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Umstrittener Gender-Vortrag an der Humboldt-Uni Ist doch Grundkurs in Biologie, oder?

Wegen »Sicherheitsbedenken« hatte die Humboldt-Uni einen umstrittenen Gender-Vortrag abgesagt. Die Biologin durfte ihn nun nachholen. Doch auch nach der anschließenden Podiumsdiskussion scheinen die Fronten verhärtet.
Biologin Marie-Luise Vollbrecht bei ihrem Vortrag »Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht: Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt«

Biologin Marie-Luise Vollbrecht bei ihrem Vortrag »Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht: Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt«

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Sollte die Bühne, die Marie-Luise Vollbrecht von der Berliner Humboldt-Universität bekommt, wirklich ein Indikator für die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sein, dann ist es um die nicht schlecht bestellt. Im Hörsaal sind an diesem Donnerstagabend kaum noch Plätze frei, Fernsehteams haben Kameras aufgebaut, einige Zuhörer stehen in den Türen.

Ihren Vortrag »Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht – Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt« hätte Vollbrecht schon vor knapp zwei Wochen halten sollen. Doch die Humboldt-Universität hat ihren Auftritt im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften kurzfristig abgesagt. Linke Jurastudenten hatten Proteste gegen die aus ihrer Sicht transfeindlichen Positionen Vollbrechts angekündigt, Unterstützer der Biologin meldeten Gegendemos an. Die HU begründete ihre Absage schließlich mit »Sicherheitsbedenken« – und wurde dafür von allen Seiten kritisiert. Ein Nachholtermin mit anschließender Podiumsdiskussion soll nun die Wogen wieder glätten. Aber geht das überhaupt noch?

»Dann fange ich mal den Vortrag an, den die meisten von euch eh schon kennen«, steigt Vollbrecht ein, der Saal lacht. Ihren Vortrag hat sie inzwischen für die »Zeit« aufgeschrieben und in einem Livestream gehalten, auf YouTube hat das Video 120.000 Klicks.

Was danach folgt, erinnert an einen Grundkurs in Biologie: Vollbrecht spricht von Chromosomen und Gameten, erklärt primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale, intra- und intersexuelle Selektion. Im Grunde geht es ihr jedoch um sprachliche Genauigkeit: Im Englischen gibt es das Wort »sex« für das biologische Geschlecht und den Begriff »gender« für soziale Geschlechterrollen. Im Deutschen, so Vollbrecht, werde beides oft verwechselt. »Dabei gibt es nur zwei biologische Geschlechter: männlich und weiblich.«

Immer wieder Zwischenrufe aus den oberen Reihen

Der Auftritt verläuft friedlich, ab und zu gibt es Applaus, von den oberen Reihen ruft eine Frau immer wieder ein entschlossenes »Genau!« Richtung Bühne. Sie heißt Linda, ist 40 Jahre alt und arbeitet in der Filmbranche. Ihren vollen Namen will sie nicht nennen. An der Debatte, sagt Linda, störe sie vor allem die Aggressivität der Transgender-Aktivisten. »Früher gab es auch schon Transsexuelle, die haben das aber nicht jedem auf die Nase gebunden«, sagt sie. »Ich will nicht als Terf beschimpft oder gebärendes Wesen genannt werden. Ich bin eine Frau, Punkt.« Terf ist die Abkürzung für »Trans Exclusive Radical Feminist«, also eine Feministin, die Transmenschen ausschließt.

Die Podiumsdiskussion zum Thema Wissenschaftsfreiheit will Linda sich nicht mehr anschauen, »zu einseitig besetzt«. Auch Marie-Luise Vollbrecht wird nicht kommen. »Mein Vortrag war korrekt und muss nicht kontextualisiert werden«, sagt sie.

Gabriele Metzler macht das wütend. »Einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten und den danach nicht wissenschaftlich zu diskutieren, halte ich für einen Skandal.« Metzler ist Historikerin, sie lehrt an der HU. Auch wenn sie mit Vollbrecht nicht einer Meinung ist: Dass ihr Vortrag nachgeholt wurde, findet sie richtig. »Allein um den Vorwurf zu entkräften, bestimmte wissenschaftliche Positionen dürften nicht referiert werden.«

Wer darf sprechen und worüber?

Ein paar Fußminuten weiter, vor dem Audimax 2, hat sich der »Arbeitskreis kritischer Jurist*innen« versammelt, die Studierenden verteilen gelbe Flyer mit der Aufschrift »Kein Platz für TIN*-Feindlichkeit an der HU«. Sie sind diejenigen, die die Proteste angekündigt haben – und damit die Wissenschaftsfreiheit ihrer Universität gefährdet haben sollen. »Wir verstehen nicht, warum die Uni uns als gewaltbereit und radikal dargestellt hat«, sagt einer von ihnen, der sich als Keanu vorstellt.

Er und seine Kommilitonen hätten nur von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht. »Es geht uns nicht um den Vortrag, sondern um die Person«, sagt Keanu. Vollbrecht sei in der Vergangenheit schon häufiger mit transfeindlichen Äußerungen aufgefallen. Für Aufsehen hatte Vollbrecht vor Kurzem als Co-Autorin eines Beitrags in der »Welt« mit dem Titel »Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren« gesorgt. »Wir finden es schade, dass ihr so eine Bühne gegeben wird«, sagt Keanu.

Das Podium ist gut besetzt: Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hat sich zugeschaltet, der Präsident der Humboldt-Universität, Peter Frensch, ist da, außerdem Wissenschaftlerinnen und Aktivisten. In den nächsten drei Stunden werden im Audimax der HU alle großen Fragen aufgeworfen, die der Vorfall so hergibt: Was ist Wissenschaft, was ist Meinung? Wer darf sprechen und worüber? Und: Gibt es mehr als zwei Geschlechter?

Die Diskussion ist noch lange nicht vorbei

Peter Frensch kündigt an, Redner auf der Langen Nacht der Wissenschaft zukünftig stärker nach ihrer fachlichen Expertise auszusuchen. Stark-Watzinger fordert, das »hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit« zu bewahren. Und Rüdiger Krake, Vollbrechts Doktorvater am Institut für Biologie, räumt ein: Was Vollbrecht da referiert habe, sei »keine aktuelle Wissenschaft, sondern bereits bekannte Dinge«. Aus dem Sitzreihen kommen Buhrufe und hämische Zwischentöne, Applaus und verächtliche Lacher.

Am Ende der Veranstaltung steigt ein Mann aus dem Publikum auf die Bühne, er darf noch eine Frage stellen: »Was an der Aussage, es gibt nur zwei Geschlechter, ist transfeindlich?«, fragt er in die Runde. »Der ›Welt›-Beitrag war transfeindlich!«, brüllt einer aus dem Saal. »Ja, aber begründe das doch mal!«, antwortet der Mann.

Es bleibt noch viel zu diskutieren, auch nach diesem langen Abend.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, bei der Podiumsdiskussion sei die Frage aufgeworfen worden, ob es mehr als ein Geschlecht gibt. Gemeint war die Frage: Gibt es mehr als zwei Geschlechter? Wir haben die Stelle im Text korrigiert.

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