Mammut-Prozess in Berlin Der letzte Auftritt des Terror-Opas

Ein Veteran des Terrorismus steht ab Mittwoch in Berlin vor Gericht: Johannes Weinrich, Komplize des Terrorfürsten Carlos. Pünktlich zum Prozessbeginn tauchen nun neue Spuren auf, die die mysteriöse Geschichte der Bomben-Guerilleros endgültig aufklären könnten.

Berlin - Wenn am Mittwoch im panzerglasgeschützten Saal 500 des Landgerichts Berlin der erste Prozesstag gegen den 55-jährigen Johannes Weinrich beginnt, haben alle Beteiligten ihre jeweils eigenen Interessen. Für insgesamt fünf Terror-Attacken machen die Ankläger Weinrich "hauptverantwortlich für Planung und Durchführung", wie sie in ihrer Anklageschrift schreiben.

Für Weinrich selbst hat der Prozess nur noch therapeutische Wirkung. Der Mann mit der verkniffenen Miene, dem mittlerweile eher altbacken wirkenden Drei-Tage-Bart und der Lesebrille auf der Nase kommt endlich mal wieder regelmäßig aus seiner Zelle im Hochsicherheitstrakt der Haftanstalt Berlin-Tegel.

Noch einmal wird der laut einer BKA-Expertise aus den Achtzigern als "gefährlichster Terrorist der Bundesrepublik" eingestufte Mittfünfziger wieder im Mittelpunkt stehen. Im schusssicheren Glaskasten wird er den letzten Akt seiner kriminellen Karriere als Terrorist verfolgen.

Für den Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis hingegen ist der Prozess schlicht das Ende jahrelanger Ermittlungen, die ein Teil seines Lebens geworden ist, wie er sagt. "Wir schulden den Opfern die Aufarbeitung dieser Verbrechen", fügt er hinzu.

Eins der Opfer von Carlos und Weinrich, die in den siebziger und achtziger Jahren eine blutige Terror-Spur durch ganz Europa zogen, wird am Mittwoch ebenfalls erscheinen. Marie Puldas wurde am 21. Februar 1981 von der Explosion im Radiosender "Radio Free Europe" so schwer verletzt, dass es Jahre dauerte, bis die Ärzte ihr Gesicht wieder herstellen konnten. "Weinrich hat mir zwanzig Jahre meines Lebens genommen, die würde ich ihm nun gern zurückgeben", sagt die gebürtige Tschechin, die nach dem Prozess auch auf eine finanzielle Entschädigung hofft.

Zeitreise in die achtziger Jahre

Während momentan alle Welt vom islamistischen Terrorismus, von Osama bin Laden und seinen Getreuen oder den Gefahren durch den irakischen Diktator Hussein redet, geht das Gericht in Berlin ab Mittwoch auf Zeitreise. Anhand der Akten und mit Dutzenden von Zeugen versetzt sich der Gerichtssaal in die Zeit, als der Venezuelaner Illich Ramirez Sanchez alias Carlos gemeinsam mit Weinrich Europa und die ganze Welt mit ihrem Terror in Atem hielt. Zuerst nur für die Sache der linken Revolution, später aber auch aus purer Gier nach Geld mordeten die beiden. Beide galten als die meistgesuchten Männer überhaupt. Seit mehr als zehn Jahren nun sitzen beide in Haft: Carlos in Paris und Weinrich in Berlin.

Doch es sind nicht die Details der Taten, die den Berliner Prozess spannend machen. Die meisten Terror-Attacken von Carlos und Co. sind seit langem bekannt und geklärt. Weinrich selber ist bereits zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, kann also nichts mehr verlieren. Trotzdem wird er vermutlich nicht aussagen.

Dennoch kommt in das Ermittlungsverfahren nun Bewegung. Erst kürzlich wurde bekannt, dass französische Ermittler bereits im Jahr 2001 ein interessantes Verhör mit dem Araber Abul Hakam alias Ali führten. Hakam galt lange Zeit als rechte Hand von Carlos und berichtete den Ermittlern offenbar recht offen über die Zeit mit dem so genannten Terror-Schakal.

Neue Zeugen auch für Berlin?

Was Hakam den Ermittlern berichtete, könnte auch für den Berliner Prozess interessant werden. Denn der Araber nannte den Fahndern Namen von Eidgenossen, die an den Anschlägen von Carlos und Weinrich mitgewirkt haben sollen. Die Terror-Ermittler hoffen nun, den Fall Carlos und Co. endgültig aufzuklären. Schon jetzt kündigt sich an, dass die neuen Erkenntnisse aus der Schweiz auch den Berliner Prozess in die Länge ziehen könnten.

Ebenfalls bewegt sich zurzeit einiges in Griechenland. Dort stehen seit Montag mehrere Mitglieder der Bewegung "17. November" wegen diverser Terror-Anschläge in den vergangenen Jahren vor dem Kadi. Auch mit dieser Gruppe hatten Carlos und Weinrich engen Kontakt, besonders bei geplanten Zielen in Griechenland. Auch diese Terror-Liaison könnte nun - 20 Jahre später - endlich aufgedeckt werden.

Außerdem ist immer wieder aus Tschechien zu hören, dass es neues Material im Fall Carlos gibt. So könnte sich dort endgültig klären, wie der Geheimdienst des damaligen Blockstaats der Sowjets mit Carlos und seinen Männern kooperierte. Für die einen sind all diese Fakten reine Historie. Für die Ankläger jedoch bietet sich ein vielleicht einmalige Chance zur Aufklärung eines ganzen Jahrzehnts des Terrors.

Fünf Anschläge in acht Jahren

Die Fälle in Berlin jedoch bergen kaum eine Chance für neue Entdeckungen, sie sind weitgehend bekannt und auch bewiesen. Die blutige Spur beginnt in Paris und endet fast zehn Jahre später auch in Frankreich. So soll Weinrich im Jahr 1975 am Pariser Flughafen Orly geplant haben, eine Passagiermaschine der israelischen Fluglinie El Al, voll besetzt mit 148 Menschen, abzuschießen. Letztlich verfehlte die tschechische Bode-Luft-Rakete ihr Ziel und schlug in eine leere Maschine ein.

Im Jahr 1981 soll Weinrich für den rumänischen Geheimdienst Securitate 15 Kilogramm Sprengstoff am Münchner Sender Radio Free Europe abgelegt haben, der der Regierung in Bukarest ein Dorn im Auge war. Drei Menschen wurden bei dem Anschlag schwer verletzt, der damals jungen Marie Pulda zerfetzte der Sprengsatz das Gesicht. Wenig später, im Jahr 1982, flog ein mit Sprengstoff gefülltes Auto in Paris in die Luft. Ein Jahr darauf hatte Weinrich laut Anklageschrift versucht, in Athen den saudiarabischen Botschafter zu ermorden, doch der Plan misslang.

Schließlich soll Weinrich am Silvesterabend des Jahres 1983 eine zehn Kilogramm schwere Bombe im Gepäckfach des Bahnhofs von Marseille gezündet haben. Fast zeitgleich detonierte damals eine weitere Bombe in einem Schnellzug des Typs TGV. Bei diesen Anschlägen kamen fünf Menschen um, viele wurden verletzt. Die Ermittler glauben, dass Carlos und Weinrich beide Anschläge ausführten, um Carlos Freundin Magdalena Kopp freizupressen, die damals in französischer Haft saß.

Urteil wichtig für die Opfer

Fast scheint es, als ob der Prozess gegen Johannes Weinrich ein reiner Geschichts-Kurs für interessierte Terror-Forscher wird. Denn die Opfer von Carlos und Weinrich sind in dem Berliner Prozess die einzigen, für die es noch um etwas geht. Sie erhoffen sich, dass nach einem Urteil endlich Schadenersatzzahlungen möglich werden - schließlich geht auch die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage davon aus, dass hinter manchem der Anschläge staatliche Organisationen standen. Von den betroffenen Ländern soll nach einem Urteil dann Geld für die Opfer eingeklagt werden.

Der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz will deshalb im Fall seiner Mandantin Marie Pulda Geld vom rumänischen Staat, da dieser laut Anklage hinter dem Komplott gegen die Radio-Free-Europe-Zentrale in München stand. Hoffnung nicht nur für Marie Pulda brachte das "La Belle"-Urteil Ende November 2002. Nachdem in dem Fall der ebenfalls von einer Terror-Bombe verwüsteten Berliner Diskothek eine eindeutige Mitschuld des libyschen Geheimdienstes anerkannt wurde, wird über das Auswärtige Amt (AA) wieder über mögliche Zahlungen verhandelt. Bis es zu ähnlichen Verhandlungen für die Carlos-Opfer kommt, kann aber noch einige Zeit vergehen.

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