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MH17-Abschuss: "So widerlich, dass man es nicht in Wort fassen kann"

Foto: Christopher Furlong/ Getty Images

Hinterbliebene von MH17-Opfern "Herr Putin, schicken Sie meine Kinder zurück"

Beim Absturz der Boeing 777 über der Ostukraine sind 193 Niederländer umgekommen, nun bricht die Wut aus manchen Hinterbliebenen heraus. Ihre Äußerungen lassen erahnen, wie groß die Verzweiflung ist.

Amsterdam - Mitten in der Nacht zum Sonntag hat Hans de Borst angefangen zu schreiben. "Vielen Dank, Herr Putin, Anführer der Separatisten oder der ukrainischen Regierung, dass Sie meine geliebte und einzige Tochter ermordet haben." In den sieben Absätzen, die dann folgen, schreibt er sich Trauer, Frust und Wut von der Seele.

Hans de Borst, ein 51 Jahre alter Niederländer aus einem Vorort von Den Haag, hat seine 17-jährige Tochter Elsemiek verloren. Sie ist eines von 298 Opfern, die ums Leben kamen, als am Donnerstag ein Flugzeug auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ukraine abstürzte. 193 Niederländer waren an Bord; für das kleine Land ist es eines der schwersten Unglücke seiner Geschichte.

Die vergangenen Tage hat das Land getrauert, doch nun wächst die Wut. Hinterbliebene müssen mit ansehen, wie ein Journalist am Unglücksort in den Koffern wühlt  und Rebellen die Leichen in rostende Eisenbahnwaggons laden.

"So ein Scheißgefühl"

De Borsts Brief ist auf dessen Facebook-Seite  zu lesen. Auch Zeitungen druckten ihn am Montag. "Ich habe den Text gut durchdacht, das ist genau, was ich fühlte", sagte er der Tageszeitung "Algemeen Dagblad".

Elsemiek war seine einzige Tochter. Sie war auf dem Weg nach Malaysia, zusammen mit ihrer Mutter, der Ex-Frau von Hans de Borst. "Elsemiek hätte im nächsten Jahr ihren Schulabschluss gemacht", schreibt de Borst in seinem Brief. Sie wollte an der renommierten Universität von Delft Architektur studieren. Sie sei gut gewesen in der Schule. "Auf einmal ist sie nicht mehr!"

Vater de Borst fühlt Trauer, Machtlosigkeit, aber auch Wut. "Wenn ich sehe, wie ein betrunkener Rebellenführer mit einer Zigarette die Beobachter wegschickt, entsteht so ein Scheißgefühl", sagte er der Zeitung.

Er hoffe, "dass ich noch etwas Greifbares von ihr zurückbekomme", sagt er. "Das Portemonnaie, ein Ring, ihre Slipper - das ist so viel wert für mich."

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MH17-Abschuss: Das Chaos an der Absturzstelle

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Robbert und Silene Frederiksz haben ihren Sohn und dessen Freundin verloren. "Sie liegen da, in einem Feld." In die Kamera von "Sky News" sagt die Mutter , sie wolle eine Beerdigung: "Sie müssen zurück; Herr Putin, schicken Sie meine Kinder zurück, bitte."

Inzwischen, fast vier Tage nach der Katastrophe, sind Ermittler am Absturzort im Osten der Ukraine eingetroffen. Die sterblichen Überreste sollen sich noch immer in Zugwaggons befinden, deren Kühlung Berichten zufolge immer wieder ausfällt. Viele Niederländer verlieren die Geduld. Die größte Zeitung des Landes, das Boulevardblatt "De Telegraaf", forderte am Montag auf der Titelseite: "Gebt uns unsere Leute zurück!" Auf Twitter hat eine Kampagne begonnen. Hashtag #bringthemhome, "bringt sie zurück". User nutzen ein schwarzes Profilfoto bis die Leichen herausgegeben werden.

Auch Premierminister Mark Rutte sagte am Wochenende, die Toten hätten "schon seit zwei Tagen" zurück in den Niederlanden sein müssen. Fotos von Rebellen, die Kinderspielzeug in die Luft hielten, seien "so widerlich, dass man es nicht in Wort fassen kann". Außenminister Frans Timmermans sagte nach einem Gespräch in Kiew, Holland sei "rasend wütend".

Rufe nach harter Reaktion

Trotzdem bleibt die Regierung bisher dabei, keine Beschuldigungen in Bezug auf den Abschuss auszusprechen. Rutte hatte nach eigener Aussage am Wochenende ein "intensives Gespräch" mit Präsident Putin am Telefon. Mehr nicht. Harte Worte gegen die Rebellen wie von US-Außenminister John Kerry gibt es aus Den Haag nicht.

Die niederländische Regierung steckt in einem Dilemma: Sie will kein Porzellan zerschlagen. Drohungen, Sanktionen oder gar militärisches Eingreifen würden die Stimmung nur verschlechtern, so die Furcht. Die Rückführung der Toten könnte dann noch länger dauern. Andere Beweismittel wie die Flugschreiber, die offenbar bereits im Besitz der Rebellen sind, könnten zu einem Druckmittel werden. Am Sonntagabend hatte Putin Rutte bei dem Telefonat seine Unterstützung bei der Übergabe der sterblichen Überreste der Opfer des abgestürzten Flugzeugs sowie der Flugschreiber zugesichert, doch auf die Worte des russischen Präsidenten gibt man auch in den Niederlanden nicht mehr viel.

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MH17-Abschuss: Die Ungewissheit über den Verbleib der Opfer

Foto: Vadim Ghirda/ AP/dpa

Die Regierung um Rutte gerät mehr und mehr unter Druck. "Wie lange ist das Kabinett bereit, mit Putin nur zu telefonieren?", fragt Sjoerd Sjoerdsma von der oppositionellen Partei D66 in Den Haag. Er fordert in der Tageszeitung "De Volkskrant" indirekt ein härteres Auftreten. Louis Bontes, ein anderer Oppositionspolitiker, sagt sogar, man müsse eine Spezialeinheit entsenden. "Wir lassen unsere Leute da doch nicht einfach verrotten, weil uns so ein Pack zurückhält." Bas Heijne, ein prominenter niederländischer Leitartikler, schreibt, es sei Zeit für Holland, "sich wie ein Mann zu verhalten" .

Hans de Borst hofft, dass Putin, die Rebellen und die ukrainische Regierung seinen Brief lesen. Dass ihre Augen geöffnet werden. Seinen Brief beendet er mit: "Grüße, Elsemieks Vater Hans de Borst, dessen Leben ruiniert ist."

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