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Möglicher Abschuss Malaysische Passagiermaschine über Ukraine abgestürzt

In der Ukraine ist ein Passagierflugzeug aus Malaysia abgestürzt. Die Maschine sei abgeschossen worden, behauptet ein Berater des ukrainischen Innenministeriums. Der Vorfall hat sich nahe der russischen Grenze ereignet.

Hamburg - Im Osten der Ukraine ist eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines abgestürzt. Das meldete unter anderem die russische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf ukrainische und russische Sicherheitsbehörden. Das Flugzeug sei abgeschossen worden, behauptete Anton Geraschtschenko, Berater des ukrainischen Innenministeriums, nach Angaben der russischen Agentur Ria Nowosti. Alle 280 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder seien tot.

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Absturzstelle sei das von ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten umkämpfte Konfliktgebiet Donezk, hieß es. Die Boeing 777 sei in einer Höhe von rund 10.000 Metern geflogen und bei der Ortschaft Grabowo nahe der Stadt Schachtjorsk abgestürzt. Das Flugzeug sei von einer Rakete aus einem Flugabwehrsystem vom Typ Buk getroffen worden, vermutete Geraschtschenko.

Kurz vor Bekanntwerden des Absturzes hatten sich die Separatisten noch mit dem Abschuss einer Militärmaschine gebrüstet. Die Antonow-26 sei über der Ortschaft Tores abgeschossen worden, nur 20 Kilometer entfernt von Grabowo.

Die prorussischen Kräfte gaben zum Absturz des malaysischen Fliegers an, sie besäßen keine Waffensysteme, um Maschinen in 10.000 Metern Höhe abzuschießen. Die "Moscow Times" berichtete jedoch, die Rebellen hätten Ende Juni selbst bekannt gegeben, Buk-Flugabwehrsysteme erbeutet zu haben.

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Malaysia Airlines: Flugzeugabsturz in der Ukraine

Foto: MAXIM ZMEYEV/ REUTERS

Der Abschuss selbst wäre mit dem System möglich: Laut öffentlich verfügbaren Informationen kann es je nach Typ der eingesetzten Abwehrrakete Flugzeuge sogar in Höhen von 14 bis 25 Kilometern bekämpfen. Flug MH17 soll zuletzt in 10 Kilometern Höhe unterwegs gewesen sein. Auch dass ein getroffenes Passagierflugzeug nicht in der Luft zerbricht, sondern als Ganzes abstürzt, wäre plausibel, sagte ein Branchenexperte SPIEGEL ONLINE, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Ukraine und Separatisten werfen sich gegenseitig Abschuss vor

Die Raketen des Buk-Systems verfügen über einen 60 bis 70 Kilogramm schweren sogenannten Fragmentations-Gefechtskopf, der von einem Radar-Näherungszünder ausgelöst wird. Er explodiert in unmittelbarer Nähe des Flugzeugs und durchlöchert es.

Die ukrainische Regierung und die prorussischen Separatisten warfen sich gegenseitig vor, für den möglichen Abschuss der Maschine verantwortlich zu sein. Das Pressebüro des ukrainischen Präsidenten teilte laut Interfax mit, die Streitkräfte des Landes hätten mit dem Absturz nichts zu tun.

Flugroute von MH17: Absturz über der Ostukraine

Flugroute von MH17: Absturz über der Ostukraine

Foto: SPIEGEL ONLINE

Malaysia Airlines veröffentlichte eine kurze Stellungnahme. Demnach ging der Kontakt zur Maschine mit 280 Passagieren und 15 Crewmitgliedern um 15.15 Uhr MESZ verloren. Zu dem Zeitpunkt habe sich das Flugzeug rund 50 Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze befunden. Die Maschine mit der Flugnummer MH17 war um 12.14 Uhr Ortszeit in Amsterdam gestartet und auf dem Weg nach Kuala Lumpur.

Für Malaysia Airlines ist es schon der zweite Verlust einer Passagiermaschine in diesem Jahr. Am 8. März war Flug MH370 nach dem Start in Kuala Lumpur in Richtung Peking von den Radarschirmen verschwunden. An Bord der Boeing 777 waren 239 Menschen. Über ihr Schicksal und darüber, was an Bord der Maschine passierte, herrscht völlige Ungewissheit. Trotz intensiver Suche wurde bislang keine Spur der Unglücksmaschine entdeckt. Bei der jetzt abgestürzten Maschine handelt es sich um denselben Flugzeugtyp.

Lufthansa leitet Flüge um

In der Ukraine können Hilfskräfte offenbar nicht zu der zerschellten Maschine vordringen, da das Absturzgebiet, etwa 60 Kilometer westlich der russischen Grenze, von den prorussischen Separatisten kontrolliert wird. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf einen Reporter vor Ort, Trümmerteile der Maschine seien bis zu 15 Kilometer von der Absturzstelle entfernt gefunden worden. Rund um das brennende Wrack seien bislang etwa hundert Leichen entdeckt worden.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko richtete umgehend eine Untersuchungskommission ein, zu der auch internationale Experten eingeladen wurden, darunter aus den Niederlanden und Malaysia. "Wir schließen nicht aus, dass auch diese Maschine abgeschossen wurde", hieß es unter Hinweis auf zwei ukrainische Militärflugzeuge, die in den vorangegangenen Tagen abgeschossen worden seien. Poroschenko sprach von einem "terroristischen Akt".

Malaysias Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein teilte via Twitter mit, es gebe keine Bestätigung für einen Abschuss. Er habe das Militär beauftragt, den Fall zu untersuchen.

Nach dem Absturz hat sich die Lufthansa entschlossen, den Luftraum in dem Gebiet bis auf Weiteres zu meiden. Ähnlich reagierten andere Airlines. "Es gab und gibt derzeit keine Sperrung des Luftraums der Ukraine", sagte Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty SPIEGEL ONLINE. Dennoch habe sich die Airline entschieden, "von sofort an den ostukrainischen Luftraum weiträumig zu umfliegen". Die Sicherheit der Passagiere habe für das Unternehmen oberste Priorität. Betroffen seien von der Maßnahme am heutigen Donnerstag noch vier Flüge. Keine Einschränkung gebe es dagegen zurzeit für die Lufthansa-Ziele Kiew und Odessa.

Nach einem Bericht des Flugsicherheits-Branchendienstes "Aviation Herald" wurde der Luftraum um die ostukrainische Metropole Donezk etwa 90 Minuten nach dem Absturz der Maschine gesperrt.

In Deutschland prüft der Krisenstab im Auswärtigen Amt, ob auch deutsche Staatsbürger an Bord der Boeing waren. Bisher aber gibt es noch keine belastbaren Erkenntnisse.

wit/rls/ulz/mbe/Reuters/dpa/AP/AFP