"Magdalena Oldendorff" Flucht aus der Eishölle

Seit einem halben Jahr sitzt das deutsche Forschungsschiff "Magdalena Oldendorff" in der Muskegbukta-Bucht in der Antarktis fest. Alle Rettungsversuche scheiterten. Jetzt schmilzt endlich das Eis, das Schiff kommt frei. Ein Bericht vom Überleben in der Eiswüste.

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Der argentinische Marine-Eisbrecher "Almirante Irizar" versuchte vergeblich die "Magdalena Oldendorff" (li) aus dem Eis zu befreien
REUTERS

Der argentinische Marine-Eisbrecher "Almirante Irizar" versuchte vergeblich die "Magdalena Oldendorff" (li) aus dem Eis zu befreien

Hamburg - Eis und Schnee. Schnee und Eis. Sonst nichts. Unendliches weiß soweit das Auge blickt - und das seit Monaten. Seit dem 11. Juni sitzt die Crew der "Magdalena Oldendorff" an der Schelfeis-Grenze der Antarktis fest. Endlich, vielleicht noch heute, spätestens aber morgen hat das Eisberge zählen für die Mannschaft des deutschen Forschungsschiffes ein Ende. "Es herrschen sommerliche Temperaturen vor Ort," sagte Viola Evers, Sprecherin der Oldendorff-Reederei in Lübeck. Sommerlich ist relativ und bedeutet in der Antarktis etwa 0 Grad. "Das Eis schmilzt, wir warten jetzt nur noch auf die Entscheidung des Kapitäns."

Die 18 Männer der Crew sind erleichtert. Klar. "Ihnen geht es fantastisch", ergänzt Evers. Von Lagerkoller auch nach so langer Zeit laut Reederei keine Spur. "Die Leute sind die Einsamkeit gewöhnt. Sonst sind die ja auch häufig neun Monate an Bord. Der einzige Unterschied besteht darin, dass das Schiff nicht fährt." Während der langen Zeit des Eingesperrtseins im Eis haben die Männer ganz normal ihre Schichtarbeit absolviert. Genug zu tun gab es. "Wichtig ist zum Beispiel", erklärt Evers, " dass regelmäßig das Eis abgeklopft wird, damit das Schiff nicht zu schwer wird."

Eisberg Egon

Gegen die Langeweile am abgelegensten Punkt der Welt bietet das Schiff den Seeleuten Schwimmbad, Sauna und eine Videothek mit 500 Filmen. Der "Berliner Zeitung" erzählte Kapitän Ivan Dikiy im August, dass viele seiner Leute ein neues Hobby gefunden hätten: Eisberge zählen: "Wir zählen die großen und geben ihnen Namen. Es gibt schon einen Egon und eine Viola." Per Telefon oder Fax konnte jeder regelmäßig mit seiner Familie Kontakt halten. Im Moment gibt es allerdings keinen Telefonverkehr: "Wir wollen die Leitung frei halten für Gespräche mit dem Kapitän", sagt Viola Evers.

Antarktis-Hobby: Eisberge zählen
GMS

Antarktis-Hobby: Eisberge zählen

"Maschinen Stopp", hatte Kapitän Dikiy vor fast auf den Tag genau einem halben Jahr befohlen. Nichts ging mehr. Bei minus 18 Grad und Schneetreiben geriet das Schiff in ein Treibeisfeld. Die "Magdalena Oldendorff" hatte im Auftrag eines russischen Instituts mehrere Forschungsstationen im Südpolarmeer mit Proviant und Ausrüstung versorgt und sollte nun 79 russische Forscher zurück nach Kapstadt bringen. Eine großangelegte Rettungsaktion begann, um den Frachter aus dem ewigen Eis zu holen. Am 16. Juni lief der südafrikanische Versorger "Aghulhas" mit dem Antarktis-erfahrenen Kapitän Kevin Tate in Kapstadt aus, um zu helfen. Doch der Winter am Südpol hielt mit voller Kraft dagegen. Lediglich bis auf 300 Kilometer konnte sich die "Aghulhas" dem deutschen Schiff nähern. Trotz starkem Wind und Schneetreiben holten Hubschrauber die Wissenschaftler von Bord und brachten Proviant und Treibstoff.

Allein in der Eiswüste

Neue Hoffnung für die "Magdalena Oldendorff" Mitte Juli: Der Eisbrecher "Almirante Irizar" erreichte das festsitzende Schiff. Gemeinsam sollten beide den 1100 Kilometer breiten Eisgürtel durchbrechen. Doch der Versuch misslang - das Eis war bereits zu dick. Der Argentinier fuhr allein nach Buenos Aires und der deutsche Frachter blieb in der Eiswüste zurück. Die 19 Jahre alte Oldendorff zog sich in die sichere Muskegbukta-Bucht zurück. Ab da war klar: Vor Beginn des antarktischen Frühjahrs gibt es keinen Weg aus dem Eis heraus. Oktober, hieß es damals. Im Oktober geht es heim. Nun ist Dezember daraus geworden. 14 bis 16 Tage, je nach Wetter, wird der Frachter für die Strecke bis nach Kapstadt benötigen und von dort, laut Evers, bereits bald wieder starten. Anders sieht es für die Crew aus. "Die machen erstmal Urlaub."



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