Manhattan Absturz eines Kleinflugzeugs versetzt New Yorker in Terrorangst

Sirenengeheul in Manhattan, Kampfjets über New York: Ein Kleinflugzeug ist in einen Wolkenkratzer gestürzt, die Polizei löste Terroralarm aus. Trotz Entwarnung - an Bord der Maschine befanden sich ein Baseballstar und sein Fluglehrer - bleiben Fragen: Wie steht es mit der Sicherheit des Luftraums?

New York - Der Handwerker Bob Miranda war gerade dabei, eine Wohnung im 36. Stockwerk zu renovieren. Als er zufällig aus dem Fenster schaute, sah er das Unglaubliche: Ein kleines Sportflugzeug raste direkt auf ihn zu. Er konnte sogar das Gesicht des Piloten sehen. Sekunden später schlug die Maschine ein - nur ein paar Etagen tiefer. "So viel Angst", sagt er, "hatte ich in meinem Leben noch nie."

Der schmale Miranda und sein Kollege Luis Gonzalez, ein bulliger, tätowierter Latino, retteten sich per Aufzug ins Freie. Ein paar Straßen weiter, unter der Markise des "Cafe York Gourmet Deli", werden die beiden Männer von Kameras umringt. Mirandas braunes T-Shirt ist nass vom Regen, die rechte Hand blutig geschrammt. In der linken hält er einen Erdbeer-Shake. "Mein Handy", schimpft er plötzlich. "Ich habe es oben vergessen."

Inzwischen steht fest, wer im Flugzeug saß: Cory Lidle, 34, ein Baseball-Pitcher der New York Yankees, und sein Fluglehrer. Beide starben, als sich Lidles Privatflugzeug, eine einmotorige Propellermaschine des Typs Cirrus, in das Hochhaus mitten in Manhattan bohrte - zwischen dem 30. und 31. Stock.

"Nicht riskanter als Autofahren"

Es war, wie Bürgermeister Michael Bloomberg sagt, ein "sehr tragischer" Unfall. Doch für ein paar Stunden versetzte der die New Yorker in einen Ausnahmezustand, der vielen hier nur allzu bekannt ist. Binnen Minuten mobilisierte das New York Police Department (NYPD) schwer bewaffnete Anti-Terror-Einsatztrupps und riegelte fast die gesamte Upper East Side hermetisch ab. Endloses Sirenengeheul erfüllt die Luft, Dutzende Helikopter knattern herum, zwei Kampfflieger jagen vorbei. "Wie am 11. September", sagt Gonzalez und nickt wissend.

Das Drama begann am frühen Nachmittag: In Manhattan war die Schule zu Ende. Schnatternde Kindergruppen hüpften durch die Straßen. In den Avenues begann langsam die Rushhour. Knapp 20 Kilometer östlich, auf dem Flughafen Teterboro in New Jersey, startete um 14.29 Uhr Lidles Cirrus SR-20.

Der Yankee-Spieler hatte erst vergangenes Jahr seinen Flugschein gemacht und wollte nach Los Angeles, in Begleitung seines Fluglehrers. "Klar, es ist riskant", hatte er im August über sein Hobby gesagt. "Aber nicht riskanter als Autofahren." Die Flugbedingungen waren gut: 540 Meter hohe Wolkendecke, schwacher Ostwind.

Treibstoffprobleme an der Brücke

Die Cirrus stieg auf, umzirkelte die Freiheitsstatue und schnurrte in etwa 350 Metern Höhe über dem East River an der Skyline entlang nach Norden. Eine übliche Route, wie Bürgermeister Bloomberg später sagt, die "keine Luftraumregeln verletzte".

Im Gegenteil: Seit 9/11 sind die Flugbeschränkungen über New York längst wieder gelockert. "Der Luftraum über Manhattan ist oft wie eine volle Autobahn", sagt James O'Brady, ein Hobbypilot aus Chelsea. Nur manchmal heben die Passanten irritiert den Kopf, wenn ein Flieger zu tief anfliegt.

Als sich die Cirrus in Höhe der Queensboro Bridge befand, schnappten Fluglotsen ein Notsignal auf: Treibstoffprobleme. Dann verloren sie den Kontakt. Es war 14.40 Uhr.

Lauter Krach und Feuerball

Unten in der Straße hörten die Menschen ein Röhren. "Wie ein Truck", sagt Felipe Fuentes, ein Obstverkäufer an der 73rd Street. "Ein Truck in der Luft." Die Krankenschwester Jane Todd aus dem nahen New York Presbyterian Hospital will die Cirrus trudeln gesehen haben.

Alles ging sekundenschnell. Die Cirrus stürzte von Norden her direkt auf das Haus 524 East 72nd Street, einen 42-stöckigen Wohnturm inmitten der gigantischen, verzweigten Krankenhauskomplexe auf der Upper East Side. Das Haus heißt "Belaire" und ist eines dieser gehobeneren Refugien, die es in der Stadt zu Hunderten gibt: ein enormer Klinkerbau mit portierbewachter Lobby und grüner Markise. In den unteren Geschossen befinden sich Arztpraxen und Labore. Oben wohnen "Schauspieler, Ärzte, Anwälte", sagt die Krimiautorin Carol Higgins Clark, die im 38. Stock lebt und zum Zeitpunkt des Absturzes gerade im Taxi saß - auf dem Weg nach Hause.

"Es gab einen lauten Krach und einen Feuerball", sagt eine brünette Frau unten auf der Straße mit bebender Stimme. Trümmer und Fassadenteile regneten aufs Trottoir, dichte Qualmwolken hüllten das ganze Viertel ein, wie an jenem Septembertag vor fünf Jahren. 14.42 Uhr: Der erste Notruf geht ein.

Zweistöckiges Loch in der Fassade

Einer der Notrufe kam von der Schauspielerin Joanne Hartlaub, die gleich gegenüber wohnt, in der 525 East 72nd Street. "Ich sah es, bevor es einschlug", sagt die Frau - und setzt dann stirnrunzelnd hinzu: "Ich habe keine Flügel gesehen." Dann der Einschlag: "Wie ein Erdbeben. Alle Fenster gingen zu Bruch."

Die Cirrus riss ein zweistöckiges Loch in die Nordfassade des "Belaire". Flammen schlugen aus den zerborstenen Wohnungsfenstern. Schnell fraß sich ein breites Rußband hoch bis zum Dach - und bis unten. Dorthin, wo die Helfer auf der Straße später den verkohlten Reisepass Lidles finden - und die Leichen der Cirrus-Insassen.

Es bedarf nicht viel in New York, um die Erinnerung an den 11. September zu wecken. Innerhalb von Minuten mobilisierten das NYPD, die Feuerwehr, das Heimatschutzministerium und das FBI den Terror-Notfallplan. "Massiv, schnell und koordiniert", beschreibt Bloomberg die Reaktion. "Exakt wie wir es gewollt hatten."

Einsatz nur im Ernstfall

Hochgerüstete Sondereinsatzkommandos marschierten auf, Maschinengewehre im Anschlag, in dunkelblauen Uniformen und Stahlhelmen. Außerdem 39 Feuerwehr-Einheiten, Bergungstrupps mit Fallschirmen und zwei Teams der Joint Terrorism Task Force. Die Feuerwehrmänner stürmten das "Belaire" und jagten, so Bloomberg, "von Tür zu Tür". Das Haus wurde evakuiert. Auch ein Arzt-Ehepaar in einem direkt getroffenen Apartment entkam unverletzt.

Gleichzeitig schickte das Pentagon mehrere Dutzend F-16-Kampfjets in den Luftraum über New York und anderer Großstädte in den USA und Kanada. "Sie waren in weniger als zehn Minuten in der Luft", versicherte Admiral Timothy Keating, der Kommandeur des United States Northern Commands. "Wir gingen davon aus, dass dies ein Terrorakt war - bis wir sicher waren, dass es keiner war." Die Marine schickte sechs bewaffnete Boote.

Dabei lässt sich New Yorks Luftraum nicht hundertprozentig sichern, auch nach den Erfahrungen von 9/11 nicht. Ein militärischer Dauerschutz der Stadt von oben wäre viel zu teuer. F-16 und "Black-Hawk"-Helikopter kommen nur im Ernstfall zum Einsatz - und dann ist es, wie hier, meistens schon zu spät.

"Schmerzhaft verwundbare Lücke"

Die Luftfahrtbehörde FAA hat zwar eine "Air Defense Identification Zone" über New York eingerichtet: einen Kontrollbereich von drei überlappenden Kreisen, Durchmesser je 55 Kilometer, in deren Mittelpunkten die Flughäfen Kennedy, LaGuardia und Newark liegen. Darin können sich Maschinen aber frei bewegen, so sie einen Flugplan anmelden. Privatpiloten müssen sich lediglich mit ihren Heckflossennummer kenntlich machen. Der Luftraum, sagt Bruce Hoffman, Terrorabwehrexperte des Forschungsinstituts Rand Corporation, bleibt eine "schmerzhaft verwundbare Lücke".

Nach einer halben Stunde kam die Entwarnung: Die FAA hatte die Maschine identifiziert. Die Menschen auf der Straße ahnten es schon früher. "Das Flugzeug war so klein, das war kein Anschlag", sagt eine ältere Dame an der 73rd Street. "Wieso auch, auf ein Wohnhaus?"

Die Unglückszone bleibt dennoch weiträumig abgesperrt, die meisten Schaulustigen gehen langsam weiter. Ein vom Regen durchnässter Arzt in Kittel und Stethoskop ballt die Faust zu einem Polizisten, der ihn nicht durchlässt: "Ihr reagiert völlig über!" Bob Miranda steht immer noch unter der Markise des "Cafe York Gourmet Deli" und erzählt seine Story zum x-ten Male.

"Stell bloß sicher, dass du genug Sprit hast", sagte Cory Lidle einmal vor einem Flug. Festgehalten wurde das auf einem Video, das gestern über alle lokalen TV-Kanäle flimmerte. Darauf ist er kaugummikauend, grinsend und sichtlich stolz am Steuerknüppel eines kleinen Fliegers zu sehen.

Er hinterlässt eine Frau und einen sechsjährigen Sohn. Sie hatten eine Linienmaschine nach Los Angeles genommen.

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