Massenpanik in Mekka Pilgerfahrt in den Tod

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Bei der islamischen Pilgerfahrt Hadsch sind mindestens 345 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben gekommen. Das Unglück ereignete sich an einer Brücke - an dieser Stelle starben vor zwei Jahren schon einmal Hunderte Pilger.


Mena - Trotz verstärkter Sicherheitsvorkehrungen in diesem Jahr brach die Panik wie auf früheren Wallfahrten bei der symbolischen Steinigung des Teufels in der Stadt Mena aus. "Es entstand plötzlich ein riesiger Druck von allen Seiten, unter mir waren Menschen, überall Menschen", berichtete ein leicht Verletzter dem Fernsehsender al-Arabija.

Rettungskräfte, Opfer: "Ich konnte sie nicht zählen, es waren zu viele"
AP

Rettungskräfte, Opfer: "Ich konnte sie nicht zählen, es waren zu viele"

"Die Pilger fielen übereinander und erdrückten sich gegenseitig", hieß es in einer Erklärung des Innenministeriums. Die Panik sei entstanden, weil viele der Pilger ihre persönliche Habe, wie Kleidung, abgelegt hatten und zeitgleich zahlreiche ankommende Pilger drängten, um das Ritual auszuführen. Ein Augenzeuge bestätigte dies. "Die Menschen, die ums Leben kamen, wollten für das Ritual auf die Brücke. Aber eine Welle von Menschen kam gleichzeitig und wollte von der Brücke hinunter."

Zehntausende Menschen hatten sich heute dort versammelt, um Steine auf drei Säulen zu werfen, die den Teufel symbolisieren. Die Steinigung hat den Charakter einer rituellen Sündenreinigung.

Das nur wenige hundert Meter entfernt gelegene Krankenhaus von Mena war überfüllt mit Verletzten. Andere Verwundete wurden nach Mekka oder Riad gebracht. Hunderte Teilnehmer der Pilgerfahrt wurden verletzt. Das Gesundheitsministerium gab die Zahl der Verletzten zunächst mit 289 an. Ein Arzt sprach von mehr als 1000 Verletzten.

Einige Pilger berichteten, sie hätten gesehen, wie Leichen in Lastwagen abtransportiert worden seien. Ein Augenzeuge sagte, die Polizei habe das Gebiet schnell abgesperrt und dann damit begonnen, die Leichen zu bergen. "Ich konnte sie nicht zählen, es waren zu viele."

Die symbolische Steinigung des Teufels ist einer der Höhepunkte der Pilgerreise, die jeder gläubige Muslim einmal in seinem Leben machen sollte und an der jedes Jahr rund 2,5 Millionen Menschen teilnehmen. Auch in den vergangenen Jahren kam es dabei schon zu tragischen Vorfällen. Vor zwei Jahren wurden 244 Menschen zu Tode getrampelt, 1990 gab es mehr als 1400 Tote. Wer beim Hadsch stirbt, auf den wartet nach islamischer Überlieferung ein Platz im Paradies.

Saudi-Arabien hatte sich nach den letzten Unglücken bemüht, die Sicherheit deutlich zu verbessern. So wurden die Säulen verbreitert und der Zugang erleichtert, um dem Andrang der Steinewerfer gerecht zu werden. Schiitische Geistliche erließen außerdem Edikte, die den Gläubigen ein breiteres Zeitfenster für das Ritual erlaubten. Zudem waren rund 60.000 Sicherheitskräfte im Einsatz.



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