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Schiffbrüchiger José Alvarenga "Manchmal springen die Fische ins Boot"

Auf den Marshall-Inseln im Südpazifik ist ein Mann aufgetaucht, der behauptet, 13 Monate allein auf hoher See überlebt zu haben. Ist das überhaupt möglich? "Ja", sagt Abenteurer und Atlantik-Überquerer Rüdiger Nehberg alias Sir Vival.
Von Gesa Mayr

Hamburg - Auf wackligen Beinen verlässt der bärtige Mann das Boot. Seine Füße sind geschwollen, die Haare hängen ihm wild ins Gesicht, in der Hand hält er eine Cola-Dose. Er winkt in die Kameras, scheint nicht eine Spur überrascht, die vielen Journalisten zu sehen. Schließlich hat er auch eine Geschichte zu erzählen, die irgendwo zwischen "Robinson Crusoe" und "Life of Pi" einzuordnen ist.

José Salvador Alvarenga tauchte vergangene Woche auf dem Ebon-Atoll der Marshall-Inseln auf, rund 4000 Kilometer nordöstlich von Australien. Am Leib trug er lediglich eine zerschlissene Unterhose. 13 Monate habe er auf dem Ozean überlebt, erzählte er den Behörden. Allein, in einem sieben Meter langen Fiberglasboot und ohne Vorräte. Als er nun die Baumwipfel der Insel erkennen konnte, sei er an Land geschwommen.

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Ein Jahr auf hoher See: Der Mann, das Meer und die Möwen

Foto: HILARY HOSIA/ AFP

Seine Odyssee habe Ende Dezember 2012 begonnen. Er sei Fischer und stamme eigentlich aus El Salvador. Seit 15 Jahren lebe er in Mexiko. Zusammen mit einem jungen Mann war er demnach rausgefahren, um Haie zu jagen. Doch auf dem Wasser versagte der Motor, die Männer wurden abgetrieben. Vier Wochen später sei der Jüngere gestorben. Mehr als ein Jahr später strandete der 37-jährige Alvarenga auf der Insel im Südpazifik.

Von Mexiko bis in den Südpazifik sind es rund 10.000 Kilometer. Sonne, Stürme und nicht zuletzt mangelndes Süßwasser lassen eine solche Reise sehr unwahrscheinlich erscheinen. "Er ist sicherlich in einer deutlich besseren Verfassung als man nach so einer Tortur erwartet hätte", sagte der US-Botschafter Thomas Armbruster dem Sender CNN. Und auch auf den Marshall-Inseln ist man vorsichtig. "Wir haben noch keine Gelegenheit gehabt, seine Geschichte zu verifizieren", sagte Außenminister Gee Bing dem australischen Sender ABC. Immerhin: Mexikanische Behörden bestätigten zumindest Namen und Herkunft des Mannes.

Kann ein Mensch tatsächlich 13 Monate auf dem Meer überleben? Ein Anruf bei Extrem-Abenteurer und Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg alias Sir Vival.

SPIEGEL ONLINE: Herr Nehberg, Sie haben selbst bereits mehrfach allein und ohne nennenswerte Ausrüstung den Atlantik überquert, unter anderem waren Sie mit einem Tretboot rund zweieinhalb Monate unterwegs. Halten Sie es für möglich, dass ein Mensch tatsächlich 13 Monate auf dem Meer überlebt?

Nehberg: Ja, das tue ich. Dem Herrn kommt ja auch zugute, dass er ein erfahrener Fischer war. Als solcher weiß man, dass kein Ozean stillsteht. Man kommt immer voran und irgendwann hat man vielleicht Glück, auf Land zu stoßen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist auf hoher See die größte Herausforderung?

Nehberg: Das Problem ist das Trinken. Regen ist überlebenswichtig. Es gibt viele Tricks ihn aufzufangen, auch wenn man keine Behälter hat. Zum Beispiel Kleidung und Textilien auslegen, damit sie das Wasser auffangen. Und es ist wichtig, dass man die Flüssigkeit, die man in seinem Körper hat, nicht vergeudet. Man neigt dazu, immer weiter zu trinken, wenn einem warm ist. Dabei ist es wichtig, nicht alles wieder auszuschwitzen. Gut ist, wenn man seine Klamotten oder Textilien nass macht und die Verdunstungskälte nutzt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Alvarenga gibt an, er habe sich von selbstgefangenen Schildkröten, Möwen und Fischen ernährt. Wenn er kein Regenwasser hatte, habe er auch deren Blut getrunken, um genügend Flüssigkeit zu bekommen. Das hört sich nicht so an, als könne man das ein Jahr aushalten.

Nehberg: Das halte ich auch für falsch. Man bekommt aus den Tieren ja kein Trinkwasser, sondern eiweißhaltige Flüssigkeit. Davon kriegt man nach meiner Erfahrung einen klebrigen Mund und noch mehr Durst.

SPIEGEL ONLINE: Und dass er ohne Angel die Tiere gefangen hat?

Nehberg: Das stimmt allerdings. Wenn man so weit draußen treibt, dann ist man umringt von Fischen. Sie suchen Unterschlupf neben oder unter dem Boot. Man kann problemlos - allerdings mit viel Geduld - wie ein Reiher an der Bootskante lauern und einen Fisch schnappen. Manchmal springen sie sogar ins Boot. Ich hatte öfter fliegende Fische bei mir an Bord.

SPIEGEL ONLINE: Herr Alvarenga sah nicht gerade abgemagert aus.

Nehberg: Vielleicht hatte er Glück und war dick, als er hinaustrieb. Es geht ja zuerst ans Fett, dann an die Muskeln und irgendwann an die geistige Substanz. Aber nach drei Tagen stirbt das Hungergefühl, dann beruhigt man sich, kann wieder klarer denken.

SPIEGEL ONLINE: Nun will er ja rund 10.000 Kilometer in dem kleinen Boot zurückgelegt haben. Muss er da nicht auf Stürme getroffen sein?

Nehberg: Das ist das tolle an einem kleinen Boot, es reitet auf den Wellen. Ich hatte nie das Problem, dass eine Welle mich überrollt hätte. Diese überbrechenden Wellen gibt es meist erst, wenn das Wasser auf die Küste trifft. Aber auf hoher See tragen einen acht Meter hohe Wellen hoch und setzen einen wieder ab. Außerdem gibt es Ruhe- und Orkanphasen - vielleicht hatte er wirklich Glück, in keine Unwetterlage zu geraten.

SPIEGEL ONLINE: Noch ein Anlass für Zweifel: Seine Haut sieht erstaunlich gut aus - dafür, dass er der Sonne so lange nur in Unterhose ausgeliefert war.

Nehberg: Man würde in einer solchen Situation eigentlich stark verbrennen. Aber da er ja ein Schifflein hatte, konnte er dort Schatten suchen.

SPIEGEL ONLINE: Seine Vitalwerte waren auch noch ganz passabel, nur sein Blutdruck war ein wenig niedrig bei seiner Rettung. Kann das sein?

Nehberg: Ich finde das glaubhaft, er war ja ein Fachmann auf See. Ein Tourist wäre sicherlich vor Panik gestorben.

SPIEGEL ONLINE: Also hängt alles vom Kopf ab?

Nehberg: Das ist eine Konditionssache. Wenn der Körper nachlässt, geht nachher viel über die Psyche. Wer bei so einer langen Zeit die Nerven verliert, ist weg. Laien werden in einer solchen Situation oft nervös, regelrecht hysterisch. Da hilft es, wenn man ein gefestigter Charakter ist, ein Phlegmatiker, der denkt: Das wird schon. Außerdem hilft es, Pläne für die Rückkehr zu machen. An die Lieben daheim zu denken.

SPIEGEL ONLINE: Und als geistiges Futter? Alvarenga sagt, er habe sich nie gelangweilt.

Nehberg: Ich habe mich auch nie gelangweilt. Man hat immer zu tun, man beobachtet, man sieht die Fische. Es gibt was zu reparieren. Und man macht sich ständig Gedanken, wie man aus der Misere wieder rauskommt.

Mit Material von AP
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