Rückführung der Leichen von MH17 Luftbrücke für die Toten

Die Operation "Bringt sie nach Hause" hat begonnen: Nach dem Abschuss von Flug MH17 sind die ersten Toten in ihre niederländische Heimat gebracht worden. Im ganzen Land läuten Kirchenglocken.

Von , Eindhoven


Zwei Flugzeuge landen. Die Motoren fahren herunter, die Propeller drehen sich aus. Für einen Moment ist es still. Eine Trompete erklingt. Leichenwagen nähern sich, es ist eine ganze Kolonne. Auf dem Militärgelände des Flughafens Eindhoven in den Niederlanden sind die ersten Toten angekommen. Eine Maschine der australischen, eine zweite der niederländischen Luftwaffe sind um kurz vor 16 Uhr gelandet. In diesem Moment hielten die Niederlande inne. Die Kirchenglocken läuteten im Land, das öffentliche Leben ruhte für eine Minute.

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Heft 30/2014
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298 Menschen sind am Donnerstag ums Leben gekommen, als ein Flugzeug von Malaysia Airlines über der Ukraine abgeschossen wurde. Flug MH17 war auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur. An Bord waren Familien, Urlauber, Geschäftsreisende, Wissenschaftler aus zehn Nationen. Die meisten, 193 Menschen, kamen aus den Niederlanden.

Für das Land und seine nur 17 Millionen Einwohner ist es eine der schwersten Katastrophen in der Geschichte. Seit Tagen wird getrauert; zurückhaltend, denn Niederländer sind eher rational, besonnen, manchmal auch distanziert. Die Regierung hat deshalb gezögert, einen nationalen Trauertag auszurufen. Es ist nicht das, was zu diesem Land passt.

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Der Abschuss von Flug MH17 aber wühlt die Niederlande zutiefst auf. Am Mittwoch nun steht das Land still. Seit 52 Jahren hat es das nicht mehr gegeben. 1962 war zum letzten Mal ein Tag der nationalen Trauer. Damals war Königin Wilhelmina gestorben, die die Niederlande in Zeiten zweier Weltkriege regiert hatte und eine Widerstandsfigur gegen die Nazis war.

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Am Mittwoch ist wieder so ein Tag des Innehaltens. Gleichzeitig ist er ein Wendepunkt. Fünf Tage wurde getrauert, nun wird angepackt. Die Niederlande leiten die Untersuchungen am Absturzort, und sie haben die Führung übernommen bei der Identifizierung der Opfer. Zehn Länder sind beteiligt, Regierungen und eine Fluggesellschaft; Militärs, die die Leichen transportieren und Forensiker, die sie untersuchen. Es ist ein internationaler Kraftakt, der heute beginnt. Eine grausame Logistik.

Der Eindhoven Airport wird dabei zum Drehkreuz: Die Körper und sterblichen Überreste von fast 300 Personen werden in den nächsten Tagen hierher geflogen. Die ersten Maschinen sind nun gelandet. Sie hatten insgesamt 40 Särge an Bord.

Am Wochenende waren die Leichen in gekühlte Zug-Waggons geladen und von Tores, einem Ort nahe der Absturzstelle, nach Westen gefahren worden. Am Dienstagmorgen gegen 10.30 Uhr fuhr der Zug in Charkiw ein. Die ostukrainischen Separatisten, die das Gebiet um die Absturzstelle kontrollieren, sagen, 280 Leichen lägen in den Wagen. Die Ermittler, die in Charkiw warteten, zählten dagegen nur 200 Körper.

Auch australische Spezialisten sind im Einsatz

In mehreren Phasen werden die Toten nun nach Eindhoven geflogen, einem Regionalflughafen nicht weit von der deutschen Grenze. Das niederländische Verteidigungsministerium koordiniert die Flüge. Dort spricht man von einer Luftbrücke, die zwischen Eindhoven und Charkiw gebildet werden soll. C-130 Herkules Transportflugzeuge der königlichen Luftwaffe fliegen hin und her. Auch eine Maschine der australischen Armee steht in Eindhoven seit Dienstagmorgen bereit, Typ Boeing C-17 Globemaster. Australien hat nach den Niederlanden und Malaysia die meisten Toten zu beklagen. 27 Australier kamen beim Absturz von Flug MH17 ums Leben.

Vom Flughafen Eindhoven werden die Leichen und sterblichen Überreste in eine Kaserne bei Hilversum gebracht. Dort warten Forensiker und Spezialisten des Verteidigungsministeriums, die die Leichen identifizieren. Auch Australien schickt Spezialisten und Botschaftsmitarbeiter.

"Sobald die Identifizierung abgeschlossen ist, werden zuerst die Hinterbliebenen informiert", erklärte der niederländische Premierminister Mark Rutte am Dienstag. Das könne sehr schnell gehen, "es kann aber auch Monate dauern".

Vor allem für die Niederlande ist die Rückführung ein wichtiger Schritt, um zur Ruhe zu kommen. In den vergangenen Tagen wurde aus Trauer Wut; vor allem darüber, wie lange die Überführung dauerte und wie mit den toten Körpern und den persönlichen Gegenständen der Opfer umgegangen wurde. Im Internet haben Nutzer schwarze Profilbilder hochgeladen, um für die Rückführung der Toten zu demonstrieren. Es gab eine Petition. #BringThemHome drückte die Verzweiflung des Landes aus. Nun hat Operation "Bringt sie nach Hause" begonnen.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
royalb 23.07.2014
1.
Mein tiefes Beileid and alle Hinterbliebenen. Ich gucke gerade auf Bild.de den Live-Stream wie die Leichen in einer endlos lagnen Kolonne überführt werden. Das macht einfach nur trarig und wütend. Ich hoffe die Verantwortlichen für diese Tragödie werden bald ermittelt und zur Rechenschaft gezogen.
hubertrudnick1 23.07.2014
2. Beileidsbekundung
Zitat von sysopREUTERSDie Operation "Bringt sie nach Hause" hat begonnen: Nach dem Abschuss von Flug MH17 sind die ersten Toten in ihre niederländische Heimat gebracht worden. Im ganzen Land läuten Kirchenglocken. http://www.spiegel.de/panorama/malaysia-airlines-mh17-leichen-werden-in-die-niederlande-geflogen-a-982464.html
Mein tieftes Beileid für die Angehörigen. Für dieses Verbrechen sollte auch einer zu seiner Verantwortung stehen und übernehmen.
multimusicman 23.07.2014
3. Mein Beileid an alle Beteiligten
in den Niederlanden und den anderen betroffenen Nationen. Mit der Hoffnung eines Tages zu innerem Frieden zu finden. Und Herr Putin: seien sie wirklich ein Mann und stehen sie zu eventuellen Fehlern. Unabhängig von Fehlern anderer, das würde Sie Europa wieder näher bringen. Alles Andere verschärft den Krieg immer mehr .
Nike 23.07.2014
4. Mein Beileid.
Ich weine. Das habe ich seit dem Tod meiner Mutter vor 13 Monaten nicht mehr gekonnt. Es ist eine unverträgliche Tragödie.
Marijke Amado 24.07.2014
5. Mein Statement
Gestern habe ich zuhause mit deutschen Freunden die Ankunft der Opfer von Flug MH17 mit tiefen Emotionen live im niederländischen TV gesehen. Wir empfinden seit Tagen mit allen Opfern unterschiedlicher Nationalitäten, tiefste Trauer über diesen unnötigen Absturz. Ob es nun Belgier, Australier, Briten, Malaysier, Niederländer oder Deutsche sind. Wir fühlen uns vereint mit allen Opfern und deren Angehörigen. Holland weint und nicht weil es rational denkt, zurückhaltend ist oder ein nationaler Trauertag nicht zu meinem Land passt, wie hier behauptet wird. Dieser Satz wurde sofort in der niederländischen Presse zitiert und trägt nichts bei zu dem derzeitigen Empfinden der Niederlande. Meine deutschen Freunde und ich haben uns gestern sehr gewundert warum kein deutscher Vertreter anwesend war, da auch in Deutschland Opfer zu beklagen sind. Die Holländer haben und werden mit viel Respekt, Gefühl und Anstand alle Opfer nach Hause bringen. Man sollte deswegen keine Behauptungen aufstellen die nicht zu meinem Land passen sondern als Journalist dazu beitragen, dass wir in Zeiten dieser tiefen Trauer zusammen halten und alles dafür tun zusammen die Hintergründe aufzudecken. Das sind wir den Opfern schuldig, in einer Zeit im Jahr 2014 wo wir Menschen die einfach in den Urlaub fliegen mit einer Rakete abschiessen und diese benutzt werden für ein politisches Spiel - darunter 80 Kinder! Dieses Geschehen hat mich persönlich und mein Land, tief in meinem Herzen getroffen und gerade dann ist es auch die journalistische Verantwortung einen Zusammenhalt herzustellen, über alle Grenzen hinweg. Marijke Amado
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