Evangelische Kirche "Trauer und Scham über Luthers krude Thesen"

Die Evangelische Kirche distanziert sich deutlich von Martin Luthers antisemitischen Äußerungen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL kritisiert der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm den Reformator.
EKD-Vorsitzender Bedford-Strohm: "Lange die Tatsachen verdreht"

EKD-Vorsitzender Bedford-Strohm: "Lange die Tatsachen verdreht"

Foto: Nicolas Armer/ picture alliance / dpa

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat den Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) kritisiert. "Luther hat sich in seiner Spätzeit unhaltbar und in kruden Thesen über das Judentum geäußert", sagte Heinrich Bedford-Strohm dem SPIEGEL. "Diese Verirrungen können nur Anlass zu Trauer und Scham sein." (Das ganze Gespräch lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL.)

Man habe "leider jahrhundertelang immer wieder übersehen", dass Christen "für immer in den biblischen Bund Gottes mit dem Volk Israel einbezogen" seien, fuhr Bedford-Strohm fort. Jesus habe zum gleichen Gott gebetet wie das jüdische Volk. "Es ist eine Hypothek der christlichen Theologie, dass man an dieser Stelle lange die Tatsachen verdreht hat." Allerdings hätten sich die christlichen Kirchen diesem Versagen inzwischen intensiv gestellt.

Bedford-Strohm ist bayerischer Landesbischof. Im November 2014 wurde er zum Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Mit ihm schaltet sich die höchste Instanz der Evangelischen Kirche in die seit Jahren geführte Debatte über antisemitische Äußerungen Luthers ein.

Luther hat die von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesellschaft der frühen Neuzeit nachhaltig verändert, vor allem durch seine Bibelübersetzung und seine Darstellung eines gnädigen Gottes.

Seine Äußerungen zum Judentum sind indes widersprüchlich. Noch 1523 propagierte Luther in seinem Werk "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" bedingungslose Toleranz gegenüber Juden. 1543 verfasste er dagegen die Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" und forderte die gnadenlose Vertreibung der Juden.