Absturz von Flug MH17 Lufthansa flog zuletzt 56-mal über Kriegsgebiet

Die Katastrophe von Flug MH17 hätte womöglich auch eine Maschine aus Deutschland treffen können. Daten eines Tracking-Dienstes zeigen: Allein die Lufthansa überflog in den vergangenen Tagen 56-mal die Krisenregion in der Ostukraine.
Von Rainer Leurs
Trümmer von Flug MH17 in der Ukraine: Absturz nahe der russischen Grenze

Trümmer von Flug MH17 in der Ukraine: Absturz nahe der russischen Grenze

Foto: MAXIM ZMEYEV/ REUTERS

Hamburg - Passagiermaschinen großer Fluggesellschaften haben den Osten der Ukraine bis zum Abschuss der Malaysia-Airlines-Boeing regelmäßig überflogen. Allein die Lufthansa durchquerte mit ihren Flugzeugen zuletzt 56-mal den Luftraum über der Region Donezk. Das zeigen Daten des Trackingportals "Flightradar24.com ", die auf Übertragungen des Flugsicherungssystems ADS-B beruhen.

Erfasst wurden dabei Überflüge in den vergangenen sieben Tagen in einem Radius von knapp 140 Kilometern um die ukrainische Industriemetropole. Ganz vorn liegt demnach die russische Airline Aeroflot (86 Überflüge in einer Woche). Es folgen Singapore Airlines (75), Ukraine International Airlines (62) sowie die Lufthansa (56). Hinzu kommen für das deutsche Unternehmen noch neun Flüge der Lufthansa Cargo.

Direkt über das Krisengebiet flogen in der vergangenen Woche zum Beispiel folgende Maschinen:

  • Lufthansa Flug 797 von Hongkong nach Frankfurt am Main (Boeing 747)

  • Lufthansa Flug 772 von Frankfurt am Main nach Bangkok (Airbus A340)

  • Lufthansa Flug 778 von Frankfurt am Main nach Singapur (Airbus A380)

  • Lufthansa Flug 730 von München nach Hongkong (Airbus A340)

In der Rangliste der Fluggesellschaften folgt erst auf Platz fünf Malaysia Airlines (48 Überflüge), deren Boeing 777 am Donnerstagnachmittag in der Nähe der russischen Grenze abstürzte, mutmaßlich nach einem Abschuss durch Boden-Luft-Raketen.

Auch Flugzeuge der deutschen Luftwaffe betroffen

Die Daten zeigen, dass in der Region um Donezk bis zuletzt reger Flugverkehr herrschte. Sollte es sich bei dem Angriff um einen wahllosen Akt oder gar um ein Versehen handeln, hätte es folglich auch Maschinen diverser anderer internationaler Airlines treffen können.

In der vergangenen Woche waren außer den Lufthansa-Flugzeugen mindestens 48-mal Zivilmaschinen in der Krisenregion unterwegs, die zuvor in Deutschland gestartet waren oder später dort landen sollten. Das gilt etwa für Air India Flug 121 von Delhi nach Frankfurt am Main oder für die Thai-Airways-Maschine von Frankfurt am Main nach Bangkok. Auch Flugzeuge der deutschen Luftwaffe durchquerten das Kriegsgebiet, laut "Flightradar24.com" siebenmal.

Überflüge der Region Donezk in den vergangenen sieben Tagen, geordnet nach Fluggesellschaften (Quelle: Flightradar24.com)

Überflüge der Region Donezk in den vergangenen sieben Tagen, geordnet nach Fluggesellschaften (Quelle: Flightradar24.com)

Foto: SPIEGEL ONLINE

Vor dem Absturz hatten die ukrainischen Behörden den Luftraum laut Eurocontrol zwar bis in eine Höhe von etwa 9700 Metern gesperrt. In größeren Höhen gab es allerdings keine Einschränkungen für den zivilen Luftverkehr. Erst nach dem Abschuss von Flug MH17 wurde der Luftraum komplett gesperrt.

Inzwischen kündigten die meisten großen Fluggesellschaften an, die Ostukraine künftig meiden zu wollen, darunter auch die Lufthansa. Firmensprecher Thomas Jachnow teilte SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mit, die Airline sei "wie bekannt bis gestern Nachmittag über die Ostukraine geflogen". Am Donnerstag seien vier Flüge umgeleitet worden. "Ansonsten routen wir nun täglich 28 Flüge konzernweit um." Zu den konkreten Überflugzahlen aus der vergangenen Woche äußerte sich Jachnow nicht.

Einige internationale Airlines umfliegen die umkämpften Gebiete bereits seit längerer Zeit. Nach einer Zusammenstellung der "New York Times" mieden beispielsweise Air France und British Airways ukrainisches Gebiet. Auch die polnische Airline LOT gab am Freitag an, schon länger an der Ukraine vorbeizufliegen. Tatsächlich tauchen diese Airlines in den Daten aus Donezk nicht auf.

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