Zur Ausgabe
Artikel 48 / 115

Mode Mein Freund Sado

Erst verfemt, dann kopiert: Der Belgier Walter van Beirendonck ist der Star der Mode-Saison.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Ein Mann flaniert mit seinem Gefährten, einem Bullterrier, durch das Nuttenviertel von Antwerpen. Hund und Herr ähneln sich auffällig. Beide tragen kurzgeschorene Haare, beide sind übergewichtig. Und beide propagieren eine eigenwillige Botschaft, die sie auf Schrifttafeln um den Hals tragen: »Mode ist Sex! Sex ist Mode!«

Was immer damit gemeint sein mochte, die Polizei war jedenfalls dagegen: Sie verhaftete den Mann und beförderte ihn, nachdem ein Straftatbestand nicht zu konstruieren war, zur Begutachtung ins nächstgelegene Krankenhaus: Der Patient habe, so lautete die Diagnose, »einen höchst ungewöhnlichen Appetit auf Sex und einen nicht zu bremsenden Drang nach Pfefferminzbonbons«.

So jedenfalls erzählt Walter van Beirendonck die Geschichte - und die klingt ähnlich schrill, wie die Mode aussieht, mit der er weltweit Aufsehen erregt: In der Branche gilt der 37jährige Exzentriker aus Belgien als vielversprechendes Talent.

Nun präsentiert van Beirendonck sich und seine Kreationen auf der Kölner Herren-Mode-Woche, die am Freitag dieser Woche beginnt. Dort zeigt er Gummi-Shirts und platinglänzende Jeans, Pullover mit garstig bunten Drachenmotiven und Latzhosen, die anmuten, als seien sie aus Tarnnetzen gefertigt.

Angelehnt ist das an jenen »Clubwear«-Stil, der unter Kids schon seit Jahren grassiert: die Sucht nach Grellem im XXL-Format, die viele Schichten übereinanderzwiebelt und so bunt ist wie eine Bonbonexplosion. Wer sich in den Pop-Channel MTV hineinzappt, kennt den großen Farbenrausch.

Die Youngster-Manie nach schlabbernden Übergrößen steht, wenngleich in gemilderter Form, nun der Erwachsenenwelt bevor. Und zugleich kehrt auf breiter Front der Military-Look wieder - zusammen ergibt das einen Mix aus Rapper-Klamotten und Armee-Uniformen.

»Diese Art von Mode habe ich schon immer gemacht«, sagt Walter van Beirendonck. In Köln will er seine »Wild & Lethal Trash«-Linie vorstellen - die leicht zivilisierte Version jener Debüt-Kollektion, mit der er vor zwölf Jahren ebensoviel Aufsehen wie Entrüstung erregte: Sie bestand aus Lederriemen-Gewändern, Bankräuber-Kapuzen sowie Hemden mit Gummibrüsten, die von Sicherheitsnadeln durchstochen waren.

Kaum einer wollte die Brutalo-Ware haben, in Sado-Maso-Zirkeln jedoch wurde sie zum Hit: »Schließlich hatte ich die Sachen ja auch so designt«, behauptet der Modemacher, »daß sie bei einschlägigen Praktiken ihre Funktion zufriedenstellend erfüllten.«

Seinen ersten Erfolg verdankt van Beirendonck Sado, seinem Bullterrier. »Der sah so komisch aus«, erinnert sich der Mann, »daß ich gar nicht anders konnte, als mich von ihm inspirieren zu lassen.« Im Terrierfieber entwarf er Pullover, auf denen Sados Bildnis prangte - mal mit hochgeschnürten Turnschuhen, mal als pfotenschwingender Punker.

Die Strickware wurde ein Verkaufsschlager - und Sado zum Szenestar, dessen »hundsgemeine Abenteuer« in einer Comic-Serie zur Kultlektüre avancierten. Als der treue Gefährte vor zwei Jahren starb, schuf van Beirendonck einen letzten Sado-Pulli - Aufschrift: »Friends forever«.

Seither arbeitet van Beirendonck, von allen guten Hundegeistern verlassen, allein in seinem Studio in der Henri-van-Heurckstraat von Antwerpen, umgeben von Bambifiguren und bedröhnt von Techno-Musik. »Die gibt mir«, erklärt er, »jede Menge Energie.« Und die wird er als Avantgardist brauchen, wenn er im nächsten Jahr noch hip sein will.

Denn mittlerweile haben viele Modeschöpfer seine Stilmischung aus Kampfanzug und Überdimension kopiert: »Soldier of Fashion« nennt beispielsweise Boss seine »Army-Sakkos und Mäntel in Überlänge«. Im Geschlechterkampf, so Boss-Chefdesigner Werner Baldessarini, herrscht dabei Klamottengleichheit: »Die Teile sind vielfach so geschnitten, daß sie von Männern wie von Frauen getragen werden können.«

Auch mit seinen Mustern und Quietschfarben liegt der Belgier, den Freunde seiner bulligen Zwei-Zentner-Statur wegen »Tough Teddy« nennen, im Trend: Giorgio Armani, der den Mann von Geld anzieht, kapriziert sich neuerdings auf Farben wie Pink und Lagunengrün. Das Italo-Duo Dolce & Gabbana hat für 1995 knallgelbe Karohosen und mintgrüne Streifenshirts im Programm.

Die Vorstellung, daß demnächst »alle in solchen Sachen herumlaufen«, findet van Beirendonck »schrecklich«. Deshalb plane er »etwas Neues, kaum Vorstellbares«. Was das ist, will er noch nicht verraten - Begründung: »Der gute alte Sado hielt auch sein Maul, wenn er neben mir im Bett schlief«. Y

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.