Massive Sicherheitsmaßnahmen in Türkei Scharfschützen für den Oberhirten

Heerscharen von Scharfschützen werden auf Dächern plaziert, Polizeihubschrauber kreisen über Istanbul, gepanzerte Fahrzeuge ersetzen das Papamobil: Die Türkei rüstet sich für den Papst-Besuch. Die Angst vor gewaltsamen Protesten ist groß. Benedikt XVI. muss sogar eine kugelsichere Weste tragen.


Istanbul - Die Türkei, die der Welt den Eindruck eines modernen Staates vermitteln will, scheut keinen Aufwand, um den reibungslosen Verlauf der Papstreise zu gewährleisten. Sprengstoffspezialisten, Bereitschaftspolizisten und Anti-Terror-Experten werden jede Station Benedikts XVI. auf seinem morgen beginnenden Besuch sichern. Polizeihubschrauber werden über Istanbul, Ankara und Izmir kreisen und Marinekommandos auf Spezialbooten mit Maschinengewehren den Bosporus sichern.

Das Papamobil wird Benedikt XVI. nicht auf seiner Reise in die Türkei begleiten: Im Vatikan fürchtet man um die Sicherheit des Kirchenoberhauptes. Stattdessen wird der Papst in einer gepanzerten Limousine durch Istanbul fahren - begleitet von einem Tross gleich aussehender Fahrzeuge. Niemand soll wissen können, in welchem Fahrzeug der Papst sitzt.

Laut einem Bericht von "Times Online" gibt es Pläne, dass Benedikt XVI. unter seinen päpstlichen Gewändern eine schusssichere Weste tragen soll. Hinter den Kulissen haben sich der Vatikan und italienische Sicherheitsbehörden auf den Ernstfall vorbereitet: Spezialagenten arbeiten mit den türkischen Behörden zusammen, um die Sicherheit bei den Stationen des Papstbesuchs zu gewährleisten. Rund um das Gebäude, in dem der Papst übernachten wird, wurden Überwachungskameras installiert.

Schon vor der Regensburger Rede kam es zu Übergriffen

Einige Anti-Terror-Experten der türkischen Polizei erklärten, sie seien besorgt, dass Protestkundgebungen in Gewalt umschlagen könnten. Zu einigen Zwischenfällen ist es bereits gekommen: Anfang des Monats schoss ein Mann vor dem italienischen Konsulat um sich und rief, er werde den Papst erwürgen. In der vergangenen Woche besetzten Nationalisten die einst größte Kirche der Christenheit, die 1500 Jahre alte Hagia Sophia.

In der Türkei sind verschiedene extremistische islamische Organisationen aktiv, darunter auch Gruppen, die dem Terrornetzwerk al-Qaida zugerechnet werden. Diese wird für mehrere Anschläge auf Synagogen und britische Einrichtungen verantwortlich gemacht, bei denen vor drei Jahren 58 Menschen getötet wurden.

Schon vor der Regensburger Rede Papst Benedikts kam es in der Türkei zu gegen Christen gerichteten Übergriffen: Vermutlich im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen erschoss ein junger Mann im Februar einen katholischen Priester in Trabzon am Schwarzen Meer. Danach wurden zwei weitere Geistliche getötet. Von den rund 70 Millionen Einwohnern der Türkei sind rund 200.000 Christen.

In seiner früheren Funktion als Kardinal Ratzinger hatte sich Benedikt XVI. gegen einen EU-Beitritt der Türkei ausgesprochen, was in dem Land für Unmut gesorgt hatte.

Der Papst versucht, die Wogen zu glätten

Unmittelbar vor seinem ersten Besuch eines muslimischen Landes versuchte Benedikt XVI., die Wogen zu glätten: Er sendete "herzliche Grüße voller Freundschaft" an die Menschen in der Türkei. Als versöhnliche Geste hat der Papst sein offizielles Programm geändert, so dass er auch der Blauen Moschee in Istanbul einen Besuch abstatten wird. Es wird der zweite Moschee-Besuch eines Papstes sein. Johannes Paul II. hatte 2001 eine Moschee in Damaskus besucht.

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan sagte, er werde "Zeit finden", den Papst morgen am Flughafen in Ankara zu treffen. Weitere Treffen sind nicht geplant: Der Premierminister wird an einer Nato-Konferenz in Riga teilnehmen. Erdogan betonte, dass seine Abwesenheit während des Papst-Besuches nicht als "Brüskierung" zu verstehen sei, zitiert ihn "Times Online". Der Papst sei in der Türkei "willkommen", allerdings müsse jeder, der das Land besuche, dem Propheten Mohammed seinen Respekt zollen, erklärte Erdogan.

Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, der Benedikt XVI. auf seiner Reise begleiten wird, räumte ein, dass der Besuch einem Gang über ein Minenfeld gleiche. Er sagte der "Times", dass es das Ziel des Papstes sei, den Dialog zwischen den Religionen anzuregen - auch wenn ursprünglich vor allem die Aussöhnung zwischen Katholiken und orthodoxen Christen im Vordergrund der Reise gestanden habe.

Das Treffen mit Bartholomäus I., dem Patriarchen von Konstantinopel, sei von "besonderer Bedeutung". Bartholomäus I. ist das geistliche Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche in der Türkei und Führer von 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit. Die beiden christlichen Führer wollen bei ihrem Treffen versuchen, eine Annäherung der seit dem Jahr 1054 gespaltenen römisch-katholischen und orthodoxen Christen zu erreichen. Ein weiteres Thema des Besuchs soll der Schutz der christlichen Minderheit in der Türkei sein.

Ausgerechnet der türkische Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca, der 1981 einen Anschlag auf Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. verübte, warnte, dass das Leben des Oberhauptes der katholischen Kirche bei seinem Türkeibesuch in Gefahr sein könnte.

han/AP



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