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Gestorben Margaret Keane, 94

aus DER SPIEGEL 27/2022
Foto:

John Palmer / MediaPunch / dpa

Ihre Bilder von Kindern mit riesigen, traurigen Augen hingen in den Sechzigerjahren in vielen US-Wartezimmern. Doch die Zahnärzte und anderen Eigentümer der naiven Werke dachten, Walter Keane hätte sie gemalt – der Mann, den die aus Tennessee stammende Künst­lerin Margaret Keane 1955 geheiratet hatte. Der geniale Vermarkter gab ihre Bilder als seine aus, ließ die großäugigen Gesichter auf Poster und Postkarten drucken. Seine Frau Margaret zwang er, hinter verschlos­senen Türen Nachschub zu malen. Das Kunstestablishment hasste die Keane-Kinder; ein Kritiker sorgte 1964 mit einem Verriss dafür, dass ein Großwerk bei der Weltausstellung in New York abgehängt wurde. 1965 trennte sich Margaret Keane von ihrem Mann, zog nach Hawaii und wurde Zeugin Jehovas. Den Schwindel um die Bilder ließ sie 1970 in einem Interview auffliegen. Darin forderte sie Walter zu einem Malwettstreit mitten in San Francisco auf. Der kam nicht, überzog aber seine Ex-Frau mit Belei­digungen. 1986 kam der Fall in Honolulu vor Gericht, wo Margaret rasch das Beweisstück 224 anfertigte, während Walter eine Schulterverletzung vorschützte. Die Künstlerin bekam recht, ihr Ex-Mann wurde zu vier Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt, die er aber nicht zahlen konnte. Er starb 2000, ohne seinen Betrug öffentlich eingestanden zu haben. Sie hingegen malte weiter Kindergesichter, mit fröhlicherem Ausdruck als früher. 2014 verfilmte Tim Burton die Geschichte des Paares in »Big Eyes«. Margaret Keane starb am 26. Juni im kalifornischen Napa.

FEB
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