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Gesellschaft Mahlzeit

Ortstermin: Der »Gesundheitsreport 2009« klärt darüber auf, wie in deutschen Büros gedopt wird.
aus DER SPIEGEL 8/2009

Sie sitzen im Haus der Bundespressekonferenz, Raum IV, vorn auf dem Podium. Drei Männer und eine Frau. Sie wollen über Enhancement reden. Über Mind-Doping. Brain Booster.

Sie haben Papiere dabei, Papiere mit Zahlen und Diagrammen. Der Videobeamer summt leise. Sperrige, träge Worte wehen durch den Raum. Psychostimulanzien, Antidementiva, Antidepressiva. Amphetamine, Beta-Rezeptorenblocker, Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Apotheker-Worte. »Es geht im weitesten Sinne um Stimulierung«, sagt Herr Rebscher vorn auf dem Podium.

Jahrzehntelang hat sich der deutsche Arbeitnehmer vor allem mit Filterkaffee stimuliert. Sein Stoff kam von Tchibo, Jacobs oder Melitta. Wahrscheinlich wäre Deutschland ohne Filterkaffee nie Exportweltmeister geworden. »Abends dann Bier und Wein zum Runterkommen«, sagt Herr Rebscher. »Das bekannte Prinzip des Ein- und Abschaltens.« So war es Tradition.

Weil aber nichts bleibt, wie es schon immer war, hat Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse DAK, untersuchen lassen, ob der deutsche Arbeitnehmer heute noch andere Dinge isst, trinkt, schluckt oder raucht, um im Arbeitsleben zu bestehen. »Wir reden hier über den Übergang zu Nahrungsergänzungsmitteln und harten Drogen«, sagt Rebscher. Er faltet die Hände auf dem »Gesundheitsreport 2009. Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz«. 148 Seiten. Dort steht alles drin. »Das Ganze ist ja eine Grauzone«, sagt Rebscher.

Grauzone klingt nicht gut. Grauzone klingt nach Epo, Eigenblutdoping, Laboren in Seitenstraßen und Tarnnamen. Man denkt an chinesische Schwimmerinnen, weißrussische Kugelstoßer, die Haarprobe von Christoph Daum und an Lance Armstrong, die ewig siegende Grauzone.

Der Videobeamer wirft Zahlen an die Wand, vor dem Fenster liegt Schnee, in der Ferne leuchtet die gläserne Reichstagskuppel. Vor ein paar Jahren gab es mal große Aufregung, weil auf den Toiletten im Reichstag angeblich Kokainspuren gefunden wurden. »Kokain oder Ecstasy waren für uns kein Schwerpunkt«, sagt jetzt Herr Nolting. Es geht um »Medikamentendoping«. Es geht um den Missbrauch verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Pillen, die den Geist schneller machen, die Stimmung aufhellen, die Belastbarkeit erhöhen. Hans-Dieter Nolting sitzt auch auf dem Podium, er hat die Studie betreut.

3000 Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 50 hat Nolting befragen lassen. Die Zahlen sagen jetzt, dass rund zwei Millionen gesunde deutsche Arbeitnehmer schon einmal mit Aufputschmitteln, Stimmungsaufhellern oder Beruhigungsmitteln gedopt haben. 800 000 sind regelmäßige Doper. Frauen dopen lieber mit Stimmungsaufhellern. »Fluoxetin«, sagt Nolting. Männer bevorzugen aufputschende und konzentrationsfördernde Stoffe. »Ritalin, Piracetam«, sagt Nolting.

Wer die Doper sind, welche Berufsgruppen betroffen sind, ließe sich leider schwer einschätzen. Aber wohl vor allem Akademiker, medizinische Auskenner, Leute in Lampenfieberjobs. Auch die Finanzkrise könnte sich irgendwann auswirken.

Noch sind die Zahlen klein. Zwei Millionen Arbeitnehmer sind rund fünf Prozent aller deutschen Arbeitnehmer, die Doper sind also eine Randgruppe. Aber sie wird wohl größer. Jeder fünfte Arbeitnehmer hält bereits, zum Zwecke der Leistungssteigerung im Beruf, die Einnahme von Arzneimitteln für vertretbar.

»Die Gesellschaft hat sich verändert«, sagt Nolting. Es gebe heute das Ideal der 24-Stunden-Dienstleistungsgesellschaft. Immer erreichbar. Immer einsatzbereit. Immer unter Strom. Filterkaffee war gut für die Leistung in den alten Zeiten, Filterkaffee ist womöglich nicht mehr gut genug für die neuen Zeiten.

Es ist der ewige Kampf gegen die Grenzen. Der Mensch im Allgemeinen und der deutsche Arbeitnehmer im Besonderen strebt nach Verbesserung. Im Äußeren und Inneren. Er trinkt heute Energy-Drinks, spritzt sich Botox in die Stirn und bekämpft das Alter mit Anti-Aging-Produkten. Es gibt eigentlich keine Grenze, innen oder außen, die der Mensch je akzeptiert hätte. Womöglich ist der Mensch von Natur aus ein Doper. »Verbesserung ist ein legitimer Anspruch«, sagt Isabella Heuser vorn auf dem Podium.

Heuser, eine Frau mit mahagonifarbenem Haar, ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité. Eine Doping-Expertin, könnte man sagen. Durch die Einnahme von Antidepressiva, sagt Heuser, fühle sich auch ein gesunder Mensch »subjektiv verbessert«. Der Stimulanzwirkstoff Modafinil, einst entwickelt zur Behandlung von Schläfrigkeit, verbessere die Konzentrationsfähigkeit und die »exekutiven Funktionen des Gehirns«, sagt Heuser. Die Wirkung von Modafinil werde bereits unter amerikanischen Soldaten erforscht. Man beginnt zu frösteln, wenn man Isabella Heuser eine Weile zuhört.

Im Saal meldet sich eine Frau. »Was ist mit der Ethik?«, fragt sie.

Tja, die Ethik. Heuser zieht die Schultern hoch. Ethik ist ein sehr weiter Begriff. »Wir müssen vor allem anti-stigmatisch arbeiten«, sagt Heuser. »Wir dürfen niemanden kriminalisieren«, sagt Herbert Rebscher, der DAK-Chef.

Vermutlich haben ethische Fragen noch nie einen Doper abgeschreckt. Anders als die möglichen Nebenwirkungen. »Bluthochdruck, Übelkeit, Nervenzusammenbrüche«, sagt Isabella Heuser. »Aber wenn wir ganz ehrlich sind: Gäbe es die Wunderpille, frei von Nebenwirkungen, dann würde sie jeder von uns nehmen.«

Niemand widerspricht. Dann packen alle zusammen. Blaue Thermoskannen bleiben im Raum IV zurück und ein paar Tassen mit lauwarmem Filterkaffee.

JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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