Medienschlacht Polnischer Coach entschuldigt sich für Boulevard-Exzesse

"Verrückt, schmutzig, krank": Mit deutlichen Worten hat sich der Trainer der polnischen Nationalmannschaft, der Niederländer Leo Beenhakker, für die martialische Kampagne in einigen Boulevardblättern entschuldigt. Der Coach sprach von einer "schrecklichen Sache".


Hamburg - Die Kampagne war selbst für die zur Polemik neigenden polnischen Boulevardmedien starker Tobak: Die Zeitung "Super Express" hatte Mittwoch auf der Titelseite eine Fotomontage abgedruckt, auf der Beenhakker die abgetrennten Köpfe von DFB-Kapitän Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw in den Händen hält. Die Überschrift lautete: "Leo, bring uns ihre Köpfe".

Der Coach der polnischen Nationalmannschaft, Leo Beenhakker, hat sich nun im Namen der polnischen Fußball-Nationalmannschaft bei den Deutschen für die martialische Berichterstattung entschuldigt. "Das war ein schreckliche Sache", sagte der Trainer in Bad Tatzmannsdorf. "Verrückte, schmutzige und kranke Leute" seien dafür verantwortlich gewesen.

Die von Axel Springer herausgegebene Tageszeitung "Fakt" hatte den medialen Feldzug ausgelöst. "Leo, wiederhole Grunwald", titelte das Warschauer Boulevardblatt am Dienstag und zeigte eine für deutsche Fußballfans wenig erfreuliche Collage, auf der Ballack mit Wilhelminischer Pickelhaube vor Polens Nationaltrainer kniet, während der mit einem Schwert zum tödlichen Schlag ausholt.

Der martialische Imperativ des Blattes soll an das Jahr 1410 erinnern, als ein polnisch-litauisches Heer zwischen den Dörfern Grunwald und Tannenberg die Deutschen besiegte. Am Mittwoch legten die Macher von "Fakt" noch einmal nach und zeigten Ballack als Beifahrer eines Trabbis, der von Beenhakker geritten wird. Titel: "Leo tritt die Trabbis", sprich die Deutschen, in den Allerwertesten.

"Super Express" übertraf dann die Konkurrenz sogar - mit der Fotomontage, die Beenhakker mit den blutigen Köpfen von Ballack und Löw zeigt.

Auch die Europäische Fußball-Union Uefa kritisierte die Kampagne vor dem Deutschland-Polen-Spiel am Sonntag. "Das ist sicherlich nicht etwas, was wir begrüßen. Wir meinen, man sollte über Fußball reden. Wir wussten seit der Auslosung, dass diese Begegnung eine gewisse Brisanz mit sich bringt. Wir hoffen aber, dass das Geschehen auf dem Platz im Mittelpunkt stehen wird", sagte Uefa-Sprecher Robert Faulkner am Donnerstag in Basel.

Auch der Vorsitzende des Bundestagssportausschusses, Peter Danckert, zeigte sich empört, er sagte der "Bild": "Diese Fotomontage ist ein einziger Skandal, absolut unterirdisch. Ich hoffe, dass die polnische Regierung angemessen darauf reagiert."

Gesine Schwan, die Beauftragte der Bundesregierung für deutsch-polnische Beziehungen, erklärte in "Bild": "Es wäre bedauerlich, wenn jetzt wieder nationalistische Sprüche vom eigentlichen Ereignis, dem Sport, ablenken würden. Fußball ohne Stil und Respekt - das geht gar nicht."

Der polnische Botschafter in Deutschland, Marek Prawda, verurteilte die drastischen Darstellungen als "idiotische Geschmacklosigkeit": "Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die seriösen polnischen Medien diese Entgleisung in ihrer Berichterstattung ebenfalls geißeln", sagte Prawda der "Welt". "Ich finde es besonders schlimm, dass diese Sache in einer Zeit veröffentlicht wird, in der die Fans in Kontakt kommen. So etwas ist völlig unnötig und sollte eigentlich ignoriert werden."

Joachim Löw reagierte mit der für ihn typischen Gelassenheit auf die blutrünstige Medienschlacht. Bei einer Pressekonferenz in Tenero am Donnerstagmittag sagte der Bundestrainer, in der Mannschaft sei die polnische Berichterstattung "kein Thema": Er hoffe auf ein friedliches Miteinander deutscher und polnischer Fans, von Coach Beenhakker habe er im Übrigen eine hohe Meinung: "Fachlich und menschlich".

pad/ala/dpa/AP/sid

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