Mehr Luxus auf dem Lokus Chinas Regierung bläst zur Toiletten-Revolution

Die Latrinen des Landes sind eine Zumutung: Ohne Trennwände, Türen, Handwaschbecken oder Klopapier glänzen Chinas öffentliche Anstalten vor allem durch Abwesenheit hygienischer Standards. Auf dem 4. Welt-Toilettengipfel in Peking fordern Tourismus- und Gesundheitsexperten mehr Management bei der landesweiten Klo-Modernisierung.

Von , Peking


Nur das Beste für die Olympiade 2008: Moderne Toilette in Peking
REUTERS

Nur das Beste für die Olympiade 2008: Moderne Toilette in Peking

Peking - "Der Ruf der Nation und der ganzen Gesellschaft steht und fällt mit ihren Toiletten", erklärte heute der Vize-Direktor des Nationalen Chinesischen Tourismus-Büros, Gu Chaoxi auf dem 4. Welt-Toilettengipfel in Peking. Rund 400 internationale Soziologen, Politiker, Beamte, Tourismusfachleute und Sanitär-Spezialisten tauschen von heute an bis zum 19. November Erfahrungen über ein leidiges Thema aus: das öffentliche Klo, sein Wesen, seine Vergangenheit und seine Zukunft.

Der Ort des Kongresses ist gut gewählt: Denn besonders in China ist die Bedürfnisanstalt ein Platz, den man in der Regel schnell aus seinem Gedächtnis spült: Stinkende und verdreckte Latrinen haben dem Ruf des Landes erheblich geschadet - und sogar zu diplomatischen Verwicklungen geführt.

Tourismusexperte Gu berichtete auf dem Kongress von der Beschwerde eines thailändischen Außenministers an seinen Pekinger Amtskollegen: Der Gast hatte bei der Besichtigung der Ming-Gräber in der Nähe der Hauptstadt einen gewissen Drang verspürt - und konnte danach nicht umhin, sein blankes Entsetzen in einer Protestnote auszudrücken.

Vielleicht war es die Angst vor dem Geist der Pest und Seuchen, die Chinesen in den vergangenen Jahrhunderten davon abhielt, sich ernsthaft mit öffentlicher Hygiene zu befassen. Selbst die Kaiser sollen in der Verbotenen Stadt keinen Lokus gehabt haben. Noch heute fehlen in vielen alten Pekinger Häusern private Toiletten und auch in den meisten Dörfern existieren nur Gemeinschaftsklos, die man meilenweit an ihrem Geruch identifizieren kann.

"Wie kann es sein, dass China Satelliten bauen kann, aber keine Toilette, die nicht stinkt?", schimpfte der frühere Staats- und Parteichef Jiang Zemin. Ein hoher Funktionär soll bei einen Staatsbesuch in Japan dabei ertappt worden sein, wie er auf einer Toilette eine Zeichnung anfertigte - offenkundig um sie als Modell für die ideale Toilette zu Hause zu zeigen.

Staatlich verordnete Hygiene-Offensive: Toilette in einem Hotel der Hauptstadt
AP

Staatlich verordnete Hygiene-Offensive: Toilette in einem Hotel der Hauptstadt

Bis spätestens zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking soll - zumindest in der Hauptstadt - alles anders werden: Die Regierung will viele Millionen Yuan investieren, um die städtischen Klos zu modernisieren. Vor allem die Bedürfnisanstalten in der Innenstadt müssen ein für Touristen akzeptables hygienisches Niveau erreichen, lautet das Ziel. Allein für die Touristenorte müssten, berichtete Gu, in den nächsten drei Jahren 747 Toiletten umgebaut oder ganz neu errichtet werden - Toiletten-Revolution in China.

Immerhin hat sich an der Klo-Front in den letzten Jahren einiges getan: Sogar Ein-, Zwei- und Drei-Sterne-Toiletten mit Babywickeltischen und einem Verwalter, der von einem Büro neben dem Klo aus für Sauberkeit und Ordnung sorgt, bieten den Passanten nun einen Ort zur Erleichterung.

Funktionäre gründen mittlerweile "Toiletten-Vereinigungen", sprechen von "Management-Richtlinien für öffentliche Bedürfnisanstalten", von einem "freundlichen Toiletten-Umfeld" und locken den privaten Sektor, in öffentliche Klos zu investieren.

Im Zweifel lieber im Freien: Öffentliche Toilette in Peking
AFP

Im Zweifel lieber im Freien: Öffentliche Toilette in Peking

Chinas "Toiletten-Revolution" ist aber bis heute nicht in alle Ecken Pekings vorgedrungen, wie eine Stichprobe von SPIEGEL ONLINE in fünf öffentlichen Toiletten unmittelbar hinter dem Tagungsort, dem "Beijing International Hotel", beweist.

Die erste Latrine hat keine Trennwände und keine Türen zwischen den Abtritten. Nummer zwei bis vier besitzen immerhin Trennwände, aber keine Türen - das WC als öffentlicher Begegnungsort. Ein Steinbecken für jene, die nicht hocken wollen oder können ist in drei Örtchen vorhanden. Die Besucher können es über ein Loch schieben.

Eine Wasserspülung ist in keiner der Toiletten zu entdecken. Papier und Handwaschbecken - ebenfalls Fehlanzeige. Abort Nummer fünf hingegen scheint blitzsauber, hat Einzelkabinen, ist aber noch nicht geöffnet.

Und wie sieht es erst in den armen Provinzen aus? Noch immer bestehe auch bei den Toiletten eine "große Kluft" zwischen dem Osten Chinas und dem weiten Westen, gab Tourismus-Funktionär Gu vor der in Peking versammelten Fachwelt zu. Wie postulierte doch eine amerikanische Delegierte? "Der Gang zum Klo ist ein elementares Menschenrecht."



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