Corona-Tests für Reiserückkehrer "Trügerische Sicherheit"

Mediziner und Politiker warnen davor, Urlaubern nach nur einem einzigen Negativ-Test die Quarantäne zu erlassen - sie könnten trotzdem infiziert sein. Mecklenburg-Vorpommern hat die Test-Regelung jetzt verschärft.
Corona-Abstrich bei einem Reiserückkehrer am Flughafen Düsseldorf

Corona-Abstrich bei einem Reiserückkehrer am Flughafen Düsseldorf

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Henning Kaiser/ dpa

Ende Juni kehrte eine Leipziger Arztfamilie aus Neuseeland zurück, der Rückflug ging via Los Angeles. Nach der Landung in Deutschland ließen sich Mutter, Vater und zwei Kinder auf Corona testen, Ergebnis: negativ. Eine Woche lang ging das Paar wieder zur Arbeit, bis die Ärztin zu niesen anfing. Sie hielt das erst für Heuschnupfen, ging weitere drei Tage in die Klinik und machte dann einen neuen Test. Am 2. Juli um 15 Uhr stand fest: Ihre Nieskrämpfe hatte Sars-CoV-2 ausgelöst.

Dass weder die 140 Menschen, mit denen die Medizinerin im Helios Herzzentrum Leipzig Kontakt hatte, sich angesteckt hatten, noch ihr Mann und ihre Kinder, hält der Ärztliche Leiter der Klinik für eine glückliche Fügung. "Wenn unsere Mitarbeiterin nicht ständig Atemschutzmasken getragen hätte", sagt Professor Gerhard Hindricks, "hätte das ganz anders ausgehen können."

Hindricks bezweifelt, dass ein einziger Test nach Rückkehr ausreicht, um die Gefahr abzuklären. Die Klinikleitung hat darum ihre mehr als 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebeten, gar nicht in Risikogebiete zu reisen. Andernfalls droht ihnen anschließend eine 14-tägige Quarantäne - ohne Bezahlung vom Arbeitgeber.

Nicht in Sicherheit wiegen

Nach dem Beschluss der Gesundheitsminister der Länder vom vergangenen Freitag genügt es, wenn sich Reisende aus Risikogebieten wie der Türkei oder den USA einmal binnen 72 Stunden nach Rückkehr auf Corona testen lassen. Der Bundesgesundheitsminister will diese Tests zur Pflicht machen. Fällt dabei der Abstrich negativ aus, dürfen die Betroffenen das Haus verlassen. Ausgeblendet wird dabei, dass die Inkubationszeit von Covid-19 bis zu 14 Tage dauern kann.

Der Infektionsmediziner Professor Helmut Fickenscher aus Kiel warnt davor, sich nach einem Negativ-Test am Flughafen in Sicherheit zu wiegen. "Ein einmaliges Ergebnis ist nicht zuverlässig, das Risiko, dass doch eine Infektion vorliegt und weitere Menschen angesteckt werden, ist damit nicht beseitigt." 

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) werben jetzt nachdrücklich dafür, dass zwei negative Corona-Tests vorliegen müssen, bevor die Pflicht zu einer Quarantäne entfällt. Für Mecklenburg-Vorpommern hat das Kabinett in Schwerin am Dienstag beschlossen, dass Rückkehrer aus Risikogebieten ab Donnerstag erst nach einem zweiten negativen Test aus der Quarantäne entlassen werden können. Ein einziger Test könne eine "trügerische Sicherheit" vermitteln, sagt Schwesig.

"Medizinisch und infektionshygienisch äußerst fragwürdig"

Silvia Stieper, Leitende Ärztin Infektionsschutz beim Gesundheitsdienst des Kreises Rendsburg-Eckernförde

Anlass für die schärfere Linie in Schwerin ist auch die jüngste Häufung von Corona-Infektionen. Binnen fünf Tagen registrierte die Landeshauptstadt 19 neue Fälle. Unter ihnen: ein aus dem Kosovo heimgekehrter Arzt mit einem ähnlichen Verlauf wie bei der Leipzigerin. Nach einem negativen Test ging er wieder zur Arbeit. Zwei Tage später ließ er sich erneut abstreichen – und war Corona-positiv.

Alle Kontaktpersonen unter seinen Patienten und im Personal seien inzwischen zweimal getestet worden, sagt ein Sprecher der Helios-Kliniken Schwerin. Bisher seien alle negativ. Doch aus der Gefahrenzone ist man noch nicht: Fünf weitere Testreihen im Abstand von drei Tagen stehen aus.

Fachleute in Schleswig-Holstein sind skeptisch, ob die neuen Vorgaben ausreichen. Sich mit einem einzigen Test aus der Quarantänepflicht quasi freikaufen zu können, sei "medizinisch und infektionshygienisch äußerst fragwürdig", sagt Silvia Stieper, Leitende Ärztin Infektionsschutz beim Gesundheitsdienst des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Wer sich erst kurz vor der Abreise oder im Flugzeug angesteckt habe, sei bei einem Test am Flughafen nicht zwingend positiv.

"Gerade junge Leute, die häufig keine Symptome zeigen, würden dann zurück am Wohnort ihre Kontakte aufnehmen und könnten dabei das Virus sofort verbreiten." Im Mittel brauche es fünf bis sieben Tagen, bis erste Symptome nach einer Ansteckung auftreten. In ihrem Landkreis, so Stieper, seien bereits etliche Covid-19-Infektionen entdeckt worden bei Reiserückkehrern, etwa aus Polen, Mexiko und Serbien – und nicht immer sei dies beim ersten Test festgestellt worden. 

Der Kreis Rendsburg-Eckernförde führt seit zwei Wochen ein Pilotprojekt durch: Er bittet Reiserückkehrer aus Risikogebieten, die einen negativen Test vorgelegt haben, sich kostenfrei noch ein zweites und drittes Mal testen zu lassen, und zwar am sechsten und zehnten Tag nach der Rückkehr. Der Gesundheitsdienst will damit Erkenntnisse gewinnen, wie aussagekräftig ein erster Test bei der Rückkehr überhaupt ist und wie häufig Infektionen zunächst nicht erkannt werden. 

Präventionslücke

Der Bundestagsabgeordnete und Mediziner Karl Lauterbach (SPD) weist auf eine weitere Präventionslücke hin. Er dringt darauf, dass auch Menschen aus Ländern, die nicht als Risikogebiete definiert sind, nach ihrer Rückkehr kostenlose Corona-Abstriche bekommen können. Urlauber aus Frankreich , Spanien oder Österreich müssen aktuell nämlich weder in Quarantäne noch sich testen lassen.

Auch Gerhard Hindricks vom Herzzentrum Leipzig, der dort für die Versorgung der gesamten Stadt mit Covid-19-Intensivbetten zuständig ist, wirkt besorgt. Großzügig lockere der Freistaat Sachsen derzeit alle Corona-Restriktionen, obwohl die Gefahr, die von Rückkehrern ausgeht, noch gar nicht bekannt sei. 

"Bei Sportveranstaltungen sind wieder 1000 Zuschauer zugelassen, zu Familienfeiern dürfen 100 Leute kommen. Wenn bei solchen Events dann Urlaubsrückkehrer mit unentdeckter Corona-Infektion sitzen", sagt Hindricks, "könnten wir eine zweite Welle schon vor der kalten Jahreszeit bekommen." 

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