Pastorin nach Busunglück auf Madeira "Auch an der Seele verletzt"

Eine Stunde nach dem Busunglück auf Madeira traf Ilse Everlien Berardo im Krankenhaus ein. Die deutsche Pfarrerin hilft den Verletzten als Seelsorgerin - und vermittelt ihnen ein Stück Heimat.

Unglücksstelle auf Madeira
Andriy Petryna/DPA

Unglücksstelle auf Madeira

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Ein Bus kommt auf Madeira von der Straße ab, stürzt in der Gemeinde Caniço eine Böschung hinab, überschlägt sich: Bei dem Unglück sind 29 Menschen gestorben, darunter vermutlich 27 Touristen aus Deutschland. Nach Angaben des Krankenhauses in Funchal starben 17 Männer und zwölf Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Mehr als 20 Personen werden im Krankenhaus der Inselhauptstadt Funchal behandelt.

Ilse Everlien Berardo ist seit 1987 Pfarrerin der Deutschsprachigen Evangelischen Kirche auf Madeira. Kurz nach dem Unfall fuhr sie ins Krankenhaus, um den Opfern Beistand zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Everlien Berardo, wie haben Sie von dem Unfall erfahren?

Ilse Everlien Berardo: Ich wurde etwa eine Stunde nach dem Unglück angerufen. Für den Fall, dass deutsche Touristen verunglücken oder in Schwierigkeiten sind, haben die portugiesischen Behörden meine Kontaktadresse. Als Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde bin ich eine Ansprechpartnerin.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit war es bis zum Unfallort?

Berardo: Am Unfallort selbst war ich nicht. Die Verletzten waren schon im Krankenhaus. Das ist keine fünf Minuten von der Kirche entfernt.

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SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck machten die Verletzten auf Sie?

Berardo: Sie waren alle sehr ruhig, natürlich im Schockzustand, aber sehr gefasst, weil sie gespürt haben, die Menschen kümmern sich um uns. Neben den Ärzten und dem Pflegepersonal waren sehr schnell viele Helfer da. Ehrenamtliche, die Portugiesisch ebenso beherrschen wie Deutsch. Die waren als Übersetzer eine große Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie über das Übersetzen hinaus etwas tun?

Berardo: Jeder Pfarrer, jede Pfarrerin ist Seelsorgerin, ist Nothelferin. Immer. Ich kann niemanden verbinden, ich kann aber Zuspruch geben, ich kann versuchen, die Menschen dort zu erreichen, wo sie auch verletzt sind. Denn wer diese schrecklichen Bilder vor Augen hatte, der ist auch an der Seele verletzt. In so einem Moment ist es wichtig, dass der Verletzte spürt: Man kümmert sich um mich. Nicht nur mit Verbänden und Spritzen. Sie werden als Menschen angesprochen, die eine Katastrophe durchlitten haben. Wenn so etwas passiert, hilft es, wenn man in seiner Muttersprache angesprochen wird. Sprache ist Heimat.

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Portugiesische Urlaubsinsel: Schwerer Busunfall auf Madeira

SPIEGEL ONLINE: Worüber sprechen Sie mit den Betroffenen?

Berardo: Das sind keine technischen Gespräche. Bestimmt nicht darüber, wie es wohl zu dem Unfall gekommen ist. Darüber hat niemand gesprochen. Auch nicht die ganz leicht Verletzten. Ich habe keine Klage gehört. Ich habe herausgehört: Gott sei Dank, wir leben.

SPIEGEL ONLINE: Ist ihre Aufgabe damit beendet?

Berardo: Nein. Nach diesem Gespräch werde ich direkt wieder ins Krankenhaus fahren. Ich kümmere mich weiter um die Verletzten und stelle Kontakte nach Deutschland her. Dort sind Menschen, die einen Angehörigen oder einen Freund verloren haben oder die wissen, im Krankenhaus ist jemand aus unserer Familie.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung auf der Insel?

Berardo: Trauer. Absolute Trauer. Morgen ist Karfreitag, in der Karwoche sprechen wir sowieso über das Leben und Sterben. Das Leben und Sterben Christi und auch unser Leiden. Und jetzt sprechen wir nicht über das Leiden, sondern aus dem Leiden heraus. Die Madeirer sind sehr emotionale Menschen, die ihre Touristen lieben, die gern für sie arbeiten, für sie da sind. Sie wollen ihre Insel zeigen, weil sie stolz auf ihre Insel sind. Sie wollen das Schöne zeigen, und eine Katastrophe geschieht.

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