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Märchenhafte Fotografie: "Schräg und gefährlich"

Foto: Kirsty Mitchell Photography

Märchenfotografin Kirsty Mitchell Fiese Schneekönigin, blutige Baba Jaga

Die Fantasiewelt der Fotografin Kirsty Mitchell ist bevölkert von Göttinnen, Feen und seltsamen Prinzessinnen. Nett und süß sind sie alle nicht - aber unheimlich schön.

Die Geburt der Künstlerin Kirsty Mitchell war lang und schmerzhaft. Im März 2008 wurde bei ihrer Mutter ein Gehirntumor diagnostiziert. Ein halbes Jahr Leben blieb der 63-Jährigen, es war gefüllt mit Chemotherapie, Haarverlust, Verfall und Wahnsinn.

Als die Mutter starb, wurde die Tochter die quälenden Bilder nicht mehr los. "All die schönen Momente waren plötzlich verschwunden, begraben. Ich war wie versteinert, unter Schock, völlig zerstört." Nur eine Erinnerung blieb, und die war warm und süß: Die Mutter liest ihr Geschichten vor, von der bitterbösen Schneekönigin oder der unberechenbaren Waldhexe Baba Jaga. Kirsty hängt an den Lippen ihrer Mum und rollt sich auf ihrem Schoß zusammen.

Mitchell fing an, in Antiquariaten nach den Märchenbüchern ihrer Kindheit zu forschen. "Ich blätterte in einer Ausgabe aus den späten Siebzigerjahren und erinnerte mich an jede Seite, jede Zeichnung, jedes Wort." Mit der Wiederentdeckung der Vergangenheit wurde eine "Obsession" geboren, wie die 38-jährige Britin es selbst nennt: Sie ließ die Figuren ihrer Fantasiewelt Wirklichkeit werden, indem sie sie fotografisch inszenierte. Und das mit unvorstellbarem Aufwand.

Fünf Monate oder länger braucht Mitchell, um eine einzige Einstellung vorzubereiten. Akribisch sucht sie Accessoires zusammen, bastelt Feenschlüssel oder Herbstblätterschleier, arrangiert komplexe Rosenbouquets zu meterhohen Hüten. "Alles ist per Hand gefertigt, an meiner Seite sind mein Mann und wenige Freunde, die mithelfen." Wenn dann der magische Moment gekommen ist, in dem fotografiert wird, sind alle hochnervös: "Schon oft hat uns das englische Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht, Stürme, plötzliche Sonne oder Hagel inbegriffen", sagt sie. Da kann es schon mal 15 Stunden dauern, bis das Bild im Kasten ist.

Trotzdem: Mitchell will in der Natur sein, draußen, und sie will, dass ihr Foto "ein echtes" ist. Von computergenerierten Bildern hält sie nichts - und es ist genau das, was Sammler an ihr schätzen: Dass jedes Bild eine Geschichte erzählt, aber auch, dass es in einem langen Prozess entstanden ist.

Fünf Jahre lang arbeitete Mitchell an der Serie "Wonderland", die schon während ihrer Entstehung international für Aufsehen sorgte. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeit. Am meisten gefällt ihr, dass auch Menschen ihre Bilder lieben, die mit Fotografie eigentlich nichts zu tun haben, "die aber genau wie ich jemanden verloren haben und damit klarkommen müssen".

Großes Vorbild der Fotografin ist der 2010 verstorbene britische Modedesigner Alexander McQueen, in dessen Atelier sie ein Jahr lang hospitierte. Sein Konzept der am Körper tragbaren Kunst, die Fähigkeit, Skulpturen auf dem Laufsteg zu erschaffen, hätten sie stark beeinflusst, sagt Mitchell. Ebenso die düster-morbide Inszenierung seiner Mode: "Ich war niemals interessiert an den süßen, netten Helden. Mich interessiert die dunkle Seite der Märchen. Denn Schönheit und Tod machen die Natur aus."

Man könnte Mitchells blumige Gesamtkunstwerke als billigen Eskapismus verstehen, den Unwillen, erwachsen zu werden und sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Mitchell selbst sieht das anders. Für sie war die Arbeit an der Wonderland-Serie Initialzündung und Therapie, die sie frei gemacht hat für neue künstlerische Herausforderungen. "Die Kamera hat mich gerettet. Sie hat meine Gefühle kanalisiert, sie nach außen getragen. Ohne die Fotografie wäre ich verloren gewesen."

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