.

Ein Grund für den Erfolg von Golemans Buch liegt darin, daß der Autor unter IQ-Schwachen Optimismus verbreitet. Während rein kognitive Begabungen überwiegend genetisch festgelegt sind, kann der Mensch emotionale und soziale Fertigkeiten bis ins hohe Alter weiterentwickeln.

Der Mann mit Robinsonbart und lachenden Augen erklärt es mit den wilden Zeiten - der Gewalt unter Jugendlichen, der Ratlosigkeit der Erwachsenen, dem wirtschaftlichen Niedergang -, daß er seine Thesen nun in Talkshows, Universitäten, Vorstandsetagen vorträgt und über etwas spricht, das schon Sokrates als Rezept für Glück und Erfolg zusammenfaßte: »Erkenne dich selbst.«

Vielleicht kommt Golemans Bestseller aber auch so gut an, weil der sanfte Journalist unbeirrbar seinem EQ gefolgt ist. Dazu gehört, sagt er, »präzise zu sagen, was ich will, und in einem Ton, der von anderen gehört werden kann«.

* Daniel Goleman: »Emotionale Intelligenz«. Carl Hanser Verlag,München; 416 Seiten; 49,80 Mark.

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