Mauretanien Springflut in der Wüste Sahara

Kaum hatte Mauretaniens Präsident bei Allah um Regen bitten lassen, regnete es - und zwar so sehr, dass die Wüstenstadt Tintane im Wasser versank. Mehr als 15.000 Menschen mussten fliehen, eine Hungersnot droht.

Von Joachim Hoelzgen


Nuakschott - Im Südosten des Wüstenstaates Mauretanien wirkt alles konkret gegenwärtig: der heftige, aber geräuschlose Wind, schattenlose Bergketten und Schirmakazien, die einsam zwischen Wanderdünen stehen.

Hier, im Distrikt Hodh al-Garbi, hat sich in der zweiten Augustwoche ein seltenes Naturschauspiel ereignet, als aus einem milchigen Ozean von Wolken plötzlich schwere Regenfälle niedergingen.

Noch ungewöhnlicher war aber, dass kurz zuvor, in der mauretanischen Hauptstadt Nuakschott, der neue Präsident Sidi Ould Abdallahi sozusagen offiziell bei Allah um Regen flehen ließ. Jedenfalls rief er alle Mullahs Mauretaniens zu einschlägigen Gebeten auf, um so eine Dürre wie im Vorjahr abzuwenden.

Das hätte Abdallahi vielleicht besser nicht tun sollen. Denn die Regen fielen in Hodh al-Garbi auf einen Gebirgszug, von dem sie wie über eine Skischanze hinab in das Tal der Stadt Tintane jagten. Die Springflut riss Hunderte von Dattelpalmen um, brachte einen Damm zum Bersten und setzte Tintane bis an die Dächer der Lehmhütten und Basarschuppen unter Wasser.

Mit Booten durch die Wüste

Fast alle Gebäude des Marktfleckens stürzten unter dem Druck der Wassermassen ein, und mehr als 3000 Familien mussten in die weite und abweisende Saharawüste fliehen - nach Schätzungen der Uno insgesamt 15.820 Frauen, Männer und Kinder. Dort hausen sie auch jetzt noch, während Tintane nur über einen Knüppeldamm erreichbar ist - ein Fortschritt immerhin, denn zunächst stand das Wasser so hoch, dass Tintane nur mit Booten erreichbar war.

Von der Überschwemmung in der großen Sahara nahm außerhalb Mauretaniens kaum jemand Notiz. Und in dem Land der Beduinen ist man mit den Spielregeln der Weltkommunikationsgesellschaft nicht vertraut, so dass nur der Uno-Nachrichtendienst Irin von dem Desaster berichtete - und auch das nur, weil inzwischen Helfer der Vereinten Nationen vor Ort angekommen waren.

Da es inzwischen zu neuen Regenfällen kam, hat sich die Lage auch vier Wochen nach der Springflut nicht entspannt. "Noch immer ist die Stadt überflutet, sie ist praktisch ein See", melden Retter aus Tintane. Das kleine Hospital, ein Warenlager des World Food Programme (WFP) der Uno, die Moschee und sechs von sieben Schulen stehen voll mit Wasser. Und weil auch die Anlage zur Säuberung von Trinkwasser ausgefallen ist, seien die Ausmaße der Flut "enorm", heißt es im jüngsten Lagebericht aus dem Ort ohne Durchschlupf und begehbare Pfade.

Kühlschränke für Impfstoffe benötigt

Tintane sei "unbewohnbar", musste auch Staatschef Abdallahi zerknirscht konstatieren, der mit seinen Ministern an den Schauplatz des Desasters reiste.

Zum Glück haben Länder wie Marokko und Tunesien Zelte und Decken bereitgestellt - es fehlt in den Camps der Überlebenden aber an Kühlschränken für Impfstoffe gegen Cholera, an Desinfektionsmitteln sowie an Moskitonetzen, mit denen sich die Blutmahlzeiten von Malaria-Stechmücken verhindern lassen.

Und weil die Märkte von Tintane unter Wasser stehen, droht 10.000 Menschen aus Dörfern in der Umgebung Hunger. Viele Kinder sind unterernährt und bewegen sich zwischen den Zelten wie Schatten auf Stelzen.



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